{"id":64778,"date":"2014-03-15T08:17:56","date_gmt":"2014-03-15T07:17:56","guid":{"rendered":""},"modified":"2015-02-16T15:00:57","modified_gmt":"2015-02-16T14:00:57","slug":"integration-setzt-anstrengung-und-selbstvertrauen-voraus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/integration-setzt-anstrengung-und-selbstvertrauen-voraus\/","title":{"rendered":"Integration setzt Anstrengung und Selbstvertrauen voraus"},"content":{"rendered":"<p>Ein altes lateinisches Sprichwort heisst &#8220;per aspera ad astra&#8221;, was \u00fcbersetzt &#8220;\u00fcber steinige Wege zu den Sternen&#8221; bedeutet. Einen solchen Weg geht auch Eleonora Asanoviq, eine 23-j\u00e4hrige Frau, die bis zu ihrem zehnten Altersjahr in Medvegj\u00eb in S\u00fcdserbien, unmittelbar an der Grenze zu Kosova, aufwuchs und im Jahr 2000 w\u00e4hrend des Krieges im dortigen Preshevatal mit ihrer Familie als Asylsuchende in die Schweiz kam.<\/p>\n<p>Nach kurzer Zeit entschieden die Beh\u00f6rden, dass Eleonora in die dritte Klasse der Primarschule eintreten und gleichzeitig intensiven Deutschunterricht erhalten sollte.<\/p>\n<p>&#8220;Anfangs war es nicht leicht&#8221;, erz\u00e4hlt Eleonora. &#8220;Wir waren in einem Haus, einem Heim f\u00fcr Asylsuchende mit vielen verschiedenen Menschen untergebracht. In der Schule \u00fcbersetzte eine albanische Sch\u00fclerin in meiner Klasse f\u00fcr mich, und zum Gl\u00fcck war unser Lehrer &#8211; er war sechzig &#8211; ein sehr lieber Mensch, der immer Verst\u00e4ndnis hatte. Ich war sehr interessiert, so schnell wie m\u00f6glich die Sprache zu lernen, die wie eine wichtige T\u00fcre f\u00fcr meine Integration, meine Kontakte und sp\u00e4teren Erfolge war. Zu Beginn las ich einfache B\u00fccher, M\u00e4rchen auf Deutsch, und so lernte ich schnell Deutsch. Dann begann ich auch mit den Klassenkameradinnen und -kameraden zu sprechen, die sich sehr gut zu mir verhielten.<\/p>\n<p>Nach sechs Monaten &#8220;kamen wir in den Transfer&#8221; in eine kleine Stadt, Breitenbach. In der Schule gab es Unterschiede gegen\u00fcber der vorherigen Schule. Zwischen den Sch\u00fclern gab es Trennlinien, Gruppierungen. Die Gruppen bestanden entweder aus ausl\u00e4ndischen oder aus schweizerischen Kindern oder aus ausl\u00e4ndischen und schweizerischen Kindern, die entweder eine Mutter oder einen Vater aus dem Ausland hatten. Von den albanischsprachigen Kindern in der Schule hatten fast alle eine ordentliche Aufenthaltsbewilligung und waren dermassen &#8220;integriert&#8221;, dass sie sich als Schweizer ausgaben.<\/p>\n<p>Zwischen den Gruppen gab es H\u00e4nseleien, auch ich habe hin und wieder Spott erlebt, doch das ging vor\u00fcber, war typisch Kinder. Von Natur her haben mir Gruppierungen und Trennungen nie gefallen. In der 5. und 6. Klasse erfand ich meinen eigenen &#8220;RNB und Hip-Hop&#8221;-Stil, ich zeichnete sch\u00f6ne, kaufte moderne Kleider und wurde bekannt. Doch eines lernte ich, dass n\u00e4mlich gute schulische Leistungen am wichtigsten waren, denn nur so gewann ich den Respekt von allen.<\/p>\n<p><strong>In der Schweiz ist das Schulsystem anders strukturiert<br \/>\n<\/strong><br \/>\nNach der Primarschule oder der sechsten Klasse kommt die Mittelschule. Diese wurde dann in verschiedene Niveaus eingeteilt, zumindest in Breitenbach, in die Oberschule, oder die Realschule, wie sie in andern Kantonen genannt wird, dann kommt die Sekundarschule, die Bezirksschule und das h\u00f6chste Niveau, das Progymnasium. Schw\u00e4chere Schulen als diese sind die Kleinklasse und die Werkklasse. Von Gesetzes wegen bestimmt der Notendurchschnitt, in welches dieser Schulniveaus du eingeteilt wirst. Je h\u00f6her die Noten, desto h\u00f6her das Niveau.