{"id":64981,"date":"2014-10-29T06:52:19","date_gmt":"2014-10-29T05:52:19","guid":{"rendered":""},"modified":"2015-02-16T16:17:10","modified_gmt":"2015-02-16T15:17:10","slug":"transnationale-ehen-zwischen-normalitat-und-tabu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/transnationale-ehen-zwischen-normalitat-und-tabu\/","title":{"rendered":"Transnationale Ehen, zwischen Normalit\u00e4t und Tabu"},"content":{"rendered":"<p>Transnationale Ehen \u2013 eine abstrakte Bezeichnung f\u00fcr eine ebenso konkrete wie vertraute Sache: Die Heirat zwischen einer in der Schweiz lebenden Person mit Migrationshintergrund und einer Partnerin oder einem Partner aus dem Herkunftsland derselben.<\/p>\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen bildet den Untersuchungsgegenstand des Forschungsprojektes \u201eTransnationale Ehen in der Schweiz\u201c, an welchem auch unsere Gespr\u00e4chspartnerin Shpresa Jashari als Forscherin teilhat. Shpresa Jashari hat das Studium der Germanistik, des V\u00f6lkerrechts und der Politikwissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich abgeschlossen und ist nun als Doktorandin an der Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel t\u00e4tig, im Fachbereich \u201etransnationale Studien und soziale Prozesse\u201c.<\/p>\n<p>\u201eIn der Studie \u201aTransnationale Ehen in der Schweiz\u2019 geht es um Heiraten zwischen in der Schweiz geborenen oder aufgewachsenen Personen mit jemandem aus dem Herkunftsland der Eltern. Dieses Thema wird ja in der Schweiz seit einigen Jahren sehr kontrovers diskutiert und l\u00e4ngst nicht mehr als Privatsache gehandelt; es ist zum Thema der Politik geworden.<\/p>\n<p>Das Projekt wird an der Universit\u00e4t Neuch\u00e2tel durchgef\u00fchrt und finanziert durch den Schweizerischen Nationalfonds. Unser Team besteht aus Prof. Janine Dahinden, Jo\u00eblle Moret und mir\u201c, sagt Shpresa Jashari, Mitautorin der k\u00fcrzlich gestarteten Studie.<\/p>\n<p>\u201eWir haben mit den ersten Interviews begonnen und es zeichnet sich bereits ab, wie komplex und vielf\u00e4ltig das Ph\u00e4nomen ist \u2013 ganz im Gegensatz zu den einseitigen und oft stereotypisierenden Diskursen, die im Umlauf sind. Das Projekt ist gut gestartet; aber wir sind erst am Anfang und suchen nat\u00fcrlich weitere Interviewpartnerinnen und Interviewpartner\u201c, erg\u00e4nzt Shpresa Jashari.<\/p>\n<p><strong>Transnationale Paare sollten nicht unter Missbrauchsverdacht gestellt werden<\/strong><\/p>\n<p>Die Emotionalit\u00e4t, mit der die Debatte rund um arrangierte Heiraten oder Zwangsehen gef\u00fchrt wird, hat eine wissenschaftliche Bearbeitung dieses Themas bef\u00f6rdert und notwendig gemacht. Dem stimmt die Mitarbeiterin der Studie zu:<\/p>\n<p>\u201eAuf jeden Fall, ja. Wo das Thema eine solche Aufmerksamkeit erlangt hat im \u00f6ffentlichen Diskurs und auf der politischen Agenda im Zusammenhang mit Zwang, Konflikt und Missbrauch erscheint, ist es entscheidend, genau hinzuschauen und das Ph\u00e4nomen zun\u00e4chst Mal zu verstehen. Es ist wichtig f\u00fcr das gesellschaftliche Zusammenleben generell und f\u00fcr die Politik im Besonderen, dass die \u00f6ffentlichen Debatten informiert verlaufen \u2013 und transnationale Paare nicht etwa pauschal unter Missbrauchsverdacht gestellt werden.