{"id":552314,"date":"2022-04-05T15:30:50","date_gmt":"2022-04-05T13:30:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=552314"},"modified":"2022-04-06T23:11:40","modified_gmt":"2022-04-06T21:11:40","slug":"der-ukraine-krieg-weckt-erneut-kriegstrauma-in-kosovo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/der-ukraine-krieg-weckt-erneut-kriegstrauma-in-kosovo\/","title":{"rendered":"Kosovarische Therapeutin: Der Ukraine-Krieg weckt erneut Kriegstrauma in Kosovo"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWir haben als Gesellschaft das Kriegstrauma des Kosovo-Krieges noch nicht bew\u00e4ltigt\u201c, ist die Psychologin Xhevahire Balaj \u00fcberzeugt. Als 18j\u00e4hrige erlebte sie 1998 den Krieg in ihrer Heimat und kam als Fl\u00fcchtling in die Schweiz. Heute ist sie Trauma Therapeutin in Kosovo. \u201eWer Krieg erlebt hat, weiss, wie wichtig und wie kostbar Frieden ist\u201c, sagt sie in einem Gespr\u00e4ch in Pristina kurz nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine, \u201eaber leider ist die Realit\u00e4t eine andere.\u201c<\/p>\n<p>Die Nachricht vom Einmarsch der russischen Armee in der Ukraine am 24. Februar 2022 hat bei Xhevahire Balaj heftige Gef\u00fchle ausgel\u00f6st. \u201eIch sp\u00fcre starkes Mitgef\u00fchl mit den Menschen in der Ukraine, ich kann nachempfinden, was diese Menschen durchmachen, die wir auf Fernsehbildern und Fotos sehen, auf der Flucht, in Unterst\u00e4nden und inmitten von zerst\u00f6rten H\u00e4usern. Dies alles schwemmte aber bei mir &#8211; und wohl bei den meisten Menschen, die Krieg erlebten &#8211; auch traumatische Erinnerungen an die eigenen Kriegserlebnisse hoch, es sind die gleichen Bilder, die wir jetzt sehen.\u201c Sie stelle fest, dass viele von ihren Patientinnen und Patienten sehr ver\u00e4ngstigt und retraumatisiert auf die Kriegsnachrichten aus der Ukraine reagierten. Sie selbst sch\u00fctze sich vor einer \u00dcberflutung durch die Kriegsberichterstattung, die ja viel umfassender sei als w\u00e4hrend des Kosovo-Krieges, als es noch nicht all die neuen Kommunikationsmittel gab, sie schaue nur wenige Nachrichten. Und sie r\u00e4t auch ihren Patientinnen, bewusst zu w\u00e4hlen, welche Nachrichten sie schauen und lesen wollen und wie viel sie ertragen. Ganz wichtig sei auch, dass die Erwachsenen gegen\u00fcber Kindern aufmerksam seien, ihnen zuh\u00f6rten, mit ihnen sprechen und sie nicht unbesehen den Kriegsbildern auf Handys und am Fernsehen aussetzten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_552339\" aria-describedby=\"caption-attachment-552339\" style=\"width: 590px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/lufta-kosove.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-552339\" src=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/lufta-kosove.jpg\" alt=\"\" width=\"590\" height=\"355\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-552339\" class=\"wp-caption-text\">Krieg in Kosovo<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_546299\" aria-describedby=\"caption-attachment-546299\" style=\"width: 590px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/508437950_highres.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-546299\" src=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/508437950_highres.jpg\" alt=\"\" width=\"590\" height=\"394\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-546299\" class=\"wp-caption-text\">Krieg in Ukraine<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong><u>Krieg und Flucht in die Schweiz<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Xhevahire ist mit acht Geschwistern in einem Dorf im Osten von Kosovo aufgewachsen, wo bereits 1998 \u2013 eine Jahr vor der NATO-Intervention &#8211; Krieg herrschte. Der 29.Mai 1998 bleibt in ihrem Ged\u00e4chtnis f\u00fcr immer haften: An diesem Tag beschoss das serbische Milit\u00e4r ihr Dorf, und w\u00e4hrend Xhevahire und eine ihrer Schwestern zu verwundeten Nachbarn gerufen wurden, um zu helfen, wurde ihre Mutter von Sch\u00fcssen so schwer verletzt, dass sie noch am gleichen Tag starb. In der darauffolgenden Nacht fl\u00fcchtete die Familie Balaj mit der ganzen Dorfbev\u00f6lkerung in die Berge, von Dorf zu Dorf \u00fcber viele Stationen, an die sie nur noch verschwommene Erinnerungen hat, und schliesslich \u00fcberquerten sie die Grenze nach Albanien.