{"id":613255,"date":"2022-12-20T16:20:39","date_gmt":"2022-12-20T15:20:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=613255"},"modified":"2022-12-27T00:27:40","modified_gmt":"2022-12-26T23:27:40","slug":"vom-lehrling-zum-berufsschullehrer-dhurim-bytyqi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/vom-lehrling-zum-berufsschullehrer-dhurim-bytyqi\/","title":{"rendered":"Vom Lehrling zum Berufsschullehrer, Dhurim Bytyqi"},"content":{"rendered":"<p>Der Weg zum Lehrerberuf muss nicht immer \u00fcber das Gymnasium und anschliessend zum P\u00e4dagogikstudium f\u00fchren, ein lebendiger Beweis hierf\u00fcr ist Dhurim Bytyqi. Wie man sonst noch P\u00e4dagoge werden kann und welche Fragen der Nachname von Herrn Bytyqi bei den Sch\u00fcler:innen ausl\u00f6st, erfahren wir im folgenden Interview.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Lieber Herr Bytyqi wie war damals Ihre Berufswahlzeit und weswegen entschlossen Sie sich f\u00fcr das KV?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dhurim Bytyqi:<\/strong> W\u00e4hrend der obligatorischen Schulzeit wusste ich nicht genau, wo meine St\u00e4rken liegen und was meine Interessen sind. W\u00e4hrend der Berufswahl entschlossen sich die meisten meiner Freunde f\u00fcr das KV und daher dachte ich mir, dass will ich auch. Eine echte Auseinandersetzung mit der Berufswahl stelle ich mir heute anders vor. Man sagte mir, das KV w\u00fcrde gute Weiterbildungsm\u00f6glichkeiten bieten und ist eine gute Grundausbildung. Aus diesem Grund entschied ich mich schlussendlich f\u00fcr eine Lehre in der Branche \u00abDienstleistung und Administration\u00bb mit Profil E. Leider oder aus heutiger Sicht \u00abzum Gl\u00fcck\u00bb musste ich ein Zwischenjahr machen. In diesem Jahr fand ich meine grosse Liebe und heutige Ehefrau. Die Lehre hat mich insofern gepr\u00e4gt, dass ich finanziell unabh\u00e4ngig wurde und lernte selbst\u00e4ndig zu arbeiten. Das grosse Interesse f\u00fcr Bildung und Schule kam aber erst mit der Berufsmaturit\u00e4t 2.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Wie kam es zum Wechsel als Berufsschulsch\u00fcler zum Berufsschullehrer und welche Voraussetzung mussten Sie f\u00fcr diese Weiterbildung mitbringen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dhurim Bytyqi:<\/strong> Wenn man die Frage stellt: Was ist ein guter Lehrer oder eine gute Lehrerin, dann kommen jeder Person sogleich Namen und Gesichter in den Sinn. Man f\u00fchlt sich zeitgleich zur\u00fcckversetzt in die einzelnen Lektionen von Frau M\u00fcller oder Herr Meier. Bei mir waren es auch Lehrpersonen, die mich inspiriert und motiviert haben, Lehrer zu werden. Dazu kam auch, dass ich \u2013 besonders in der BM2 (Berufsmaturit\u00e4t) \u2013 merkte, wie wichtig Bildung ist. Nicht nur f\u00fcr die Gesellschaft, sondern auch f\u00fcr das Individuum. Es hilft bei der Identit\u00e4sfindung, der Auseinandersetzung mit sich selbst, der pers\u00f6nlichen Horizonterweiterung und es hat mir auch pers\u00f6nlich geholfen, die Komplexit\u00e4t des Alltags und der Welt besser zu verstehen. Hier wollte ich meinen pers\u00f6nlichen Beitrag leisten. Beeinflusst hat mich sicherlich auch die Tatsache, dass ich von einer \u00abLehrerfamilie\u00bb komme. Meine beiden Eltern waren im ehemaligen Jugoslawien Lehrer, genauso wie zwei weitere Verwandte. Eine meiner Cousinen in Amerika ist auch Lehrerin f\u00fcr Mathematik und eine andere Cousine gerade in der Ausbildung zur Gymnasiallehrerin in Deutschland. Diese Faktoren haben gewiss auch auf mich abgef\u00e4rbt. Nach der BM2 wusste ich noch nicht