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Kosova : eine Abfallhalde unter freiem Himmel

Verschmutzte Gewässer, alte Autos, Strassenborde voller Müll, mangels eines Abfallsammelsystems: Das Land ist eine Abfallhalde mitten in Europa.

Es könnte eine Anekdote sein. Doch es ist faszinierend, Luigj Imeri in die unheimlichen Innereien des Wärmekraftwerks Kosova B zu folgen. Er hat eine Zigarette in der Hand. Eine brennende Zigarette. Der Direktor kümmert sich kein bisschen um die Rauchverbotsschilder. Entschlossenen Schrittes geht er voran, von der Kommandohalle, von Alstom erbaut, zu den Generatoren, durch endlose Gänge bis zu seinem Büro, dessen Wände  den Geruch von abgestandenem Rauch ausatmen. Das ist doch ohne Bedeutung, liesse sich sagen, führt er doch die 624 Angestellten dieser Hochburg der nationalen Wirtschaft meisterhaft. Doch liesse sich darin auch ein Symbol sehen, eines, das das die Verachtung für ökologische Fragen in Kosova ausdrückt.

Verschmutzte Gewässer, alte Autos, Strassenborde voller Müll, mangels eines Abfallsammelsystems: Das Land ist eine Abfallhalde mitten in Europa. Die jährlichen Kosten der Verschmutzung wurden von der Weltbank auf ungefähr 221 Millionen Euro geschätzt. Die Verschmutzung verursacht jedes Jahr durchschnittlich 835 vorzeitige Todesfälle, 310 neue Fälle chronischer Bronchitis, 600 Hospitalisierungen. In dieser katastrophalen Bilanz wiegen die beiden nationalen Wärmekraftwerke schwer.

Obiliq, 21’000 Einwohner. Die Stadt befindet sich in der Nähe von Kosova A und Kosova B, keine sieben Kilometer von der Hauptstadt Prishtina entfernt. In den Räumen des Zentrums für Hausarztmedizin sitzt dessen Leiterin Atifete Shulemaja, 53, vor ihrem Computer.  “Seit dem ersten Februar sind es schon zwei …” Zwei Fälle von Lungenkrebs. 2012 erfasste sie zwanzig, dazu vierundfünfzig Herzkrankheiten, ein Fall von kranken Nieren, siebenundfünfzig Personen mit Atemproblemen.

Das eine sind die Zahlen, das andere die reale Gegenwart für den Besucher. Sie befinden sich auf der Strasse. Eine graue Schicht bedeckt die länger parkierten Fahrzeuge. Ihre Kehle ist rau, sie zieht sich zusammen, weigert sich, die verpestete Luft einzuziehen. Die Kamine der Thermozentralen scheinen sich drohend, mit rauchenden Nüstern, über die Wohnhäuser zu neigen. “Man müsste die Bevölkerung in dieser Gegend total evakuieren, erklärt die Ärztin. Man weiss es seit Jahren, es gab Ansätze, aber es ist, wie wenn man an eine Wand spricht.” Die Wand, das ist die KEK, die Energiegesellschaft Kosovos, eine öffentliche Gesellschaft. Geradesogut kann man sich an die Regierung wenden. Also auch an die Europäische Union.

Obwohl die internationale Überwachung der Unabhängigkeit seit September 2012 abgeschlossen ist, geschieht in Kosova kaum etwas ohne ausländische Unterstützung. Das ökologische Desaster ist demnach die Geschichte eines monumentalen Schlamassels, für den die Europäische Union teilweise mitverantwortlich ist. Ein Schlamassel, der so zusammengefasst werden kann:  Vierzehn Jahre nach Kriegsende funktioniert die Stromversorgung in Kosova immer noch nicht richtig. Richtig würde bedeuten, ohne Auslandimport, ohne Stromunterbrüche in den Haushalten, ohne Stromdiebstahl, ohne für hunderte von Millionen Euro in der Kreide zu stehen, ohne erschreckende Monumente für die öffentliche Gesundheit.

