{"id":64609,"date":"2013-10-23T14:14:14","date_gmt":"2013-10-23T12:14:14","guid":{"rendered":""},"modified":"2013-10-28T08:52:37","modified_gmt":"2013-10-28T06:52:37","slug":"wenn-die-hausgemachten-probleme-der-migration-zugeschrieben-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wenn-die-hausgemachten-probleme-der-migration-zugeschrieben-werden\/","title":{"rendered":"Wenn die hausgemachten Probleme der Migration zugeschrieben werden"},"content":{"rendered":"<p>Ist die Migration Schuld an gewissen Problemen, mit welchen die Schweiz in den letzten Jahren konfrontiert ist, wie \u00dcberbev\u00f6lkerung, Verkehrs\u00fcberlastung, steigende Wohnungsmieten etc., oder sind es die Schweizer selbst? So lassen sich vereinfacht die Fragen zusammenfassen, die an der eint\u00e4gigen Konferenz der Eidgen\u00f6ssischen Kommission f\u00fcr Migrationsfragen (EKM) am Dienstag in Bern gestellt wurden.<\/p>\n<p>Der Antworten auf diese Fragen waren viele, und sie kamen von sehr kompetenten Personen, einheimischen und internationalen, von Politikerinnen und Bev\u00f6lkerungswissenschaftlern. Die eidgen\u00f6ssische Justizministerin Simonetta Sommaruga hielt an der Konferenz ein Referat, in welchem sie \u00fcber die Notwendigkeit eines realistischen Zugangs zu den Problemen mit der Migration sprach.<\/p>\n<p>&#8220;Die Vielfalt der Schweiz ist seit vielen Jahren ein Vorteil der Schweiz. Die Migration ist Teil dieser Vielfalt und diesem Sinn auch Teil der Schweiz.&#8221;<\/p>\n<p>Die Schweiz befindet sich wirtschaftlich in einer viel besseren Lage als ihre Nachbarn und hat nur eine geringe Arbeitslosigkeit. Dieses wirtschaftliche und allgemeine Wohlbefinden verdankt sie in grossem Mass den Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern, die hier arbeiten.<\/p>\n<p>Doch nebst den Vorteilen, die \u00fcberwiegen, d\u00fcrfen wir die realen Probleme, die durch die Migration verursacht werden, &nbsp;nicht verschweigen, sagte Sommaruga unter anderem.<\/p>\n<p>Sie kritisierte jene politischen Kreise, die Panik verbreiten mit dem Bild einer &#8220;Invasion&#8221; von Ausl\u00e4ndern und der Gefahr von \u00dcberbev\u00f6lkerung, denn die Mehrheit der aktuellen Probleme in der Schweiz sind hausgemacht, mit andern Worten, von den Schweizern selbst oder durch das (Nicht-)Funktionieren des Systems verursacht.<\/p>\n<p>Als Indiz in diesem Zusammenhang erw\u00e4hnte sie die Wohnfl\u00e4che. Es stimmt nicht, dass die Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder &#8220;uns die Wohnungen wegnehmen&#8221; oder &#8220;sie verteuern&#8221;, sagte Sommaruga.<\/p>\n<p>Es ist unser steigendes Bed\u00fcrfnis nach gr\u00f6sserer Wohnfl\u00e4che, das solche Folgen zeitigt. W\u00e4hrend vor rund vierzig Jahren dreissig Quadratmeter optimal f\u00fcr eine Person waren, braucht es heute f\u00fcnfzig Quadratmeter, f\u00fchrte sie aus.<br \/> &nbsp;<br \/> <strong>Wo w\u00e4re die Schweiz ohne eingewanderte Bev\u00f6lkerung?<\/strong><\/p>\n<p>David Coleman, Professor f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaften an der Universit\u00e4t von Oxford, erkl\u00e4rte, wie sich in Europa gegenw\u00e4rtig demographische Reife und Alterung verbreiten.<\/p>\n<p>Die meisten Bedenken hinsichtlich Alterung der Bev\u00f6lkerung in Europa tr\u00e4fen zwar zu, bemerkt Coleman, oft gehe jedoch vergessen, dass die durchschnittliche Lebensdauer und die Lebensqualit\u00e4t im Alter zun\u00e4hmen, gerade in Europa und allgemein im Westen.<\/p>\n<p>Er erw\u00e4hnte auch Trends in einigen L\u00e4ndern, vor allem in Frankreich und den skandinavischen Staaten, wo eine entsprechende Sozialpolitik zu einem Anstieg der Geburtenraten f\u00fchrte, was der Panik \u00fcber &#8220;den Tod Europas&#8221; zuwiderl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Drei weitere Demografen \u00e4usserten sich in ihren Beitr\u00e4gen ebenfalls zum Kernthema, der Migration und ihrem vielseitigen Einfluss in der Schweiz.<\/p>\n<p>So stellte Rainer M\u00fcnz, Bev\u00f6lkerungswissenschaftler in der Forschungsabteilung der Erste Group Bank in Wien, die Wirkung der Migration in der Schweiz dar, aufgef\u00e4chert nach Jahren und Regionen.<\/p>\n<p>Er zeigte auf, dass die Schweiz in den letzten hundert Jahren mit Ausnahme weniger kurzer Perioden ein Einwanderungsland von grosser Anziehungskraft war.<\/p>\n<p>Die einzigen Zeiten, wo Migranten die Schweiz verliessen oder es nicht auf sie abgesehen hatten, waren das Jahr 1918, als in der Schweiz eine schwere Grippeepidemie w\u00fctete, und das Jahr 1973, w\u00e4hrend der \u00d6lkrise.