{"id":534501,"date":"2022-01-22T13:54:34","date_gmt":"2022-01-22T12:54:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=534501"},"modified":"2022-01-22T14:23:17","modified_gmt":"2022-01-22T13:23:17","slug":"der-rat-der-albaner-der-schweiz-reagiert-gegen-den-artikel-der-weltwoche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/der-rat-der-albaner-der-schweiz-reagiert-gegen-den-artikel-der-weltwoche\/","title":{"rendered":"Der Rat der Albaner der Schweiz reagiert gegen den Artikel der Weltwoche"},"content":{"rendered":"<p>In der Ausgabe vom 6. Januar 2022 publizierte die Weltwoche den Artikel mit dem Titel &#8220;Heldenvolk der Serben&#8221;. Dagegen reagierte der Rat der Albaner der Schweiz am 12. Januar 2022 und liess dem Autor des Artikels folgende Stellungnahme zukommen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>WELTWOCHE<\/p>\n<p>Der aktuellen Ausgabe der Weltwoche konnten wir den Artikel <a href=\"https:\/\/weltwoche.ch\/story\/heldenvolk-der-serben\/\">\u00abHeldenvolk der Serben\u00bb<\/a> entnehmen.<\/p>\n<p><strong>Ein schlechter Versuch einer Revision der Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Dem Autor, welchem als Historiker die Recherche und die faktenbasierte Berichterstattung ein Begriff sein sollte, scheinen im vorliegenden Artikel einige Fakten abhanden gekommen zu sein. Oder er geizt bewusst damit und wirft \u00abalternative Fakten\u00bb in den Raum und versucht so die Geschichte zu revidieren. Die Ausf\u00fchrungen im Artikel sind sehr einseitig und es werden nur Quellen erw\u00e4hnt, die versuchen, die Serben in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, ohne eine ausgewogene Darstellung von beiden Seiten, was der Schl\u00fcssel jeder seri\u00f6sen journalistischen und historischen Arbeit ist.<\/p>\n<p>Bereits daraus wird ersichtlich, dass der Autor sich nicht eingehend mit dem Thema besch\u00e4ftigt hat, sondern lediglich einen sehr oberfl\u00e4chlichen Artikel schreibt.<\/p>\n<p>In den serbischen Geschichtsb\u00fcchern (leider auch in den Schulb\u00fcchern) wird die verlorene Schlacht auf dem Amselfeld nach wie vor ironischerweise als Sieg gegen\u00fcber den Osmanen gefeiert; die Serben sollen und wollen mit dieser Schlacht damit Europa gerettet haben. Dies obwohl die Schlacht erwiesenermassen die Osmanen gewannen, weshalb Europa sich den Osmanen erwehren musste. Weiter haben in der Schlacht auf dem Amselfeld nicht nur Serben, sondern auch Albaner, Ungaren, Bosnier, Bulgaren gegen die Osmanen gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Von einer Rettung Europas sprechen serbische Historiker und nun auch der Autor und die Weltwoche. Seri\u00f6sen Quellen kann dies mitnichten entnommen werden. Hingegen wird in einigen Quellen erw\u00e4hnt, dass einer der tragenden Figuren der Schlacht auf dem Amselfeld Milesh Kopili (oder von den serbischen Historikern als Milos Obilic genannt), ein albanisch st\u00e4mmiger K\u00e4mpfer, war, welchem es gelang, Sulltan Murat I zu t\u00f6ten. Mittlerweile sind alle seri\u00f6sen Historiker dar\u00fcber einig, dass seine Herkunft unklar ist. Dieses Kapitel der Geschichte, aber auch der ganze serbische Mythos \u00fcber \u00abDie Schlacht auf dem Amselfeld\u00bb wird zum Beispiel durch den englischen Historiker Noel Malcolm in seinem Buch \u00abKosovo a short history\u00bb (1998) dekonstruiert<em>.<\/em><\/p>\n<p>Weiter wird der Widerstand der Serben gegen die Osmanen bis im Jahr 1459 als der einzige Widerstand gegen Osmanen in Europa dargestellt. In dieser Zeit leisteten die Ungaren unter der F\u00fchrung von Janos Hunyadi und die Albaner unter der F\u00fchrung von Gjergj Kastrioti Skanderbeg, einen erbitterten Wiederstand gegen die Osmanen, was im Artikel nat\u00fcrlich g\u00e4nzlich verschwiegen wird.