In der Nähe von Kosova A zählt das Dorf Dardhishte nur noch 1700 Einwohner, gegenüber dem Dreifachen vor dreissig Jahren. Es gibt noch eine Schule. Eine Autowaschanlage. Ein aufgegebenes Bahngleis. Burim Gërguri, stellvertretender Bürgermeister, tritt zu seinem Haus hinaus. Er ist dreissig Jahre alt. Er ist hier geboren, wie seine ganze Familie, in diesem Kessel, dessen Qualm einen fast erstickt. “Normalerweise sollten wir alle umgesiedelt werden. Aber schliesslich entschieden sie, es genüge, die Deponie zuzudecken. So wurden wir geopfert.” Besagte Deponie ist eine riesige Landfläche, von Hügeln gesäumt, am Ausgang des Dorfes, wo vierzig Millionen Tonnen Asche zwischengelagert sind. Denn die beiden Wärmekraftwerke funktionieren mit Braunkohle, von welcher es Reserven von fünfzehn Milliarden Tonnen geben soll.

Burim Gërguri zeigt mit anklagendem Finger auf die Zentrale Kosova A, dann auf die Deponie. “Wir sind in einem Sandwich. Unser Dorf ist vielleicht das am meisten verschmutzte von ganz Europa. Wegen der verschmutzten Erde kann weder Landwirtschaft betrieben noch das Flusswasser genutzt werden.” Das Phenol, eine  extrem giftige Substanz, und andere chemische Produkte, von denen Tausende Kubikmeter während langer Zeit ohne Vorsichtsmassnahmen zwischengelagert wurden, haben den Boden zugrunde gerichtet. Die Luft ist nicht zum Einatmen, vor allem im Winter, wenn der Energiebedarf steigt. Der Onkel von Burim Gërguri starb 2004 an Lungenkrebs, 53-jährig. Ein Dorfbewohner hat eben erfahren, dass er an Kehlkopfkrebs leide. Weshalb nicht weggehen? “Wir sind traditionelle Familien. Wir leben von unserm Stück Land. Wir haben keine Lust, uns in Wohnungen in Prishtina pferchen zu lassen.”

Bei der KEK unterstreicht man die erreichten Fortschritte. “Es ist gefährlich, in der Nähe von Wärmekraftwerken zu leben, doch diese Gefahr war vor sechs Monaten grösser als jetzt, erklärt der Sprecher der KEK, Viktor Buzhala. Wir haben alles verändert, unsere Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Wir investierten in zwei Jahren fünfzig Millionen Euro in die Umwelt. Das Hauptproblem ist die Asche, nicht die Emissionen.” Die Deponie bei Dardhishte ist “zu 80%” zugedeckt worden, versichert die Gesellschaft. Die andere Halde, in der Nähe von Kosova B, verschmutze nicht, denn die Asche werde mit Wasser vermischt und anschliessend in abgebaute Minen ausgelagert.

Bleibt die wesentliche Frage der Filter, um die Emissionen der Kamine zu reduzieren. “Um innerhalb der EU-Normen zu liegen, dürfen 50 Milligramm pro Kubikmeter nicht überschritten werden”, erklärt Luigj Imeri, der seine Zigarette zu Ende geraucht hat. Bis Ende 2012 betrug die KEK-eigene Norm 800mg/m3. Zwei der drei noch betriebenen Einheiten erhielten kürzlich neue Filter, dank der Hilfe der Weltbank. Aber das Grundproblem bleibt bestehen. Kosova A ist eine Antiquität, die längst hätte geschlossen werden müssen. Die Zentrale hatte ihren Betrieb anfangs der 1960-er Jahre aufgenommen. Ihr Ende ist von der Regierung für 2017 programmiert. Die Regierung verfolgt einen Plan: Investitionen finden, um Kosova B zu modernisieren und eine dritte Zentrale von 600 Megawatt zu bauen. Ein Projekt, das auf eine Milliarde Euro geschätzt wird. Ein anderes heikles Dossier: Die Privatisierung der KEK, deren Geschäftszweig Verteilung 2012 für den bescheidenen Betrag von 26 Millionen Euro vergeben wurde, was den Zorn der Nationalisten und der Gewerkschaften erregte. “Das Netz ist alt. Privatisierung ist eine gute Sache, denn es braucht etwa 500 Millionen Euro Investitionen, versichert Viktor Buzhala. Das türkische Konsortium, das das Netz erwarb, versprach 300 Millionen.”