genau, ob ich direkt an die P\u00e4dagogische Hochschule gehen m\u00f6chte und die Ausbildung zum Sekundarstufenlehrer absolvieren soll oder in einem ersten Schritt einen anderen Studiengang machen soll. Da ich die kaufm\u00e4nnische BM gemacht habe, ergab sich, dass ich mich f\u00fcr ein Wirtschaftsstudium entschied. Damals schon diente dieser Zwischenschritt als Mittel zum Zweck, um anschliessend Wirtschaft an eine Berufsfachschule unterrichten zu k\u00f6nnen. Gegen Ende meines Wirtschaftsstudiums erhielt ich eine Stelle als Kursassistenz an einer Schule, wo haupts\u00e4chlich mit Asylsuchenden arbeitete. Diese Erfahrung war sehr wertvoll und verst\u00e4rkte meinen Wunsch, Berufsschullehrer zu werden.<\/p>\n<p>In Bezug auf die Voraussetzung f\u00fcr die Weiterbildung h\u00f6rt es sich klischeehaft zu erw\u00e4hnen, dass die Motivation und Begeisterung die Grundpfeiler daf\u00fcr sind. Ich war schon immer gerne Sch\u00fcler bzw. Student. Das Lernen ist ein stetiger Prozess und ganz nach dem Motto des SBFI \u00abLebenslanges Lernen\u00bb ist dieses dynamische Konstrukt ein st\u00e4ndiger Begleiter meiner Person geworden. Nicht zu untersch\u00e4tzen ist aber auch die Zeit und die damit verbundenen Kosten. Je l\u00e4nger man sich Zeit daf\u00fcr l\u00e4sst, k\u00f6nnen folglich auch andere Aufgaben entstehen und sich die Rahmenbedingungen \u00e4ndern. Familie, Berufsleben, Alter sind alles Kriterien, die gewiss einen Einfluss auf diesen Prozess der Weiterbildung haben k\u00f6nnen. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen diese Einfl\u00fcsse auch positiver Natur sein und entsprechend eine Weiterbildung erst m\u00f6glich machen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dhurim-bytyqi-ok.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-613239 size-full\" src=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dhurim-bytyqi-ok.jpg\" alt=\"\" width=\"416\" height=\"610\" srcset=\"https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dhurim-bytyqi-ok.jpg 416w, https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dhurim-bytyqi-ok-205x300.jpg 205w, https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dhurim-bytyqi-ok-270x396.jpg 270w, https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dhurim-bytyqi-ok-68x100.jpg 68w, https:\/\/www.albinfo.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/dhurim-bytyqi-ok-119x175.jpg 119w\" sizes=\"auto, (max-width: 416px) 100vw, 416px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Wie sieht ein Berufsalltag bei Ihnen aus und wie reagieren neue Sch\u00fcler, wenn sie neben Deutsch auch Albanisch als Muttersprache mit Ihnen teilen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dhurim Bytyqi:<\/strong> Was den Beruf als Berufsschullehrer spannend und gleichzeitig auch anspruchsvoll macht, ist die Tatsache, dass es den klassischen Berufsalltag nicht gibt. Man kann die Lektionen vorbereiten, didaktisieren und bis auf die Minute rhythmisieren. Diese Instrumente helfen, um dem Unterricht eine Struktur zu geben. Doch hat man nicht zuletzt mit jungen Menschen zu tun. Und dass das Unterrichten keine Einbahnstrasse ist, versteht sich von selbst. Es lebt von der Interaktion und der Motivation der Lernenden.<\/p>\n<p>Interessant empfand ich die unerwartet \u00abwenig\u00bb \u00fcberraschende Reaktionen der albanisch-st\u00e4mmigen Lernenden. Die h\u00e4ufigste Frage, die mir von ihnen gestellt wird, ist: \u00abSie Herr Bytyqi \u2013 d\u00f6rf ich Sie was fr\u00f6ge: \u00f6pis Pers\u00f6nlichs: Vowo sind Sie vo Kosovo?