{"id":118759,"date":"2016-07-02T15:07:35","date_gmt":"2016-07-02T13:07:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinfo.ch\/de\/?p=118759"},"modified":"2016-07-02T15:07:35","modified_gmt":"2016-07-02T13:07:35","slug":"als-9-jaehriger-ausgeschafft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/als-9-jaehriger-ausgeschafft\/","title":{"rendered":"Als 9-J\u00e4hriger ausgeschafft"},"content":{"rendered":"<p>A. Z. wurde am 18. April 1993 im Kantonsspital Wil SG geboren. Bis kurz vor seinem zehnten Geburtstag lebte der Junge mit seinen Eltern und seiner \u00e4lteren Schwester in Sirnach im Kanton Thurgau. Doch am 7. M\u00e4rz 2003 wurde der Viertkl\u00e4ssler aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen und ins Flugzeug in Richtung Mazedonien gesteckt.<\/p>\n<p>13 Jahre ist dies bereits her. Bevor seine Familie des Landes verwiesen wurde, waren sie \u00fcber f\u00fcnf Jahre lang nicht mehr im Heimatland der Eltern gewesen. \u201eWir hatten gar nicht genug Geld, um nach Mazedonien zu gehen,\u201c\u00a0 sagt der heute 23-J\u00e4hrige. Sie mussten jeden Rappen zwei Mal umdrehen, kauften nur das N\u00f6tigste, die Kinder teilten das einzige Kinderschlafzimmer miteinander, und das Wort \u201eVerreisen\u201c war schon l\u00e4nger aus ihrem Wortschatz verschwunden. Was A. Z. damals nicht wusste, war, dass sie bald w\u00fcrden verreisen m\u00fcssen, unfreiwillig, ohne R\u00fcckflugticket, ohne Aussicht auf Wiederkehr.<\/p>\n<p>\u201eIch muss \u00f6fters an diesen Tag denken\u201c, sagt der blonde, blau\u00e4ugige junge Mann in breitem Ostschweizer Dialekt. Es war ein Freitagmorgen. A. Z. wartete zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester in ihrer 3-Zimmerwohung darauf abgeholt zu werden. Seine Schwester schluchzte ununterbrochen, die Mutter versuchte sie zu tr\u00f6sten, lief immer wieder nerv\u00f6s in der Wohnung hin und her, w\u00e4hrend A. Z. selber still auf dem Sofa sass und abwartete, was als n\u00e4chstes passieren w\u00fcrde. Der Vater war schon zwei Tage vorher ausser Landes geschafft worden. Der Rest der Familie hatte Zeit bekommen, ihre Koffer zu packen. In die Schule konnten die Geschwister an diesem Tag nicht, denn ihnen war zuvor schriftlich mitgeteilt worden, dass sie am 7. M\u00e4rz 2003 das Land zu verlassen h\u00e4tten. Der letzte Tag in der Heimat des Sirnacher Sch\u00fclers.<\/p>\n<p>Um ca. 8 Uhr klingelte es an der T\u00fcre. \u201eEs war, glaube ich, die Fremdenpolizei. Ein Mann und eine Frau.\u201c Genau kann er sich nicht erinnern. \u201eIch habe gar nicht begriffen, was ablief und was das jetzt bedeutet, dass wir nach Mazedonien m\u00fcssen.\u201c Nachdem die beiden Polizisten ihnen noch einmal mitteilten, dass die Familie die Schweiz verlassen muss, wurden sie von den beiden zum Flughafen gefahren. Nach zwei Stunden Flugzeit landeten sie in Skopje.<\/p>\n<p>Auf die Frage, warum eine solch scharfe Massnahme erforderlich gewesen ist, hat A.Z keine Antwort. \u201eIch weiss es nicht. Ich verstehe immer noch nicht, warum wir ausgeschafft wurden. Auch meine Eltern fragen sich immer noch, warum. Niemand von uns war je kriminell.\u201c Der einzige plausible Grund k\u00f6nnte die Arbeitsunf\u00e4higkeit seines Vaters sein. Dieser verletzte sich 1992 bei einem Arbeitsunfall auf einer Baustelle in der Schweiz so schwer, dass er mit 43 Jahren bereits Fr\u00fchrentner war. \u201eWir denken, dass unsere Ausschaffung aus staatlichem Interesse ist. Wenn wir in Mazedonien leben, zahlen sie nicht einmal einen Drittel des Betrags, den sie in der Schweiz zahlen m\u00fcssten.\u201c Eine Best\u00e4tigung f\u00fcr diese Vermutung gibt es nicht.<\/p>\n<p>Seither lebt A. Z. in einem 5.000 Seelen-Dorf 15 Kilometer \u00f6stlich der Stadt Tetovo im albanischsprachigen Gebiet Mazedoniens. Dort besuchte er bereits zwei Wochen nach seiner Ankunft die Primarschule. Dabei machte ihm der Gebrauch der albanischen Schriftsprache besonders M\u00fche. \u201eIch habe vielfach nichts verstanden. Konnte nur Dialekt und das mit Schweizerakzent. Die lachten mich aus. Es war schwierig, aber man gew\u00f6hnt sich daran\u201c, meint er. Zu seinen Freunden in der Schweiz hielt er den Kontakt durch E-Mailverkehr aufrecht. Seit der Visumsbefreiung f\u00fcr mazedonische Staatsangeh\u00f6rige im Jahr 2009 besucht er sie sogar hin und wieder f\u00fcr einige Tage oder gar Wochen. Doch die darauffolgende Trennung von Land und Freunden schl\u00e4gt ihm jedes Mal erneut aufs Gem\u00fct.