Nezir Sinani kennt die KEK gut, er war einst ihr Sprecher gewesen. Der Aktivist wurde zu einem der entschiedensten Kritiker der Energiepolitik. Die ausschliessliche Wahl von Kohle sei ein Desaster. “Zwischen 1999 und 2005 wurden beinahe eine Milliarde Euro in Form von internationaler Hilfe zugesprochen. Nie ist versucht worden, alternative Energien zu entwickeln, an der Energieeffizienz zu arbeiten. Die Leute an der Macht wollen die Kohle als Abkürzung zum grossen Geld benutzen. Das ist ihr saudisches Öl.”

Wie auf Kohle verzichten, als so kleines Land, arm, unzureichend ausgestattet, mit einer zur Hälfte arbeitslosen Bevölkerung? Indem weniger verschwendet würde. Es würde nicht darum gehen, vollkommen auf Kohle zu verzichten, trotz ihrer verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt. Nezir Sinani erklärt, dass “33% der produzierten Energie verloren geht, die Hälfte wegen des mangelhaften Netzes, der Rest durch Diebstahl.” An der Spitze einer Koalition von Nichtregierungsorganisationen, versucht Nezir Sinani die kosovarische Zivilgesellschaft zu mobilisieren. Er will vor allem an die Weltbank appellieren, die das Bauprojekt für Kosova C unterstützt, ohne einen anderen Weg in Erwägung zu ziehen.

Auf politischer Ebene betonen einige besonders die Verantwortung der Regierung Hashim Thaçis, welche kurzfristig navigiere, ohne langfristige Strategie. “Es herrscht Mangel an Erfahrung und Visionen, räumt Ramush Haradinaj, ehemaliger Premierminister, ein. Wir geben vierzehn Millionen Euro für eine Avenue im Zentrum Prishtinas aus, doch es werden keine Wasserzisternen gebaut, obwohl viele Einwohner nach 22 Uhr über kein Wasser mehr verfügen. Wir sind ein Landwirtschaftsland, doch wir kaufen Zwiebeln in China. Wir sind verantwortlich für all das.” Die Verantwortung ist geteilt.

Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit im Februar 2008 liess die EU in Kosovo die grösste zivile Mission ihrer Geschichte entstehen, die Eulex. Beinahe 2500 Beamte, Polizistinnen und Zöllner sind beauftragt, einen Rechtsstaat aufzubauen. Ein unermessliches Programm. Vorher war es die Unmik, die Mission der Vereinten Nationen, die diese Aufgabe innehatte. Sie war es, die über die sogenannte Agentur für Privatisierungen die KEK verwaltete. 2003 wurde der frühere Chef des Überwachungsrats der KEK in Deutschland wegen Veruntreuung von 3,9 Millionen Euro verurteilt. Seither verkörpert die Gesellschaft in den Augen der kosovarischen Bevölkerung eine der kontroversesten Institutionen des Landes.

“Die Europäer sagen, sie hätten seit dem Krieg von 1999 mehr als eine Million Euro in die KEK gesteckt, aber sie haben die Versorgungsprobleme und die Probleme mit der Verteilung der Rechnungen nicht gelöst, erklärt Avni Zogiani, der Direktor von ONG COHU, unermüdlicher Prediger gegen die Korruption. Sie haben in unverantwortlicher Weise Geld mit der Giesskanne verteilt. Dahinter stehen Interessenkonflikte. Die Berater, die der kosovarischen Regierung zur Seite gestellt wurden, sind oft die gleichen, die anschliessend die Gesellschaften beraten, die an den Ausschreibungen teilnehmen.”  

Le Monde