<\/p>\n<p>Vater Balaj wollte mit den \u00e4lteren Geschwistern in der N\u00e4he der Grenze zu Kosovo das Kriegsende abwarten, um danach so schnell wie m\u00f6glich nach Hause zur\u00fcckzukehren. Aber die zwei J\u00fcngsten der Familie, Xhevahire und ihr zwei Jahre j\u00fcngerer Bruder, sollten versuchen, die Schweiz zu erreichen, wo bereits zwei Br\u00fcder lebten. Mit Schleppern gelangten die beiden Jugendlichen mit anderen Fl\u00fcchtlingen \u00fcber das Mittelmeer nach Italien und weiter per Auto in die Schweiz.<\/p>\n<p>An den Aufenthalt im Erstaufnahmezentrum in Basel erinnert sich Xhevahire ungern. \u201eUm das Zentrum herum patrouillierten Securitas-M\u00e4nner mit Hunden, und in ihren Uniformen erinnerten sie mich an die serbische Polizei unter der wir jahrelang gelitten hatten. Ich hatte grosse Angst. Im Zentrum war alles fremd f\u00fcr mich, die medizinische Untersuchung am ersten Tag, dann die grossen Schlafr\u00e4ume, die wir mit so vielen unbekannten Menschen aus der ganzen Welt teilten, das lange Anstehen f\u00fcrs Essen, welches so anders war als die Speisen, die ich kannte.\u201c<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit erreichten ihre Br\u00fcder, dass die Geschwister bei ihnen wohnen konnten, Xhevahire beim Bruder in Bern, ihr j\u00fcngerer Bruder bei jenem in M\u00fcnchenbuchsee. \u201eTags\u00fcber war ich allein im Studio meines Bruders, der arbeitete\u201c, erz\u00e4hlt sie. \u201eEs war schlimm f\u00fcr mich, nichts tun zu k\u00f6nnen, nicht in die Schule zu gehen, keine Kontakte zu haben. Ich versuchte mit Hilfe des Fernsehens ein wenig Deutsch zu lernen, aber es war schwierig. Mit meinem Vater und den Geschwistern, die in Deutschland Unterschlupf gefunden hatten, als der Krieg weiter andauerte, konnte ich nur alle zwei, drei Wochen telefonieren, denn dies kostete damals viel. Einmal pro Monat konnte ich auf dem Sozialamt Geld abholen, aber dort f\u00fchlte ich mich wie eine Nummer, nicht wie ein Mensch. Die Beamtin fragte nicht ein einziges Mal, wie es mir gehe.\u201c<\/p>\n<p>Es waren f\u00fcr die junge Xhevahire lange Monate der Isolation und der Trauer um ihre verstorbene Mutter und um die verlorene Heimat. Besser ging es ihr, als sie nach fast einem Jahr w\u00e4hrend einem halben Jahr einen Kurs f\u00fcr asylsuchende Jugendliche besuchen konnte, wo sie Deutsch lernte und andere Aktivit\u00e4ten stattfanden. Sie hatte das Gl\u00fcck, nach Ablauf der sechs Monate weitere drei Monate als Assistentin im darauffolgenden Kurs mitmachen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><u>R\u00fcckkehr nach Kosovo<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Im Sommer 2000, ein Jahr nach Kriegsende, meldete sie sich f\u00fcr die freiwillige R\u00fcckkehr nach Kosovo. Bei der R\u00fcckkehrberatung von Caritas lernte ich Xhevahire Balaj zuf\u00e4llig kennen. Ich holte dort die L\u00f6hne f\u00fcr die Angestellten des B\u00fcros in Pristina ab. Da es noch keine Bankverbindungen gab im kriegsversehrten Land, brachte ich das Bargeld nach Pristina, weil ich f\u00fcr meine Arbeit als Journalistin \u00f6fters dorthin reiste.<\/p>\n<p>Xhevahire traf ich erst etwa ein Jahr sp\u00e4ter wieder, als sie im Herbst 2001 an der Universit\u00e4t Pristina Psychologie studierte. Sie war aus der Schweiz zun\u00e4chst in ihr Dorf in der Region Dukagjini zur\u00fcckgekehrt, wo ihr Vater und die Geschwister alle in einem notd\u00fcrftig eingerichteten Raum neben dem zerst\u00f6rten Wohnhaus lebten. Der Neuanfang war schwierig f\u00fcr alle, und Xhevahire litt wieder darunter, dass sie weder arbeiten noch studieren konnte. Doch nach einem Jahr konnte sie dank der \u00a0Unterst\u00fctzung durch einen Hilfsvereins aus der Schweiz das Psychologiestudium beginnen. Es war der erste Lehrgang dieses Faches an der Universit\u00e4t Pristina, die nach dem Abzug der serbischen Administration nach Kriegsende langsam wieder eingerichtet wurde.