<\/p>\n<p>Im Artikel wird die Besetzung von Kosovo und die Verdoppelung des serbischen Territoriums in den Balkankriegen 1913 nur beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt. Verschwiegen wird, dass die Besetzung Kosovos durch die serbische Armee mit ungeheuerlichen Gr\u00e4ueltaten begleitet war. Dies ist beispielsweise in Leo Freundlichs Schrift \u00abAlbanien Golgatha-Anklageakten gegen die Vernichter des Albanervolkes\u00bb, sehr gut beschrieben und dokumentiert. Daf\u00fcr gibt es zahlreiche weitere Zeitzeugnisse wie z.B. Briefe serbischer Soldaten an ihre Familien, die diese Verbrechen beschreiben und dokumentieren. Ein anderer Zeitzeuge, Dimitrije Tucovic, ein serbischer Sozialdemokrat und Intellektueller schreibt in der Zeitung \u00abRadnicke novine\u00bb (Arbeiterzeitung) oder in seinem Buch \u00abAlbansko pitanje\u00bb (Albanische Frage, 1910) von einem V\u00f6lkermord der Serben gegen Albaner. So viel zu Heldentaten.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6sste \u00dcbel auf dem Balkan der letzten 120 Jahre war der serbische Traum und Trauma eines Grossserbiens. Dieses politische Programm, das so viel Leid auf dem Balkan verursacht hat, ist bestens dokumentiert: 1844-Nacertanje von Ilia Garasanin, 1937-Memorandum von Vasa Cubrilovic \u00fcber die Vertreibung von Albaner, 1986-Memorandum der serbischen Akademie der Wissenschaft und K\u00fcnste, usw.<\/p>\n<p>Der territoriale Anspruch Serbiens gegen\u00fcber Bosnien, die politischen Intrigen hinter den Kulissen und die Beteiligung des serbischen Milit\u00e4r-Geheimdienstes, sind von Christopher Clark in seinem viel beachteten Buch \u00abDie Schlafwandler &#8211; Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog\u00bb bestens beschrieben. Objektiv betrachtet, kann von einer Unschuld Serbiens in diesen Ereignissen keine Rede sein.<\/p>\n<p>Die letzten Balkankriege sind nach wie vor so jung, dass sich die Mehrheit der davon Betroffenen heute noch selbst sehr gut daran erinnern kann. Die Wunden und die Gr\u00e4ueltaten sind heute noch so frisch, dass sie nach wie vor den Alltag vieler Betroffenen beherrschen. Zudem lassen die Berichte von namhaften internationalen Organisationen keine Zweifel daran, wer das Opfer und wer der T\u00e4ter in den letzten Balkankriegen war, weshalb nachfolgend der Fokus auf diese Zeit gelegt wird.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss dem Autor des besagten Artikels k\u00f6nne zwischen Opfer und T\u00e4ter betreffend den Balkankriegen nicht unterschieden werden. H\u00e4tte der Autor, welcher f\u00fcr eine Zeitschrift t\u00e4tig ist, die von sich behauptet, seri\u00f6sen Journalismus zu betreiben, sich tats\u00e4chlich die M\u00fche gegeben, lediglich summarisch zu recherchieren, so w\u00e4re es auch ihm erhellt, wer der Aggressor und Kriegstreiber \u2013 und somit der T\u00e4ter \u2013 und wer das Opfer war. Nachfolgend helfen wir dem Autor mit einigen unumst\u00f6sslichen Tatsachen weiter.<\/p>\n<p>Die albanische Bev\u00f6lkerung hat gegen das m\u00f6rderische Regime von Slobodan Milosevic und f\u00fcr die Freiheit gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kosovo war das letzte Jahrhundert gekennzeichnet von Unterdr\u00fcckung und serbischem staatlichen Terror gegen\u00fcber der albanischen Bev\u00f6lkerung. Dies f\u00fchrte schliesslich zum Aufstand und zum Befreiungskampf der Kosovo-Albaner.<\/p>\n<p>Gegen den Befreiungskampf der Befreiungsarmee von Kosovo (U\u00c7K) reagierte Serbien 1998 und 1999 mit staatlichem Terror, ethnischer S\u00e4uberung und Massenmord gegen die albanische Zivilbev\u00f6lkerung. In diesem Krieg wurden im Kosovo mindestens 10\u2019812 zivile Albaner von der serbischen Polizei, Armee und Paramilit\u00e4rs ermordet. Weder Kinder noch Schwangere noch \u00e4ltere Personen wurden verschont. Gem\u00e4ss UNHCR und OSZE sind \u00fcber 860\u2019000 Albaner in Kosovo durch die serbische Polizei, Armee, und serbische Paramilit\u00e4rs ins Ausland vertrieben worden, hinzu kommen weitere hunderttausende Vertriebene innerhalb des Landes. \u00dcber 20\u2019000 Frauen wurden vergewaltig &#8211; die Dunkelziffer ist dabei viel