Kosova hat Imageprobleme

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Die Diaspora ist ein potentieller Investor, kein Hilfswerk, sagt Safet Gërxhaliu, Präsident der Kosovarischen Wirtschaftskammer, im Gespräch mit albinfo.ch.


Albinfo.ch: Sind Sie mit den ausländischen Investitionen in Kosovo zufrieden?


S. Gërxhaliu: Wenn Sie die wirtschaftliche Situation, die Entwicklungstrends und die wesentlichen Indikatoren in Kosova genau analysieren, besteht kein Grund, mit den ausländischen Investitionen, seien es direkte oder indirekte, zufrieden zu sein.

 

Albinfo.ch: Warum?

 

S. Gërxhaliu: Es gibt viele Gründe. Sehen wir uns die Berichte verschiedener internationaler Organisationen an, die das Geschäftsklima bewerteten, dann sehen Sie, dass Kosova 2011 einige harte Schläge einstecken musste, sei es im Bericht Doing Business, sei es in jenem von Amnesty International, sei es im Kampf gegen die Kriminalität. Und der gemeinsame Nenner von all dem ist, dass Kosova ein äusserst negatives Image hat, was ausländische Investoren entmutigt.

 

Albinfo.ch: In einer vom Portal albinfo.ch durchgeführten Umfrage äussern über 50% der Teilnehmenden die Ansicht, dass die Korruption der Hauptgrund sei, weshalb ausländische Firmen in Kosova nicht investierten. Stimmen Sie dem zu oder sehen Sie es eher als eine Frage der Wahrnehmung?

 

S. Gërxhaliu: Bevor ich die Frage beantworte, möchte ich hier sagen, dass die kosovarische Diaspora, und zwar diejenige in allen Ländern, einen viel persönlicheren, substanzielleren und aufrichtigeren Umgang verdient. Leider fehlt dieser Umgang. Wir brauchen die Diaspora nur dann, wenn wir Hilfe benötigen, und die Hilfe der Diaspora ist gross. Der Grund für das Fehlen von Investitionen jedoch ist tatsächlich derjenige, den die Analyse von albinfo.ch zu Tage brachte, denn die Korruption und die Tendermanie sind zu einem Krebsgeschwür geworden, einer Krankheit, die mit Sicherheit der Zukunft der wirtschaftlichen Entwicklung in Kosovo schadet. Wenn schon wir nicht bereit sind, unsere Diaspora zu ermutigen, in Kosovo zu investieren, inwiefern werden dann andere bereit sein, in Kosovo zu investieren! Deshalb würde eine neue Plattform, ein Finanzpaket oder ein Investitionspaket für die Diaspora, von den landeseigenen Institutionen vorbereitet, auch zur Hebung von Kosovos Image beitragen, und so hätten wir zwei Fliegen auf einen Schlag: Unsere Diaspora würde zum Investor, und die Ausländer würden, wenn sie unsere Diaspora investieren sehen, ebenfalls investieren. Es ist der grösste Fehler, das finanzielle Potential der Diaspora als wichtigsten Parameter für ihre Beurteilung zu nehmen. Was wir brauchen, ist die Arbeitstradition, wir brauchen Erziehung, Kultur und alle diese Tugenden von der Diaspora, doch leider wird sie nicht beachtet.

 

Albinfo.ch: Kosova hat Institutionen eigens für die Diaspora. Denken Sie, dass diese nicht genügend unternehmen?

 

S. Gërxhaliu: Vor einigen Tagen sagte ich an einer Medienkonferenz, dass diese Aktivitäten koordiniert werden müssten, um die kosovarische Diaspora zu ermutigen, und um ausserdem auch die ausländischen Investoren zu ermutigen. Doch wie Sie sehen, macht das Diasporaministerium hier etwas, das Aussenministerium da etwas, dasjenige für Handel und Industrie auch etwas, was im im Endeffekt bedeutet, dass niemand die Verantwortung vollständig übernimmt, worunter Investoren und kosovarische Wirtschaft leiden. Es ist unmöglich, die Investoren zum Investieren in Kosova zu bringen.

 

Albinfo.ch: Sie erklärten, weshalb in Kosovo nicht investiert wird; aber gibt es einen Grund, weshalb ein Investor aus der Diaspora, ein schweizerischer, deutscher oder einfach ein ausländischer Investor überhaupt in Kosovo investieren soll?

