{"id":424738,"date":"2020-11-24T16:44:15","date_gmt":"2020-11-24T15:44:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=424738"},"modified":"2020-11-25T09:12:33","modified_gmt":"2020-11-25T08:12:33","slug":"wir-bauten-mitten-im-kalten-krieg-diplomatische-beziehungen-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wir-bauten-mitten-im-kalten-krieg-diplomatische-beziehungen-auf\/","title":{"rendered":"\u00abWir bauten mitten im Kalten Krieg diplomatische Beziehungen auf\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Das Jahr 2020 markiert 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Schweiz und Albanien. F\u00fcr Adrian Ma\u00eetre, Schweizer Botschafter in Tirana, gibt es eine Zeit vor und eine Zeit nach dem Fall des Kommunismus. Heute unterhalten die beiden L\u00e4nder ausgezeichnete Beziehungen, die weiter vertieft werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/tirana-ok.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-424745\" src=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/tirana-ok.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p>Tirana\u00a0\u00a9 Keystone<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie die nun 50 Jahre w\u00e4hrenden diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Albanien anhand von f\u00fcnf Punkten illustrieren m\u00fcssten, welche w\u00e4ren es?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde die folgenden f\u00fcnf Punkte anf\u00fchren:<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Oktober 1970:Hans Keller, der erste Schweizer Botschafter in Albanien, \u00fcberreichte den albanischen Beh\u00f6rden sein Beglaubigungsschreiben. Kellers ausserordentliches Engagement und sein Weitblick trugen wesentlich zur Aufnahme offizieller Beziehungen zwischen den beiden L\u00e4ndern bei. Seine Leistung war umso bemerkenswerter, als die diplomatischen Beziehungen mitten im Kalten Krieg, also in einem Klima des Misstrauens zwischen West und Ost, aufgenommen wurden.<\/li>\n<li>Mai 1988:Die Swissair war die erste westliche Fluggesellschaft, die nach Albanien flog.<\/li>\n<\/ol>\n<p>August 1992:\u00a0Albanien st\u00fcrzte das kommunistische Regime und setzte seine erste demokratisch gew\u00e4hlte Regierung ein. Beide L\u00e4nder richteten repr\u00e4sentative Missionen ein und bereiteten so den Weg f\u00fcr die Schweizer Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit in Albanien.<\/p>\n<p>Mai 1997:\u00a0Mit der Errichtung eines Schweizer Kooperationsb\u00fcros, das die DEZA und das SECO vertrat, wollte man die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Albanien besser koordinieren. Die Unterst\u00fctzung der Schweiz war wichtig f\u00fcr Albanien, das sich f\u00fcr mehr Demokratie und eine st\u00e4rkere europ\u00e4ische Integration einsetzte.<\/p>\n<ol start=\"31\">\n<li>M\u00e4rz 2017:\u00a0Erster Besuch eines albanischen Premierministers in der Schweiz seit dem Ende des Kommunismus. Die damalige Bundespr\u00e4sidentin Doris Leuthard empfing Premierminister Edi Rama und es wurden zwei Kooperationsabkommen unterzeichnet. 2017 war auch wichtig, weil die beiden L\u00e4nder 25 Jahre zuvor beschlossen hatten, eine Botschaft im jeweils anderen Land zu errichten.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Wir bauten mitten im Kalten Krieg, in einem Klima des Misstrauens zwischen West und Ost, diplomatische Beziehungen auf.<\/em><\/p>\n<p><strong>Was bedeutet dieses 50-Jahre-Jubil\u00e4um aus heutiger Sicht f\u00fcr die beiden L\u00e4nder?