\u201c<\/p>\n<p>In der Studie gehe es wesentlich darum, die betroffenen Personen selbst zu Wort kommen zu lassen: Wie erz\u00e4hlen sie die Geschichte ihrer Heirat? Was ist aus ihrer Sicht wichtig bei der Partnerwahl? Inwieweit h\u00e4ngt diese mit den politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen oder diskursiven Kontexten in der Schweiz aber auch im Herkunftsland zusammen? Dieser Fokus auf die Perspektive der Betroffenen erlaubt es, die sozialen Praktiken, Strategien und Repr\u00e4sentationen zu ermitteln, die mit transnationalen Ehen einhergehen. Zudem wird es m\u00f6glich, das komplexe Gef\u00fcge von Bedingungen zu verstehen, in das sie eingebettet sind: restriktive Migrationspolitiken, Politisierung und Kulturalisierung sozialer Problemlagen.<\/p>\n<p>Nach den Zielgruppen der Studie gefragt, \u00e4ussert sich unsere Gespr\u00e4chspartnerin wie folgt: \u201eWir gehen nicht von einer bestimmten ethnischen oder nationalen Gruppe aus. Dabei suchen wir Interviewpartnerinnen und Interviewpartner, bei denen sich eine transnationale Heirat anbahnt oder bereits geschlossen wurde, wie auch Personen, die aus einer solchen getrennt sind.<\/p>\n<p>Dabei kommen auf der einen Seite Personen in Frage, die \u2013 respektive deren Eltern \u2013 aus einem Nicht-EU-Land in die Schweiz immigriert sind und in der Schweiz aufgewachsen sind, und auf der anderen Seite die PartnerInnen dieser Personen. S\u00e4mtliche Formen solcher Heiraten, unproblematische sowie konflikthafte, sind von Interesse f\u00fcr das umfassende Verst\u00e4ndnis transnationaler Heiraten, das die Studie anstrebt.\u201c, sagt Jashari, die anschliessend auf die Schwierigkeiten hinweist, mit welchen das Team sich konfrontiert sieht bei der Arbeit:<\/p>\n<p>\u201eEs ist in der Tat nicht ganz einfach Leute f\u00fcr die Interviews zu gewinnen. Das h\u00e4ngt auch mit den obengenannten existierenden Vorurteilen zusammen, mit denen sich transnationale Paare konfrontiert sehen. Aber wir haben bei den bereits gef\u00fchrten Interviews sehr gute Erfahrungen gemacht, und es herrscht eine tolle Atmosph\u00e4re. Wir freuen uns auf die weiteren Gespr\u00e4che!\u201c.<\/p>\n<p><strong>Transnationale Ehen sind keine Frage der Kultur<\/strong><\/p>\n<p>Wenn von arrangierten Ehen und \u00e4hnlichen Themen die Rede ist, entkommen auch die Albaner oft nicht einer Erw\u00e4hnung. So ist auch die Frage an Shpresa Jashari unausweichlich, inwiefern die Albaner im Fokus der Studie stehen und, in diesem Zusammenhang, ob die Tatsache, dass sie Albanerin ist dazu beigetragen hat, dass sie Teil des Teams geworden ist:<\/p>\n<p>\u201eTransnationale Ehen sind keine Frage der Kultur; sondern es geht um soziale Prozesse, die sehr komplex sind. So macht es f\u00fcr unsere Studie keinen Sinn, eine bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppe herausgreifen oder zu zeigen: Diese Leute sind so und so. Was wir aber nat\u00fcrlich durchaus m\u00f6chten, ist Personen zu befragen, die vom Diskurs ums Thema tats\u00e4chlich betroffen sind. Und dazu geh\u00f6ren, wie Sie zur Recht sagen, nebst Personen aus zum Beispiel der T\u00fcrkei, Sri Lanka oder Somalia auch Menschen aus Kosova, Mazedonien und Albanien.<\/p>\n<p>Dass ich Albanisch spreche, ist dabei sicher ein Plus f\u00fcr die Erhebung unserer Daten &#8211; aber ich hoffe doch sehr, dass es noch andere Gr\u00fcnde gab, mich f\u00fcr das Projekt zu engagieren!\u201c<\/p>\n<p>Die L\u00e4nder, von denen die Rede ist im Hinblick auf die zur Debatte stehende Form von Ehe, haben gemeinsame Merkmale, wie etwa die Religion oder eine patriarchale Kultur. Welches Element ist ausschlaggebender f\u00fcr diese Heiratsform?<\/p>\n<p>\u201eEinmal davon abgesehen, dass wir bisher noch keine systematischen Analysen durchgef\u00fchrt haben, und daher keine Ergebnisse nennen k\u00f6nnen \u2013 mir scheint die Tatsache, dass Sie spezifische Religionen oder Kulturen als Gr\u00fcnde hinter dieser Form der Eheschliessung vermuten, ein Beispiel f\u00fcr ebendiesen misstrauischen Diskurs rund um das Thema zu sein, von dem wir vorhin gesprochen haben. Ausserdem muss ich mich grunds\u00e4tzlich fragen: Ist es etwas Negatives, mit jemandem zusammen sein zu wollen, der nicht aus der Schweiz kommt?