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob es Lehrer oder P\u00e4dagoginnen gab, die die Sch\u00fcler ermutigten, voranzukommen, und ob Eleonora so jemanden gehabt habe, antwortete sie: &#8220;Alle Lehrerinnen verhielten sich zu allen Sch\u00fclerinnen gleich. Sie informierten uns und unsere Eltern an Elternabenden \u00fcber die weiteren Bildungsm\u00f6glichkeiten, doch es gab keine individuellen Gespr\u00e4che mit jedem von uns. Auch ich hatte niemanden in der Schule, der mir speziell geholfen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Da mir die Note in Mathematik fehlte, stuften sie mich zuerst in die Oberschule ein. Nach einiger Zeit verbesserte ich die Noten und trat auf ein besseres Niveau \u00fcber &#8211; in die Sekundarschule, dann wurde mein Notendurchschnitt noch besser und ich kam in die Bezirksschule. Dieses Vorw\u00e4rtskommen dauerte f\u00fcnf Jahre, und hatte positive und negative Seiten. Gut war, dass ich auf h\u00f6here Niveaus kam, doch schlecht war, dass ich jedes Mal ein Jahr wiederholen musste und dadurch immer \u00e4lter als die Generation meiner Klasse wurde. In dieser ganzen, nicht beneidenswerten Situation war es mein Gl\u00fcck, dass ich eine enge albanische Freundin hatte, mit welcher ich gemeinsam den gleichen Weg verfolgte, doch zwischen uns beiden und den andern der Klasse gab es keine besonders grosse Verbundenheit, wegen des Altersunterschieds. Die andern waren im Vergleich zu uns beiden sehr jung.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Ich hatte einen N-Ausweis und konnte nicht ausserhalb der Schweiz reisen<br \/>\n<\/strong><br \/>\n&#8220;Meine Schulfreundinnen und -freunde&#8221;, erz\u00e4hlt Eleonora, &#8220;verbrachten ihre Ferien ausserhalb der Schweiz, aber ich nicht. Diese Situation war f\u00fcr mich seelisch schwierig, denn ich musste zuhause bleiben und fernsehen, w\u00e4hrend meine Generation in der Welt herumspazierte. Als ich kleiner war, sch\u00e4mte ich mich oft und belog die andern Kinder in der Klasse, dass ich angeblich Probleme mit meinem serbischen Pass h\u00e4tte und deshalb nicht ins Ausland reisen k\u00f6nne. Irgendwann begann ich diese Situation als einigermassen normal zu akzeptieren. Mit der Zeit bekamen wir als Familie eine Aufenthaltsbewilligung &#8220;B&#8221; und den Schweizer Pass.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Wie viel Unterst\u00fctzung bekamst du von deinen Eltern, Eleonora?<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Heute denke ich diesbez\u00fcglich, dass Mami falsche Methoden w\u00e4hlte, um mich zum Erfolg zu motivieren. Oft schrie sie mich an, dass ich, wenn ich nicht gut lernen w\u00fcrde, die Schule abbrechen und eine Arbeit suchen m\u00fcsse. Dann hielt sie mir Lektionen, dass ich mich ja nie in einen Jungen fremder Herkunft verlieben d\u00fcrfe, sondern nur in einen Albaner. Sie hatte fr\u00fcher eine gef\u00e4hrliche Operation gehabt, und ihre Drohungen, dass ich ihre Gesundheit verschlechtern w\u00fcrde, wenn ich so etwas t\u00e4te, brachten mich wirklich dazu, mich ganz schlecht zu f\u00fchlen. Ich hatte keine Pr\u00e4tentionen dieser Art, und dieser Druck bewirkte, dass ich die Orientierung, die ich geplante hatte, verlor. Oft verbrachte ich die N\u00e4chte schlaflos und weinend. Doch ich glaube, dass Mami aus \u00c4ngstlichkeit so handelte, und heute verzeihe ich ihr das, denn sie wollte mein Bestes innerhalb unserer albanischen Realit\u00e4t.