 

S. Gërxhaliu: Ich meine, dass die kosovarische Diaspora ihren Beitrag geleistet hat: vor, während und nach dem Krieg. Und tatsächlich sind die Emigranten enttäuscht, denn ihr Traum von Kosova sah ganz anders aus. Sie hatten nicht erwartet, dass Kosovo dereinst die Ranglisten für Korruption, Bürokratie und andere derart negative Erscheinungen anführen wird. Doch all dies lässt sich auf einen einzigen gemeinsamen Nenner zurückführen, nämlich den Begriff der Transition. Solcherart sind die typischen Wesenszüge der Transition. Das Ganze gleicht einem Fluss, der über die Ufer getreten ist und nun nach heftigen Regenfällen alles Mögliche an die Oberfläche wirbelt. Das Wasser wird sich mit der Zeit so oder so klären, doch wir haben es in der Hand, den Prozess zu beschleunigen. Je sauberer das Wasser, bildlich gesprochen, desto einfacher können ausländische Investitionen und solche aus der Diaspora angezogen werden. Doch für die Förderung des Wertebewusstseins und die Verbesserung des Images muss mehr getan werden. In erster Linie gilt es sich bewusst zu werden, dass in Europa, im deutschsprachigen Raum, ungefähr 193'000 albanische Familien leben, die durchschnittlich dreitausend Euro pro Jahr nach Kosova schicken. Der Rest der Gewinne bleibt auf den europäischen Banken, den Banken der deutschsprachigen Länder, und es wird geschätzt, dass dieses Kapital 2,5 Milliarden Euro beträgt. Stellen Sie sich vor, wenn nur schon der grössere Teil dieser Gelder in kleine und mittlere Unternehmen in Kosovo investiert wird, in den Produktionssektor und in Zentren für Berufsbildung und beruflichen Wiedereinstieg, dann würde der Entwicklungsprozess viel stärker beschleunigt, als dass dies jetzt der Fall ist.


Albinfo.ch: Sie treffen sich auch mit ausländischen Geschäftsleuten, haben Kontakte mit Schweizern, Deutschen, Österreichern und anderen. Was haben diese Leute für einen Eindruck von Kosovo? Wie sehen sie uns?


S. Gërxhaliu: Sie sind eine sehr kritische Stimme. Doch ist gleichzeitig nicht von der Hand zu weisen, dass Kosova von innen her besser ist als es von aussen her aussieht. Das Image und was von den europäischen Medien verbreitet wird, gleicht eher eine Zusammenfassung der Rubrik Unfälle und Verbrechen denn der positiven Dinge. Deshalb ist es eine moralische Verpflichtung von uns allen, unsere Hausaufgaben professionell zu machen. Und wenn wir in dieser Hinsicht zu Resultaten kommen, dann wird sich auch das Image Kosovas ändern. Es wartet Arbeit auf uns, wir haben keinen Grund zur Zufriedenheit, die Herausforderungen sind gross, und jetzt, wo mit einigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten für das Jahr 2012 gerechnet wird, wird es Zeit, bei der Verbesserung von Kosovas Image und der Förderung der Investitionen aktiver zu werden.

 

Albinfo.ch: Weshalb sollte ein Schweizer in Kosovo investieren?

 

S. Gërxhaliu: Ich war vor einigen Tagen in Deutschland und ein deutscher Investor wandte sich auf eine sehr interessante Art an seine Kollegen. Er sagte: "Wenn ihr in ein Land investieren wollt, wo es überhaupt kein Problem gibt, dann tut dies in der Schweiz, aber wenn ihr in ein Land investieren wollt, wo es Herausforderungen und Schwierigkeiten gibt, wo jedoch längerfristig Gewinn erzielt werden kann, dann investiert in Kosovo und den andern Ländern des Balkans." Wir müssen begreifen, dass Kosova zum Balkan gehört und dass diese Region Teil Westeuropas ist und dass wir beanspruchen, eines Tages zur europäischen Familie zu gehören. Je früher das wirtschaftliche Terrain vorbereitet wird, desto schneller wird die politische Integration erfolgen. Deshalb ist es Zeit, Kosova nicht nur mit humanitärer Hilfe zu unterstützen, sondern zu erkennen, dass es auch konkrete Investitionsmöglichkeiten gibt: zur Schaffung neuer Arbeitsplätze, Investitionen in die Produktion und die Verbesserung der Handelsbilanz. Ein Staat kann nicht überleben und sich wirtschaftlich entwickeln, wenn er nur Bargeld importiert.

 

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