\u201c<\/p>\n<p>In Anbetracht der grossen Unterschiede in Sachen Lebensstandard, die zwischen der Schweiz und den betreffenden L\u00e4ndern bestehen, aus welchen die PartnerInnen in den untersuchten Ehen kommen, lautet unsere letzte Frage an Shpresa Jashari: Kann man sagen, dass das Eigeninteresse (an einem Visum, am Wohlstand in der Schwiez etc.) Einfluss hat auf diese Heiraten?<\/p>\n<p>\u201eIch denke, das Wort Interesse trifft es hier in der Tat ganz gut, nur muss man den Begriff in seiner doppelten Bedeutung betrachten: Das Interesse im Sinne von Attraktivit\u00e4t, Neugier geht meist Hand in Hand mit dem Interesse, bei dem jemand auf den eigenen Vorteil schaut. Nat\u00fcrlich gibt in der Gesellschaft diese Vorstellung von der romantischen Liebe, in der das Interesse am anderen aus reinem Gef\u00fchl erw\u00e4chst. Und dann gibt es auf der anderen Seite gab und gibt es doch immer auch bestimmte Gr\u00fcnde, warum eine Person f\u00fcr einen interessant ist. Diese Kriterien f\u00fcr die Partnerwahl wirken oft unbewusst, das heisst etwa, das Verlieben \u201epassiert\u201c zumeist innerhalb derselben sozialen Schicht. Diese bewussten und unbewussten Kriterien k\u00f6nnen sehr verschieden sein: Ein bestimmter Bildungsstand, Prestige durch ein bestimmtes Aussehen oder einen bestimmten Beruf des Partners, bestimmte Hobbys oder Interessen, \u00f6konomische Sicherheit (ob im In- oder Ausland), eine spezifische Familienstruktur oder gar, wenn wir etwa auf die Heiratsarrangements der europ\u00e4ischen K\u00f6nigsh\u00e4user in den vergangenen Jahrhunderten schauen, politisches Kalk\u00fcl. Es gibt doch, wenn man sich in seinem Umfeld umschaut, sehr wenige Paare, die wirklich vollkommen unterschiedliche Dinge wollen und vollkommen verschiedene Vorstellungen vom Zusammenleben als Paar haben, nicht? Da bilden transnationale Paare keine Ausnahme.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><em><strong>Wer will mitmachen?<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p><em><strong><span style=\"font-size: medium;\">Sind Sie interessiert, an der Studie teilzunehmen oder k\u00f6nnen uns mit Kontakten weiterhelfen? Wir freuen uns, von Ihnen zu h\u00f6ren: <\/span><a href=\"mailto:shpresajashari@unine.ch\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #0000ff; font-size: medium;\">shpresajashari@unine.ch<\/span><\/span><\/a><\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>Tel: 032 718 14 65<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Studie \u201aTransnationale Ehen in der Schweiz\u2019 geht es um Heiraten zwischen in der Schweiz geborenen oder aufgewachsenen Personen mit jemandem aus dem Herkunftsland der Eltern. Albinfo.ch sprach mit Koautorin, Shpresa Jashari<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":74919,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1141,1140],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-64981","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-themen","category-leben-in-der-schweiz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64981"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64981\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/74919"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64981"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=64981"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=64981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}