<\/p>\n<p>Wo w\u00e4re die Schweiz ohne Ausl\u00e4nder, wie lebte es sich in diesem Land, wo in zahlreichen Sektoren Migranten und Migrantinnen rund die H\u00e4lfte der Erwerbst\u00e4tigen ausmachen? Diese Fragestellung beleuchtete vor dem Konferenzpublikum in einem spannenden Referat der Professor f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaften von der Universit\u00e4t Genf, Philipp Wanner.<\/p>\n<p>Er machte auf die Fakten aufmerksam, die zeigen, wie das Leben in der Schweiz von Ausl\u00e4nderinnen und Migranten abh\u00e4ngt. Er pr\u00e4sentierte auch Szenarien, wie sich das Leben in der Schweiz ohne ausl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung entwickeln w\u00fcrde. Die Zahl der Besch\u00e4ftigten w\u00e4re gem\u00e4ss diesen Projektionen viel kleiner und viel niedriger w\u00e4re folglich auch der Wohlstand in der Schweiz.<\/p>\n<p>Er illustrierte dies mit augenf\u00e4lligen Daten: Die H\u00e4lfte des Personals in der Hotellerie, Gastronomie, auf dem Bau und im Gesundheitswesen sind Migranten. W\u00fcrden sie fehlen, bek\u00e4me das die wohlstandsgewohnte&nbsp; Schweizer Gesellschaft sehr stark zu sp\u00fcren, hielt Wanner fest.<\/p>\n<p>Martin Schuler von der ETH Lausanne referierte \u00fcber die Raumplanung in der Schweiz, \u00fcber die Wechselwirkungen zwischen dem Faktor Migration und andern Faktoren. Hinsichtlich dieser Wechselwirkung kam ein weiterer Vortragender, Christian Ferres vom B\u00fcro f\u00fcr Planung und Kommunikation Metro, zum Schluss, dass &#8220;zwei Drittel der (negativen) Ver\u00e4nderungen der st\u00e4dtischen Dichte intern und nur ein Drittel durch die Migration entstanden&#8221;.<br \/> &nbsp;<br \/> <strong>&#8220;Zwei Drittel autochthone Probleme, ein Drittel importierte&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Von einem \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnis von &#8220;zwei Dritteln&nbsp; autochthonen und einem Drittel importierten bzw. durch die Migration verursachten Problemen&#8221; war auch in den andern Beitr\u00e4gen der Konferenz die Rede.<\/p>\n<p>Packend war auch das Referat des Demografen und ehemaligen Leiters des Franz\u00f6sischen Instituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaften, Fran\u00e7ois H\u00e9ran.<\/p>\n<p>Er stellte in seinem essayartigen Beitrag Beispiele der im Lauf der Geschichte ver\u00e4nderten demografischen Blickwinkel und Konzepte einander gegen\u00fcber und brachte Licht in die komplexe&nbsp; Materie dieses Bereichs. H\u00e9ran hielt sich insbesondere bei der malthusianischen Theorie und den Nachfolgern von Malthus auf. Letzterer ist f\u00fcr seine nicht sehr humane Haltung in Fragen demographischer Entwicklungen bekannt.<\/p>\n<p>Bekanntlich vertrat Malthus die Idee von der &#8220;\u00fcberz\u00e4hligen Bev\u00f6lkerung&#8221;, bzw. den Armen, die &#8220;eliminiert&#8221; werden sollten, damit der andere, auserw\u00e4hlte Teil, normal leben kann. Und dies, weil gem\u00e4ss ihm die nat\u00fcrlichen Ressourcen nicht f\u00fcr eine grosse Zahl Erdbewohner und Bewohnerinnen gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Diese Theorie verband der Pariser Professor sodann mit aktuellen Tendenzen, die die Migration als &#8220;\u00fcberfl\u00fcssiges Element&#8221; betrachten. In diesem Sinn gehen laut H\u00e9ran und&nbsp; andern, die&nbsp; an der Konferenz das Wort ergriffen hatten, auch Initiativen wie Ecopop, \u00fcber welche n\u00e4chstes Jahr in der Schweiz abgestimmt werden soll, in eine \u00e4hnliche, wenn auch moderatere Richtung.<\/p>\n<p>Nebst der Vortragsreihe beteiligten sich die Forscherinnen und andern Referenten im Lauf des Tages auch an drei Podiumsgespr\u00e4chen, die unter anderem von Walter Leimgruber, dem Pr\u00e4sidenten der EKM, und der Vizedirektorin des Bundesamtes f\u00fcr Migration Barbara B\u00fcschi, moderiert wurden.<\/p>\n<p><strong>Blerim Shabani<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut Bundesr\u00e4tin Sommaruga sind die meisten aktuellen Probleme der Schweiz hausgemacht, mit andern Worten von den Schweizern selbst oder durch das (Nicht-)Funktionieren des Systems verursacht<\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":47679,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1141,1140],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-64609","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-themen","category-leben-in-der-schweiz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64609","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64609"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64609\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/47679"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64609"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=64609"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=64609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}