{"id":581721,"date":"2022-08-15T18:30:24","date_gmt":"2022-08-15T16:30:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=581721"},"modified":"2022-08-16T08:34:04","modified_gmt":"2022-08-16T06:34:04","slug":"vom-saisoner-auf-dem-bau-zum-dozenten-an-der-ph-zug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/vom-saisoner-auf-dem-bau-zum-dozenten-an-der-ph-zug\/","title":{"rendered":"Vom Saisoner auf dem Bau zum Dozenten an der PH Schwyz"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es so etwas, wie den american dream (vom Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r) in der Schweiz geben w\u00fcrde, dann spiegelt die Berufsbiografie von Naxhi Selimi dies am besten f\u00fcr Schweizer Verh\u00e4ltnisse. Naxhi Selimi arbeitete sich vom Saisoner im Bau und im Reinigungswesen schrittweise zum Dozenten f\u00fcr Deutsch an der P\u00e4dagogischen Hochschule in Schwyz auf.<\/p>\n<p>In einem mit ihm gef\u00fchrten Interview Mr. Selimi spricht \u00fcber seinen beruflichen Weg in der Schweiz, \u00fcber das Schweizer Bildungssystem, die spezifischen Probleme, mit denen Sch\u00fcler und Familien ausl\u00e4ndischer Herkunft w\u00e4hrend der Ausbildung konfrontiert sind, etc.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Herr Selimi, k\u00f6nnen Sie uns etwas zu Ihrem Werdegang und Ihrer Erfolgsgeschichte als Migrant in der Schweiz sagen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Naxhi Selimi:<\/strong> Ich stamme aus Nordmazedonien und habe nun mehr als die H\u00e4lfte meines Lebens in der Schweiz verbracht. Mein Werdegang ist unspektakul\u00e4r. An der Uni Prishtina in Kosovo habe ich Sprach- und Literaturwissenschaften studiert. Hier in der Schweiz bildete ich mich zum Primar- und Gymnasiallehrer aus. An der Uni Oldenburg in Deutschland promovierte ich in Erziehungswissenschaften, an der Uni Skopje in Nordmazedonien in Kultur- und Literaturwissenschaften. Die ersten vier Jahre als Saisonnier in der Schweiz arbeitete ich als Hilfskraft in der Reinigung und auf dem Bau, danach als amtlicher Dolmetscher in Bern, Primarlehrer in Z\u00fcrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bildungsdirektion Z\u00fcrich, Oberassistent an der Uni Fribourg und seit 2014 als Deutschdidaktiker im Kanton Schwyz. Sprachen und Bildung sind zwei Bereiche, die mein Berufsleben seit \u00fcber dreissig Jahren pr\u00e4gen. Sprachen sind f\u00fcr mich facettenreich und faszinierend. Die Bildung geht alle an und z\u00e4hlt zu den wichtigsten Ressourcen der Schweizer Gesellschaft. Daher ist es f\u00fcr mich ein Privileg, im Sprach- und Bildungsbereich einen Beitrag zu leisten. Mein Berufsweg in der Schweiz ist eher untypisch, entspricht aber demjenigen eines Menschen mit Migrationshintergrund, der es in der neuen Heimat mit Fleiss, Disziplin, Ausdauer und Neugier weitergebracht hat: Hilfskraft, \u00dcbersetzer, Lehrer, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Oberassistent, Professor.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Was k\u00f6nnen Sie uns \u00fcber die Geschichte der Volksschule in der Schweiz erz\u00e4hlen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Naxhi Selimi:<\/strong> Eine ausf\u00fchrliche Schilderung der historischen Entwicklung der Schweizer Volksschule w\u00fcrde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Deshalb beschr\u00e4nke ich mich auf einige wenige Eckwerte: Die heutige Volksschule hat ihren Ursprung im 17. Jahrhundert. Allerdings war sie zun\u00e4chst konfessionell gepr\u00e4gt. Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sie sich als staatliche Volkschule. 1832 wurde ein Unterrichtsgesetz verabschiedet. Danach bekam die Volkschule einen Lehrplan und obligatorische Lehrmittel. Somit wurde die Volkschule zum R\u00fcckgrat des Schulsystems und fand Niederschlag im gesellschaftlichen Leben. Von da an galt eine allgemeine Schulpflicht von sechs Jahren, gleichermassen f\u00fcr M\u00e4dchen und Jungen. Zun\u00e4chst sahen die kantonalen Vorgaben vor, in der Volksschule Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen zu unterrichten. Der Schulstoff, der dann auch Realienf\u00e4cher wie etwa Geschichte, Geografie und Naturkunde umfasste, wurde gewissermassen s\u00e4kularisiert und zur Allgemeinbildung entwickelt. Der Staat finanzierte die Elementarbildung, wobei es hierbei je nach politischer und wirtschaftlicher Entwicklung zum Teil grosse Unterschiede nicht nur in der Schweiz, sondern europaweit gab. In der Schweiz entwickelten beispielsweise die Kantone das Schulwesen weitgehend autonom, weil der Bund bei der Gr\u00fcndung im Jahr 1848 keine Kompetenzen erhielt, die Volksschule zu steuern und aufzubauen.