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Sp\u00e4ter besuchte ich in eine Schule auf gymnasialem Niveau<br \/>\n<\/strong><br \/>\n&#8220;Nach der Bezirksschule besuchte ich eine Schule, die &#8216;Fachmaturit\u00e4t Schule&#8217; heisst, am Gymnasium in M\u00fcnchenstein in Baselland. Dort hatte ich meine enge Freundin nicht; sie fehlte mir, wie auch mein \u00fcbriger fr\u00fcherer Freundeskreis. Ich war der mehrmaligen Klassenwiederholungen \u00fcber f\u00fcnf Jahre hinweg sehr \u00fcberdr\u00fcssig. Die Schule und die Kriterien waren sehr schwierig und ich sp\u00fcrte, dass ich nicht motiviert war, im gleichen Tempo weiterzumachen. Ich machte eine bewusste Pause, in der ich mich fand und aufraffte. So begann ich nach drei Monaten wieder in der gleichen Schule mit dem einzigen Ziel, &#8220;den Kopf hoch zu tragen und die Schule so schnell wie m\u00f6glich abzuschliessen&#8221;. Und das gelang mir.<\/p>\n<p>Zur Zeit beende ich ein einj\u00e4hriges Praktikum im Institut f\u00fcr Pathologie an der Universit\u00e4t Basel und ich schreibe meine Maturarbeit. Sie ist eine Voraussetzung f\u00fcr das Studium der\u00a0 Molekularwissenschaften an der Naturwissenschaftlichen Fakult\u00e4t, wo ich angenommen wurde.<\/p>\n<p>An diesem Institut sind alle Kollegen sehr gut und f\u00e4hig, es gibt viele Doktorandinnen und die meisten kommen aus dem Ausland. Der Betreuer meiner Maturarbeit ist deutscher Herkunft. Er beriet und motivierte mich, voran zu kommen, und ich bin ihm sehr dankbar.<\/p>\n<p><strong>Meine Botschaft an die Jungen<\/strong><\/p>\n<p>Im Leben musst du k\u00e4mpfen, auch wenn nicht alles l\u00e4uft, wie wir es geplant haben und die Sonne sich hinter den Wolken versteckt. Das Leben ist wie ein Kardiogramm mit Hochs und Tiefs. Jede Situation, die im Leben entsteht, hat in sich etwas Positives, wenigstens eine Erfahrung, die uns st\u00e4rker macht, doch du musst Kraft, Energie und Motivation suchen, um voran zu kommen. Die Schweiz und unsere Landsleute brauchen uns, als intellektuelles Potenzial, deshalb d\u00fcrfen wir uns nicht aufgeben, denn wir haben es selbst in der Hand.<\/p>\n<p>Silvije Bu\u00e7aj Shehi, Kriminologin in der Schweiz<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Integrationsschwierigkeiten junger Albanischsprachiger im schweizerischen Schulsystem. Zum Beispiel Eleonora aus Medvegj\u00eb.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":74887,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1135,1133],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-64778","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-frauen","category-e-diaspora-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64778","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64778"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64778\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/74887"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64778"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=64778"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=64778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}