<\/p>\n<p>\u201eIch hatte vor dem Krieg den festen Wunsch, Medizin zu studieren, aber die Kriegserlebnisse haben mich und meine W\u00fcnsche ver\u00e4ndert, jetzt wollte ich mich lieber um die psychische Gesundheit der Menschen k\u00fcmmern\u201c, erkl\u00e4rt Xhevahire ihre Berufswahl. Es waren keine einfachen Studienjahre, in Kosovo musste alles wieder neu aufgebaut werden, die ganze Infrastruktur, die \u00c4mter und Institutionen, die seit Aufhebung der Autonomie von Kosovo im Jahr 1989 bis zum Kriegsende 1999 mehrheitlich von serbischen Angestellten besetzt gewesen waren. Es fehlte an so vielem, an Waren, an Strom und an Wasser. Die StudentInnen froren im Studentenhaus und in den Lehrs\u00e4len, das Essen in der Mensa war k\u00fcmmerlich. Aber Xhevahire biss sich durch, ihre Motivation war stark, und sie wollte auch ihren Unterst\u00fctzerinnen aus der Schweiz beweisen, dass sich der Einsatz lohnte. Bereits w\u00e4hrend des Masterstudiums begann sie in der Nicht-Regierungsorganisation \u201eChildren for tomorrow\u201c in Gjakova zu arbeiten, wo traumatisierte Kinder und Jugendliche Unterst\u00fctzung fanden. Nach sechs Jahren \u00fcbernahm sie die Leitung des Psychologischen Dienstes im Training Center der Diakonie in Mitrovica. Berufsbegleitend bildete sie sich in Seminaren des Zentrums f\u00fcr Traumatologie und Trauma Therapie Niedersachsen weiter. Nach neun Jahren bei der Diakonie machte sie sich letzten Herbst selbst\u00e4ndig. Nun bietet sie Therapie, vor allem Trauma Therapie, in einer psychologischen Praxis in Pristina an, macht ausserdem Supervision und Trainings f\u00fcr verschiedene Teams, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Weiter ist \u00a0sie Mitglied der von der Regierung eingesetzten Kommission, welche die Entsch\u00e4digungsantr\u00e4ge von im Krieg vergewaltigten Frauen bearbeitet.<\/p>\n<p><strong><u>Hilfe f\u00fcr traumatisierte Menschen<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Um ihre eigene traumatische Geschichte zu bew\u00e4ltigen, hatte Xhevahire Balaj \u00fcber Jahre in Therapie und Ausbildung an sich gearbeitet. Nach dem Krieg nahm sie zudem mehrere Male an internationalen Friedenscamps in Teufen teil und konnte dank Unterst\u00fctzung durch schweizerische Freunde w\u00e4hrend der Semesterferien Psychotherapiestunden in der Schweiz besuchen.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob ihre eigenen traumatischen Erlebnisse bei ihrer Arbeit hilfreich seien, \u00fcberlegt Xhevahire einen Moment. \u201eIch glaube ja, es hilft mir, ich habe viele traumatisierte Patientinnen und ich kann mich in ihre Situation einf\u00fchlen. Andererseits muss ich aufpassen, dass ich trotzdem eine gesunde Distanz halte, damit es nicht zu Gegen\u00fcbertragungen kommt.\u201c<\/p>\n<p>Traumatische Erlebnisse haben nicht bei allen Menschen gleich dramatische Folgen. Was ist wichtig und hilfreich nach solchen Erfahrungen, frage ich die Psychologin. \u201eWer als Kind sichere Bindungen hatte, hat bessere Voraussetzungen, ein Trauma verarbeiten zu k\u00f6nnen als Kinder, die in ungesicherten Verh\u00e4ltnissen aufwachsen.\u201c Bei ihrer Arbeit als Therapeutin versuche sie, den Menschen zu helfen, eine innere, emotionale und k\u00f6rperliche Sicherheit zu finden. \u201eDabei helfen Visualisierungen. Aber auch die \u00e4ussere Sicherheit, die famili\u00e4re, die soziale und die \u00f6konomische Sicherheit sind wichtig.\u201c Und wer von starken, be\u00e4ngstigenden Gedanken \u00fcberflutet werde, von der Angst, traumatische Erlebnisse w\u00fcrden wieder passieren, m\u00fcsse lernen, Distanz dazu zu finden und sie zum Beispiel bildlich in einen Tresor schliessen, damit sie ihn nicht mehr unkontrolliert \u00fcberfallen.<\/p>\n<p>Wenn sie an die Fl\u00fcchtlinge aus der Ukraine denkt, hofft Xhevahire, \u201edass sie fern von ihrer Heimat in eine Umgebung kommen, in der sie sich sicher f\u00fchlen k\u00f6nnen, an einen Ort, wo sie unterst\u00fctzt und als Menschen wahrgenommen werden, nicht nur als Nummern \u2013 und dass der Krieg bald beendet wird.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Elisabeth Kaestli<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>April 2022<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als 18j\u00e4hrige erlebte sie 1998 den Krieg in ihrer Heimat und kam als Fl\u00fcchtling in die Schweiz. 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