Jelica Grujić (FIPA): "Die ausländischen Investoren vermissen in Bosnien die unternehmerische Mentalität"

© Jelica Grujic (FIPA)
Trotz der politischen Krise vermochte Bosnien von Januar bis September 2011 187 Mio Euro an ausländischen Investitionen anzuziehen. Diese verteilten sich hauptsächlich auf Immobilien (52 Mio Euro), Handel (51 Mio Euro) und Finanzsektor (29 Mio Euro). Russland, Serbien, Österreich, Slowenien, Deutschland, Holland und die Türkei waren 2011 die grossen Investoren in Bosnien und Herzegowina. Zu den wichtigsten Projekten und Investitionen gehören die Raffinerie Brod und der Ausbau des Stadtzentrums von Sarajevo (Sarajevo City Centar), des weiteren zu erwähnen sind die von den Unternehmen Heidelberg Cement, Mercator und Al Jazeera initiierten Projekte.
Interview mit Jelica Grujić, Direktorin der Agentur zur Förderung ausländischer Investitionen (FIPA) in Bosnien und Herzegowina.
Trotz der rauen weltwirtschaftlichen Lage mit nie zuvor gekannten Schwierigkeiten gingen die ausländischen Investitionen in Bosnien und Herzegowina nicht zurück.
Jelica Grujić: "Die ausländischen Investitionen in Bosnien im Jahr 2011 sind nicht gross, doch dass die wirtschaftlichen Aktivitäten weiterhin anhalten, ist sehr positiv in Bezug auf das Image. Für 2012 wird die gleiche Tendenz erwartet. Ich muss sagen, dass das Interesse der ausländischen Investoren in Bosnien immer da war. Trotzdem stelle ich bei meinen Gesprächen mit Investoren sehr oft fest, dass nicht das Geld das Problem ist. Das grösste Hindernis zur Ausführung von Investitionsprojekten ist in erster Linie die in Bosnien und Herzegowina fehlende Unternehmermentalität, abgesehen von der aktuellen Lage im Land. Um nach Bosnien zu kommen, müssen die Ausländer als Partner Bosniens unterstützt werden können, ob von den Behörden, von Unternehmen oder von Einzelpersonen. Im Anziehen von ausländischen Investitionen sind diejenigen Bosnier, die im Ausland gelebt und gearbeitet haben, am erfolgreichsten, denn sie haben eher eine unternehmerische Mentalität."
Welche Investitionen sind für 2012 geplant?
J.Grujić: "Wesentlich für Bosnien und Herzegowina ist, dass es gelang, die nach und nach gekommenen ausländischen Investoren im Land zu halten. Es muss uns vor allem gelingen, diese dazu zu bringen, weiterhin bei uns zu investieren, so dass sie mit ihrem Beispiel das Interesse neuer Investoren wecken. Die jetzt anwesenden Investoren kennen Bosnien gut, sie sind sich der besonderen Vorteile, Nachteile und Potentiale bewusst. Deshalb lässt sich sagen, dass sie es sind, die neue Investitionsprojekte beginnen. Dies war 2011 so, und wird auch 2012 so sein. Zu den grössten Projekten zählen die Investitionen in Rudnik, die Investitionen in Wärmekraftwerke in Stanari und Ugljevik, in den Bau einiger kleiner Wasserkraftwerke, sowie in die Realisierung des Flughafenzentrums in Sarajevo (Airport Centar Sarajevo). Erwähnen möchte ich auch, dass einige Grossverteiler in Bosnien anwesend sind und weiter hier investieren. Doch gibt es noch weitere Warenhausketten, die kommen, wie beispielsweise die deutschen."
Was braucht es, um ausländisches Kapital anzuziehen?
J.Grujić: "Daran müssen alle arbeiten, die Institutionen, die Firmen, die Einzelnen ... Die Behörden des Landes müssen ein günstiges Klima für ausländische Investitionen schaffen. Gleichzeitig hat jeder Einzelne, direkt oder indirekt, Einfluss auf das Image, das von einem Land entsteht. Einige Jahre früher hatten wir in Bosnien und Herzegowina eine Art Misstrauen gegenüber ausländischen Investoren, vor allem in den kleinen Städten und den Dörfern, doch dies hat sich heute geändert. Bei jedem Projekt, das erfolgreich abgeschlossen werden soll, müssen Ziele und Aufgaben ganz klar definiert werden. Um ausländisches Kapital anzuziehen, gilt das Gleiche. Das heisst, das Gelingen in diesen Bereichen hat mit gemeinsamen Anstrengungen und Arbeit zu tun."
Bald wird Kroatien der EU beitreten. Möglicherweise wird es einen Teil seiner Produktion nach Bosnien und Herzegowina transferieren. Wie können wir die kroatischen Investoren anziehen?
J.Grujić: "Insgesamt 18,8 Prozent der Importe in Bosnien und Herzegowina stammen aus Kroatien. Mit Kroatiens Beitritt zur EU werden die Importe teurer werden. So ist es denkbar, dass einige Exportfirmen sich überlegen werden, die Produktion nach Bosnien zu verlegen oder ihre Produktionskapazitäten hier zu erweitern; besonders kroatische Firmen, die schon jetzt in Bosnien und Herzegowina tätig sind, wie Ledo, Vindija, Kras, Podravka, Belupo etc. Vergessen wir nicht, dass auch noch weitere Unternehmen ihre Investitionen nach Bosnien verlegen können, ich denke vor allem, dass alle diese Unternehmen ihre Produktion in Kroatien abbrechen werden, weil sie die strikten Standards der Europäischen Gemeinschaft nicht erfüllen, etwa wegen der Anwendung ungeeigneter Technologien.
Bevor sie einen solchen Schritt unternehmen, müssen ausländische Investoren Gewissheit haben, dass die Gesetze Bosniens juristisch, reglementarisch und zollrechtlich mit der EU-Gesetzgebung übereinstimmen, ob also in Bosnien und Herzegowina produzierte Waren problemlos in EU-Staaten exportiert werden können. Doch auch die Frage des Umfelds, in welchem Geschäftsbeziehungen entwickelt werden, ist ein Kriterium. Mit andern Worten, wenn die andern Länder der Region mehr Vorteile bieten, dann ist es ganz natürlich, dass die Investoren sich mehr auf die andern Länder zurückziehen werden.
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