<\/strong><\/p>\n<p>50 Jahre m\u00f6gen nicht lang erscheinen. Aber Albanien hat in dieser Zeit tiefgreifende Umw\u00e4lzungen erlebt. Es gibt zwei unterschiedliche Perioden in den schweizerisch-albanischen Beziehungen: die Zeit vor und die Zeit nach dem Ende des Kommunismus. Seit 1992 hat sich der Austausch intensiviert. Die Zusammenarbeit wurde ausgebaut und die Beziehungen zwischen den beiden L\u00e4ndern wurden vertieft. Es ist nicht nur die Dauer, die z\u00e4hlt, sondern die Tatsache, dass die Beziehungen zu Albanien gewachsen sind und gefestigt wurden. Dies ist auch dem schweizerischen Ansatz zu verdanken, bei dem die Beziehungen zwischen den L\u00e4ndern und V\u00f6lkern wichtig sind und nicht nur die politischen Regimes und die Regierungen.<\/p>\n<p>Die Schweiz war eines der ersten L\u00e4nder, das Albanien nach der Wende seine Unterst\u00fctzung und Hilfe anbot. An diese fr\u00fche Freundschaft erinnert man sich in Albanien auch heute noch. F\u00fcr uns ist dieses 50-Jahre-Jubil\u00e4um auch deshalb wichtig, weil es Fragen aufwirft: Was wollen wir erreichen, verbessern oder ausbauen? So besteht zum Beispiel ein grosses Interesse an einem weiteren Ausbau der Wirtschafts- und Gesch\u00e4ftsbeziehungen zwischen den beiden L\u00e4ndern. Wir gingen von der humanit\u00e4ren Hilfe zur Zusammenarbeit \u00fcber und k\u00f6nnen uns nun hoffentlich verst\u00e4rkt den wirtschaftlichen Beziehungen und dem Handel widmen.<\/p>\n<p><em>50 Jahre m\u00f6gen nicht lang erscheinen. Aber Albanien hat in dieser Zeit tiefgreifende Umw\u00e4lzungen erlebt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mit welchen drei W\u00f6rtern w\u00fcrden Sie die schweizerisch-albanischen Beziehungen beschreiben und warum?<\/strong><\/p>\n<p>Zusammenarbeit:\u00a0Unsere diplomatischen Beziehungen beruhen auf Partnerschaft, auf der Bereitschaft zur Zusammenarbeit, zur Koordination und zur B\u00fcndelung der Kr\u00e4fte, um Albaniens Potenzial weiterzuentwickeln und auf regionaler und internationaler Ebene einen Beitrag zu leisten.<\/p>\n<p>Kleine L\u00e4nder:\u00a0Sowohl die Schweiz als auch Albanien sind sich bewusst, dass ihr Wohlstand von einer guten globalen Vernetzung abh\u00e4ngt. Daher sind sie an multilateralen Systemen interessiert und f\u00f6rdern diese.<\/p>\n<p>Tourismus und Transadriatische Pipeline:\u00a0In den letzten Jahren haben die pers\u00f6nlichen Kontakte zugenommen, und es kamen mehr G\u00e4ste und Reisende aus der Schweiz nach Albanien. Es gab vor der COVID-19-Pandemie mindestens zwei Direktfl\u00fcge zwischen Albanien und verschiedenen Schweizer St\u00e4dten. Hoffentlich k\u00f6nnen diese Fl\u00fcge bald wieder aufgenommen werden. Was den wirtschaftlichen Austausch betrifft, ist die Transadriatische Pipeline ein Paradebeispiel f\u00fcr eine typisch schweizerische Idee mit positiven Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung Albaniens und der gesamten Region.<\/p>\n<p><em>Sowohl die Schweiz als auch Albanien sind sich bewusst, dass ihr Wohlstand von einer guten globalen Vernetzung abh\u00e4ngt. Daher sind sie an multilateralen Systemen interessiert und f\u00f6rdern diese.<\/em><\/p>\n<p><strong>Wie bauen die Schweiz und Albanien Vertrauen auf?<\/strong><\/p>\n<p>Dank der langj\u00e4hrigen Solidarit\u00e4t der Schweiz, insbesondere in schwierigen Momenten f\u00fcr Albanien, ist es einfacher, Vertrauen aufzubauen. Die Schweiz ist nicht nur international eine verl\u00e4ssliche Partnerin, sie ist auch die zweitgr\u00f6sste Partnerin des kleinen Balkanstaates im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit.<\/p>\n<p>Mit unserer Hilfe und Unterst\u00fctzung wollen wir die Institutionen Albaniens st\u00e4rken: nicht indem wir ihre Probleme l\u00f6sen, sondern indem wir sie bef\u00e4higen, sich selber zu organisieren und gut zu funktionieren. Der Dialog zwischen den Beh\u00f6rden und allen politischen Akteuren tr\u00e4gt auch zur Vertrauensbildung bei \u2013 in der typisch neutralen Manier der Schweiz. Nicht alles, was gesagt werden muss, wird in der \u00d6ffentlichkeit gesagt. Auf bilateraler Ebene finden viele offene Diskussionen statt.