\u00bb. Das ist das H\u00f6chste der Gef\u00fchle. Manchmal \u2013 vor den Sommerferien \u2013 werde ich dann ab und zu auch mal gefragt, ob ich auch \u00ababe gahn\u00bb (in den Kosovo).<\/p>\n<p>Als grossen Vorteil meines Migrationshintergrundes empfinde ich den einfacheren Zugang zu den Lernenden. In gewissen Situationen erlaubt es \u00abmein Name\u00bb einen bestimmten Vertrauensvorsprung gegen\u00fcber Sch\u00fclern mit Migrationshintergrund zu finden. Wenn ich beispielsweise die Wichtigkeit der Bildung thematisiere und den Lernenden meinen Berufsweg erl\u00e4utere, dann merke ich, dass die Aufmerksamkeit gross ist und sie verstehen m\u00f6chten, wie das Bildungssystem in der Schweiz aufgebaut ist. Ganz nach dem Motto \u2013 wenn es Herr Bytyqi kann, dann kann ich es auch.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Was ist entscheidend f\u00fcr Eltern, wenn Sie ihr Kind sozial bzw. motivational w\u00e4hrend der Berufslehrere unterst\u00fctzen m\u00f6chten. Sind Druck und Handy-Verbot Drohungen ein altbew\u00e4hrtes Erfolgsrezept oder haben auch Sie Support-Alternativen f\u00fcr interessierte Eltern?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dhurim Bytyqi:<\/strong> Die Berufswahl ist sehr wichtig und aus diesem Grund ist die konkrete Auseinandersetzung mit dieser Wahl zentral. Diese Auseinandersetzung geschieht aber schon viel fr\u00fcher \u2013 mit dem Erkennen der eigenen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen \u2013 den Interessen und W\u00fcnschen. Hier k\u00f6nnen die Eltern ansetzen und versuchen die eigenen Kinder zu unterst\u00fctzen. Ist jemand handwerklich begabt und braucht viel Bewegung, dann ist eine Lehre im kaufm\u00e4nnischen Bereich wom\u00f6glich nicht die ideale Wahl. Als weiteren, wichtigen Faktor sehe ich das Hobby. Ich beobachte immer mehr, dass meine Lernenden keine wirklichen Hobbys haben. Da sind auch die Eltern gefragt. Es zeigt sich, dass Jugendliche, welche einem Hobby nachgehen, Sportart, Musikinstrument, Theaterschauspiel, usw. viel geringere Identit\u00e4tsschwierigkeiten haben und folglich auch mehr wissen, was sie wollen bzw. nicht wollen. Auch in Bezug auf die Berufswahl ist dies von Vorteil.<\/p>\n<p>Zudem sollen die Eltern den Kindern keinen Druck machen und sie in eine Richtung dr\u00e4ngen, in der sie sich nicht wohl f\u00fchlen. Es hilft auch, wenn die Eltern sich selbst mit dem Berufsbildungssystem der Schweiz auseinandersetzen und die verschiedenen Optionen kennenlernen. Handy- und Gameverbote sind nicht nachhaltig und zielf\u00fchrend. Das Handy soll nicht verteufelt werden \u2013 es ist heute aus unserem Alltag nicht wegzudenken und kann ein wichtiges Hilfsmittel sein. Das Problem hierbei sehe ich vielmehr in der Omnipr\u00e4senz. Man sollte gewisse Zeiten bewusster wahrnehmen, wie beispielsweise das Nachtessen mit der Familie oder auch Diskussionen und Debatten in der Familie. In diesen Situationen sollte das Handy nicht gebraucht werden und am besten von allen Beteiligten \u00abversorgt\u00bb sein. Und sollten die Eltern mit dem Handygebrauch der Kinder M\u00fche haben, dann kann in einem ersten Schritt helfen, die eigene Zeit, welche man mit dem Handy nutzt zu hinterfragen und sich zu reflektieren. Die Eltern sind bei der Handynutzung nicht zwingend besser und daher wenig authentisch, wenn ein Handyverbot ausgesprochen wird.<\/p>\n<p>Interview gef\u00fchrt: Driter Gjukaj<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als grossen Vorteil meines Migrationshintergrundes empfinde ich den einfacheren Zugang zu den Lernenden. 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