<\/p>\n<h2>Trauer, Wut und Verzweiflung bei Freunden und Familienmitgliedern<\/h2>\n<p>Hirmete Hasani, Sozialarbeiterin aus Z\u00fcrich, hat das Thema Landesverweis von einem anderen Standpunkt aus betrachtet. In ihrer Masterarbeit untersuchte sie die\u00a0 Trennungserfahrung im Jugendalter aufgrund der Ausschaffung einer nahestehenden Person.<\/p>\n<p>\u201eDas Wort Ausschaffung ist eine Erfindung der Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer. Dieser volkst\u00fcmliche Begriff wird als &#8216;Vollzug der Wegweisung unter Zwang&#8217; definiert, was jedoch nicht konform mit der Definition im Ausl\u00e4ndergesetz ist\u201c erkl\u00e4rt Hasani.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Arbeit befragte sie Jugendliche und Erwachsene, die sich w\u00e4hrend ihrer Kindheit oder Jugend\u00a0 von einer nahestehenden Person trennen mussten, weil sie aus der Schweiz ausgewiesen wurden. Alle Betroffenen erz\u00e4hlten, dass die Entscheidung und Durchf\u00fchrung der Wegweisung sehr pl\u00f6tzlich kam. Aufgrund der Tatbest\u00e4nde oder ihrer fehlenden juristischen Kenntnisse, hatten die Befragten grosse<\/p>\n<p>M\u00fche den Grund f\u00fcr diese Entscheidungen nachzuvollziehen. Zudem hinterliess die abrupte Trennung viele offene Fragen. \u201eDie Hinterbliebenen wollen diesen Entscheid verstehen und suchen nach Jahren immer noch nach einer verst\u00e4ndlichen Antwort\u201c, sagt Hasani.<\/p>\n<p>Trennungsschmerz und Trauer der Betroffenen zeige sich entweder in Form von Wut und Agression oder durch R\u00fcckzug und Unsicherheit, fand sie heraus. Vor allem die Ausweisung eines Elternteils oder Geschwisters ist eine grosse Belastung f\u00fcr Kinder und Jugendliche. \u201eWenn ein Familienmitglied ausgewiesen wird, ver\u00e4ndern sich die famili\u00e4ren Rollenstrukturen. Sie werden aufgebrochen und umverteilt.\u201c<\/p>\n<p>Eine \u00fcberfordernde Situation, die die Betroffenen nebst ihrem Trennungsschmerz bew\u00e4ltigen m\u00fcssen.<\/p>\n<h2>Sehnsucht nach der Schweiz<\/h2>\n<p>A.Z. sitzt in einem Caf\u00e9 mit dem wohlklingenden Namen \u201eMelody\u201c mitten in Tetovo, einer lebendigen Stadt am Fusse der majest\u00e4tischen Scharriberge und beobachtet die vorbeigehenden Passanten. Eine Gruppe Gymnasiasten, M\u00e4dchen mit langen, glatten Haaren und Jungs mit l\u00e4ssig um die Schultern gelegten Taschen, schlendern laut lachend an uns vorbei. Zuk\u00fcnftige Studierende mit genau so wenig rosigen Jobaussichten wie A. Z. Sein Bachelor in \u201ePublic Administration\u201c von der South East Europe Universit\u00e4t in Tetovo hat ihm noch keine Arbeitsstelle verschafft. Chancen h\u00e4tte man hier nur, sagt A. Z., wenn man mit den Parteien verbunden sei und unheimlich viel Geld springen liesse. \u201eHier gibt es keine Zukunft,\u201c sagt er, wobei ihm die Resignation ins Gesicht geschrieben steht. Auch wenn er sich nach 13 Jahren an das Leben in Mazedonien gew\u00f6hnt hat, mit den Gedanken ist er st\u00e4ndig in der Schweiz. Wie w\u00e4re sein Leben verlaufen, h\u00e4tte er in seinem Geburtsland bleiben k\u00f6nnen, fragt sich der junge Mann. Aus seiner Sicht war die Ausweisung ungerecht und hinterliess bei ihm ein noch andauerndes Gef\u00fchl der Dem\u00fctigung. Trotzdem betont er, wie sehr er sich w\u00fcnscht, wieder in die Schweiz zur\u00fcckkehren und bleiben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eEs kann doch nicht sein, dass ich nicht das Recht haben soll, in dem Land zu leben, indem ich geboren bin. Ich hatte Freunde da. Ich konnte die Sprache perfekt. Warum darf man einem Kind so etwas antun?\u201c Doch er wei\u00df, dass er nie eine Antwort darauf bekommen wird. Und schlie\u00dflich hat er sogar noch eine Bitte: \u201eUnd, gell, meinen Namen darfst du nicht vollst\u00e4ndig ausschreiben. Ich sch\u00e4me mich irgendwie.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein lebensver\u00e4nderndes Ereignis aus Sicht eines Kindes<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1134,1129,1133,1158],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-118759","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-integration","category-ch-balkan","category-e-diaspora-de","category-themen-vor-ort"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118759","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=118759"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118759\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=118759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118759"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=118759"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=118759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}