<\/p>\n<p>Mit der zunehmenden Industrialisierung, Urbanisierung und gesellschaftlichen Modernisierung wurde die Volksschule zu einem breit abgest\u00fctzten System entwickelt. Hierzu ist zu erw\u00e4hnen, dass die damaligen Verh\u00e4ltnisse hinsichtlich der Qualit\u00e4t keineswegs mit der heutigen Volksschule der Schweiz gleichgesetzt werden d\u00fcrfen: die Klassen waren viel gr\u00f6sser als heute, die Klassenzimmer ganz anders ausgestattet, die Lehrkr\u00e4fte unterschiedlich bezahlt und fortgebildet. Im Unterschied zu heute war die Volkschule damals nicht einheitlich organisiert. Erst im 20. Jahrhundert fand das Schulsystem mehr und mehr R\u00fcckhalt in der Gesamtbev\u00f6lkerung. Mit der \u00dcbernahme der Bildungsversorgung durch den Staat wurden die Lehrkr\u00e4fte in Lehrerseminaren ausgebildet, und die konfessionelle Schulaufsicht endete. Die eingesetzten Schulmeister hatten den Auftrag, schulpflichtigen Kindern weltliche Bildungsinhalte und b\u00fcrgerliche Werte zu vermitteln.<\/p>\n<p>Im Laufe der letzten hundert Jahre entwickelte sich die Volksschule zu einer zentralen S\u00e4ule des Bildungssystems, das durch Forschung, Fachdiskussionen, Kooperationen und Wettbewerb den gesellschaftlichen Gegebenheiten in einer globalisierten Welt Rechnung tr\u00e4gt. Allerdings w\u00e4re die Schweizer Volksschule und somit die Bildung ohne die grosse Leistung namhafter Pers\u00f6nlichkeiten wie etwa Pestalozzi, Rousseau, Piaget oder Aebli nicht zu dem geworden, was sie heute ist, n\u00e4mlich eine unverzichtbare Ressource der Gesellschaft und Grundlage des Wohlstands.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: War es in der Schweiz immer selbstverst\u00e4ndlich, dass sowohl Jungs als auch M\u00e4dchen eingeschult werden durften?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Naxhi Selimi:<\/strong> Der Zugang zur Elementarbildung war grunds\u00e4tzlich f\u00fcr M\u00e4dchen und Jungen m\u00f6glich. Allerdings wurden M\u00e4dchen und Jungen nur w\u00e4hrend der dreij\u00e4hrigen Elementarschule gemeinsam und ab der vierten Klasse, also ab der Realschule, getrennt unterrichtet. Eine weitere Besonderheit bezieht sich auf die Schulf\u00e4cher: W\u00e4hrend die Jungen, die auf den Milit\u00e4rdienst vorbereitet werden sollten, standardm\u00e4ssig das \u00abvaterl\u00e4ndische\u00bb Fach Turnen besuchten, z\u00e4hlten Handarbeit und Hauswirtschaft als obligatorische F\u00e4cher f\u00fcr die M\u00e4dchen. Deutsch und Mathematik seien f\u00fcr Letztere weniger wichtig, meinte man, deshalb sollten sie durch einen reduzierten Besuch dieser F\u00e4cher entlastet werden. Zwar hiess das Volkschulkonzept \u00abBildung f\u00fcr alle\u00bb, in der Praxis wurden jedoch die Schulf\u00e4cher geschlechterspezifisch und unterschiedlich gehandhabt. Dies k\u00f6nnte man auch als Schulpraxis mit verschiedenen Standards f\u00fcr M\u00e4dchen und Jungen bezeichnen.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Welche Rolle spielten die Noten?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Naxhi Selimi:<\/strong> Noten sind so alt wie die Volkschule selbst. Dieses Thema pr\u00e4gt die Volksschule und das gesamte Bildungssystem bis heute. In Fachkreisen und in der Praxis wird es eher kontrovers diskutiert und sorgt nicht selten f\u00fcr hohe Emotionen. Dies konnte ich unter anderem w\u00e4hrend meiner fr\u00fcheren T\u00e4tigkeit bei der Bildungsdirektion des Kantons Z\u00fcrich von Nahem beobachten und stellte fest, dass die Benotung von vielen Fachleuten und Eltern als fester Bestandteil der Schule wahrgenommen und verteidigt wird. In der Fachliteratur jedoch findet man Beitr\u00e4ge namhafter P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen des deutschsprachigen Raums, die seit Jahrzehnten f\u00fcr eine Notenabschaffung pl\u00e4dieren. Kritische Stimmen gehen davon aus, dass die Noten bei vielen Schulkindern Stress verursachen und deren Lernprozess negativ beeinflussen. Sie w\u00fcrden zudem bewirken, dass die Betroffenen das Interesse am Thema verl\u00f6ren. Ausserdem seien die Noten ein Selektionsinstrument und mit Ungerechtigkeiten verbunden.