<\/p>\n<p>Kulturelle Unterschiede zu respektieren ist dabei zentral. 2020 gaben wir zum Beispiel einen Botschaftskalender heraus, der eine bemerkenswerte Realit\u00e4t Albaniens vor Augen f\u00fchrte: die religi\u00f6se Harmonie. Nur wenige Menschen wissen, dass in Albanien mindestens f\u00fcnf Religionsgemeinschaften sehr harmonisch koexistieren. Der Pr\u00e4sident Albaniens nahm an der Pr\u00e4sentation des Kalenders teil und dankte uns daf\u00fcr, dass wir auf diese kaum bekannte Tatsache aufmerksam gemacht haben. Schliesslich schafft die Schweiz Vertrauen, weil sie als glaubw\u00fcrdige und verl\u00e4ssliche Partnerin auftritt, und Albanien st\u00e4rkt dieses Vertrauen durch seine offene Haltung.<\/p>\n<p><em>Dank der langj\u00e4hrigen Solidarit\u00e4t der Schweiz, insbesondere in schwierigen Momenten f\u00fcr Albanien, ist es einfacher, Vertrauen aufzubauen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Auf welches der aktuellen Dossiers sind Sie besonders stolz?<\/strong><\/p>\n<p>Dezentralisierung ist sicher eines davon. Wir blicken auf \u00fcber 20 Jahre Zusammenarbeit im Bereich der Dezentralisierung zur\u00fcck, die es uns erlaubt hat, viele wertvolle Erfahrungen auf dem Gebiet der lokalen Gouvernanz zu sammeln. Dazu geh\u00f6ren neue statistische Methoden zur St\u00e4rkung der lokalen Regierungsf\u00fchrung. Das Bundesamt f\u00fcr Statistik unterst\u00fctzt die lokalen Beh\u00f6rden Albaniens in fachlicher Hinsicht.<\/p>\n<p>Ein weiteres Dossier ist die Berufsbildung: Das schweizerische System dient als Modell f\u00fcr ein lokales Berufsbildungssystem in Albanien, das eine enge Zusammenarbeit mit dem Privatsektor anstrebt. Die von den Schulen und Betrieben entwickelten Programme sollen neu Theorie und Praxis verbinden. Dies ist eine beachtliche Leistung f\u00fcr ein Land, dessen Schulsystem w\u00e4hrend Jahrzehnten nur auf den theoretischen Unterricht ausgerichtet war.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcnschen Sie sich zu diesem 50-Jahre-Jubil\u00e4um f\u00fcr die schweizerisch-albanischen Beziehungen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Schweiz und Albanien blicken mit viel Genugtuung auf 50 Jahre diplomatische Beziehungen zur\u00fcck und bleiben zuversichtlich. Die Schweiz ist weiterhin eine verl\u00e4ssliche Partnerin Albaniens und unterst\u00fctzt dessen Demokratisierungs- und Entwicklungsbestrebungen.<\/p>\n<p>Wir w\u00fcnschen uns auch eine engere multilaterale Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Albanien, zum Beispiel im UNO-Sicherheitsrat und wenn es darum geht, angesichts der COVID-19-Pandemie Lehren f\u00fcr eine bessere internationale Koordination, Reaktion und Bereitschaft zu ziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Adrian Ma\u00eetre, Schweizer Botschafter in Tirana<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":424739,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10649,1141,3908,24622,1129,1140],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-424738","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-albanien","category-themen","category-meinungen","category-albanien-de","category-ch-balkan","category-leben-in-der-schweiz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/424738","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=424738"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/424738\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/424739"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=424738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=424738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=424738"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=424738"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=424738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}