h\u00f6her. Fast die H\u00e4lfte der H\u00e4user im Kosovo wurden entweder stark besch\u00e4digt oder ganz zerst\u00f6rt. Nach wie vor wissen viele Eltern, viele Kinder, viele Geschwister nicht, ob ihre T\u00f6chter und S\u00f6hne, ihre M\u00fctter und V\u00e4ter, ihre Geschwister noch leben oder aber in welchem Massengrab in Serbien sich befinden. Nach wie vor fehlt von diesen 1\u2019643 Verschwundenen jede Spur. Drahtzieher, Verantwortliche und ja sogar T\u00e4ter wurden nie zur Verantwortung gezogen. Sie werden vielmehr vom serbischen Staat gesch\u00fctzt, tragen politische \u00c4mter. Verurteilte Kriegsverbrecher werden als Nationalhelden gefeiert und halten Vortr\u00e4ge in serbischen milit\u00e4rischen Akademien. Das sind alles nicht von der Hand zu weisende Fakten. Stattdessen versucht der Aggressor immer wieder, sich als Opfer darzustellen. Gleiches versucht auch der Autor des besagten Artikels.<\/p>\n<p>Die albanische Bev\u00f6lkerung in Kosovo wurde systematisch ermordet, vergewaltigt, vertrieben und ihr Hab und Gut zerst\u00f6rt. Ein Genozid gegen unschuldige Menschen (darunter unz\u00e4hlige Frauen und Kinder) in Kosovo wurde ver\u00fcbt (Massaker von Re\u00e7ak, Izbica, Meja, Krusha e Madhe etc.). Nicht nur in Kosovo fand Genozid statt. Beispielsweise ist an dieser Stelle das weltbekannte Massaker von Srebrenica in Bosnien und Herzegovina zu erw\u00e4hnen. Die Aufz\u00e4hlung s\u00e4mtlicher Verbrechen und Massakern, welche von den Serben w\u00e4hrend den Balkankriegen begangen wurden, w\u00fcrde einige Seiten f\u00fcllen. Die serbische Regierung leugnet heute noch diese ver\u00fcbten Massaker. Sie huldigen und glorifizieren nach wie vor die daf\u00fcr verantwortlichen und bereits seitens des Internationalen Straftribunals f\u00fcr Ex-Jugoslawien (ICTY), wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten Kriegsverbrecher, wie Ratko Mladic, Radovan Karadzuc, Vojislav Seselj. Auch der f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten Hauptverantwortliche Slobodan Milosevic wurde angeklagt. Nur sein Tod konnte ihn vor einer Verurteilung retten, denn die Beweislage war eindeutig und erdr\u00fcckend.<\/p>\n<p>Nichts anderes kann von einer Regierung, welche in einer nationalistischen Blase lebt und sich in faktenmanipulierender Weise versucht, sich nun als Opfer darzustellen, erwartet werden. Freilich darf man aber davon ausgehen, dass ein Journalist und ein Wochenmagazin in der Schweiz mit einer relativ grossen Leserschaft seri\u00f6s mit Informationen um geht, insbesondere wenn es um Fakten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist ein Krieg ungeheuerlich und jedes menschliche Opfer unbegr\u00fcndet und unn\u00f6tig. Aber der Versuch, alle als gleich schuldig darzustellen, ist ein gef\u00e4hrlicher Geschichtsrevisionismus, da die Zahl der Opfer bei weitem ungleich verteilt sind und die Anzahl der ermordeten Bosnier, Albaner und Kroaten vielfach h\u00f6her sind. Die Leugnung der Verbrechen aus den letzten Balkankriegen und von allen anderen Kriegsverbrechen, sollte in Zukunft am besten gesetzlich geregelt sein. Nur so k\u00f6nnen wir uns von einer solchen degoutanten Gleichstellung des Ungleichen und von einer Retraumatisierung der Opfer, die auch in der Schweiz leben, sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Wir sind der Auffassung, dass diese Informationen der Leserschaft des Wochenmagazins Weltwoche nicht vorenthalten werden d\u00fcrfen und in der n\u00e4chsten Ausgabe im Sinne einer \u00abGegendarstellung\u00bb publiziert werden sollten.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fcssen<\/p>\n<p>Lurata Reci<\/p>\n<p>Pr\u00e4sidentin<\/p>\n<p>Rat der Albaner der Schweiz<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Ausgabe vom 6. Januar 2022 publizierte die Weltwoche den Artikel mit dem Titel &#8220;Heldenvolk der Serben&#8221;. Dagegen reagierte der Rat der Albaner der Schweiz am 12. 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