<\/p>\n<p>Objektiv betrachtet dienen die Noten tats\u00e4chlich der Selektion, stellen aber zugleich die erbrachten Leistungen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dar. Hinzu kommt, dass ein Teil der Eltern \u2013 vermutlich aufgrund ihrer eigenen Schulerfahrung \u2013 m\u00f6chte, dass ihre Kinder benotet werden. Es gibt aber auch Eltern, die notenfreie Schulen wie etwa die Montessori- oder Steinerschule besuchten und aus eigener Erfahrung wissen, dass eine sogenannt formative Beurteilung in Form von R\u00fcckmeldungen und ohne Ziffernoten den Lernprozess besser unterst\u00fctze. Meine eigenen Beobachtungen in der Praxis und die R\u00fcckmeldungen einzelner Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler deuten darauf hin, dass manche Lernende notenfokussiert lernen und wenig, um deren Wissen in bestimmten Themen zu vertiefen. Es gibt aber auch wettbewerbsorientierte Lernende, die sich ungeachtet der Noten mit den Schulinhalten vertieft auseinandersetzen und die Noten als selbstverst\u00e4ndliches Produkt ihrer Leistung betrachten. Es gibt leider keine Patentl\u00f6sungen. Wichtiger noch: Der Notenverzicht ist in der Schweizer Gesellschaft \u2013 zumindest zum jetzigen Zeitpunkt \u2013 nicht mehrheitsf\u00e4hig.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Gute Sch\u00fcler bringen gute Noten nach Hause und an schlechten Noten sind die Kinder selbst schuld. Ist damit die Erziehungsplicht\/ Verantwortung der Eltern getan oder anders gefragt, wie w\u00fcrden Sie diese Aussage aus p\u00e4dagogischer Sicht beleuchten?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Naxhi Selimi:<\/strong> Auch diesen Punkt sollte man differenziert anschauen, denn insbesondere Eltern ohne oder mit unzureichenden Deutschkenntnissen k\u00f6nnen ihre Kinder nur begrenzt oder gar nicht in Schulbelangen unterst\u00fctzen. Aus schulischer Sicht liegt die Verantwortung f\u00fcr den Schulerfolg bzw. das Schulversagen nicht alleine in den H\u00e4nden des Kindes, sondern wird zwischen dem Verantwortungsbereich der Lehrperson, der Eltern und dem Kind unterschieden\u00a0 . Doch wenn Eltern weder die Zeit noch die Sprache beherrschen um ihren Kindern zu helfen, dann ist der Fall etwas spezieller. Denn diese Kinder sind auf sich selbst gestellt und mit dem stets zunehmenden Schwierigkeitsgrad des Schulstoffes \u00fcberfordert. Es ist unbestritten, dass die Kinder die Unterst\u00fctzung des Elternhauses brauchen, ungeachtet dessen, wie schulisch begabt sie sind oder eben auch nicht. Sogenannt bildungsferne Eltern sind sich oft nicht bewusst, dass die Selektion im Schweizer Schulsystem fr\u00fch stattfindet und gehen davon aus, dass ihre Kinder es irgendwie schon aus eigener Kraft schaffen w\u00fcrden. Aus den Gespr\u00e4chen mit vielen Migranteneltern weiss ich, dass sich viele von ihnen schnell zufriedengeben und sobald die \u00dcbertritte stattfinden, feststellen m\u00fcssen, dass die Leistungen ihrer Kinder f\u00fcr eine Zuteilung in eine anspruchsvollere Schulabteilung nicht ausreichen. Ich m\u00f6chte daher alle Eltern ermutigen, nichts dem Zufall zu \u00fcberlassen und den Lernprozess ihrer Kinder von Anfang an zu begleiten oder externe Unterst\u00fctzung zu organisieren, falls sie pers\u00f6nlich nicht helfen k\u00f6nnen. Denn, jeder investierte Franken in die Bildung des eigenen Kindes zahlt sich f\u00fcr das Kind langfristig aus. Zeitgleich ist es meines Erachtens auch Aufgabe der Schule, alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu unterst\u00fctzen, damit sie dem Unterricht ohne Schwierigkeiten folgen und sp\u00e4ter als erfolgreiche Individuen einen gesellschaftlichen Beitrag leisten und ihr Leben erfolgreich meistern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Driter Gjukaj<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxhi Selimi stieg vom Saisoner im Bau zum Dozenten an der P\u00e4dagogischen Hochschule in Schwyz auf<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":581698,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1134,1141,1136,1133,1140,1412,2015],"tags":[1261],"vendi":[],"content_country":[29888,31836,31837],"class_list":["post-581721","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-integration","category-themen","category-sprachen","category-e-diaspora-de","category-leben-in-der-schweiz","category-newsletter-de","category-newsletter-media-de","tag-interviste-de","content_country-zvicer","content_country-austria-de","content_country-germany-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=581721"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581721\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/581698"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=581721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=581721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=581721"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=581721"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=581721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}