{"id":64995,"date":"2014-11-12T12:29:41","date_gmt":"2014-11-12T11:29:41","guid":{"rendered":""},"modified":"2014-11-17T09:20:58","modified_gmt":"2014-11-17T07:20:58","slug":"sprachliche-probleme-im-zweisprachig-albanisch-franzosischen-milieu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/sprachliche-probleme-im-zweisprachig-albanisch-franzosischen-milieu\/","title":{"rendered":"Sprachliche Probleme im zweisprachig albanisch-franz\u00f6sischen Milieu"},"content":{"rendered":"<p>Eine zahlenm\u00e4ssig bedeutende Gruppe der albanischsprachigen Bev\u00f6lkerung der Schweiz lebt im Kanton Jura, einem multiethnischen und vielsprachigen Gebiet, wo sich schon immer Bev\u00f6lkerungen, Sprachen und Kulturen begegneten. Dieses geeignete Umfeld und die lebendige jurassische Demokratie f\u00fchren dazu, dass im Jura Sprache, Herkunft und Kultur der zugewanderten Bewohner respektiert werden, so auch diejenige der Albaner.<\/p>\n<p>Durch den erg\u00e4nzenden Unterricht in albanischer Sprache wird die Entwicklung einer albanisch-franz\u00f6sischen Zweisprachigkeit erm\u00f6glicht, die Teil der gesprochenen wie der geschriebenen Sprachkultur ist. Die Sch\u00fcler, die den Albanischunterricht&nbsp; besuchen, kommen mehrheitlich aus einsprachig albanischen Familien, d.h. Familien, in welchen beide Eltern albanisch sind.<\/p>\n<p>Ehen zwischen Albanern und Angeh\u00f6rigen anderer ethnischen Gruppen werden h\u00e4ufiger, es gibt auch Sch\u00fcler aus zweisprachigen Familien mit gemischten Eltern, meistens bestehen solche Elternpaare aus albanischen V\u00e4tern und schweizerischen M\u00fcttern, aber es kommen auch italienische, spanische M\u00fctter etc. vor. In letzter Zeit gibt es Sch\u00fclerinnen mit schweizerischen V\u00e4tern und albanischen M\u00fcttern. Manchmal ist das Kind dreisprachig, die Muttersprache ist etwa italienisch, die Sprache des Vaters Albanisch und die Schulsprache Franz\u00f6sisch.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite haben wir die albanische Sprache, nennen wir sie Erstsprache (L1) oder Muttersprache, da sie chronologisch der Zweitsprache vorausgeht. Das Franz\u00f6sische seinerseits, die Zweitsprache (L2), die auf h\u00f6chster sprachlicher Ausdrucksebene gepflegt und&nbsp; angewendet wird, wird zur Hauptsprache und l\u00e4sst das Albanische als Zweitsprache hinter sich. Die Kenntnisse in der albanischen Muttersprache und die Franz\u00f6sischkenntnisse haben je ihre eigene Bedeutung bei der Entstehung der bikulturellen und zweisprachigen Identit\u00e4t der Schulkinder, die in dieser Realit\u00e4t leben.<\/p>\n<p>Von der geographischen Verbreitung her umfassen die Mundarten der Schulkinder im Jura jene aus der Ebene von Kosova, insbesondere der Anamorava, jene der Moravica, Preshev\u00eb und Medvegj\u00eb, und jene der Dukagjin-Ebene mit den Mundarten von De\u00e7an und Pej\u00eb. Ein Teil der Kinder spricht die Mundart von Tetova. Obwohl die gegischen Mundarten sich nicht stark von einander unterscheiden, zeichnen sie sich doch durch gewisse Einzelheiten aus. Es ist eine Vermischung der Dialekte feststellbar, jedoch mit einer Orientierung hin zur Standardsprache, und gleichzeitig sieht sich das Albanische auch dem Einfluss des Franz\u00f6sischen ausgesetzt. Die albanische Sprachkompetenz der Sch\u00fcler ist sehr unterschiedlich: Kinder mit hoher Sprachkompetenz im gesprochenen Albanisch, die von den Grosseltern betreut werden und von gebildeten Eltern stammen. Kinder, die die Kindheit in Krippen der Aufnahmegesellschaft verbracht haben und \u00fcber eine weniger hohe albanische Sprachkompetenz verf\u00fcgen, oft mit mangelhafter Aussprache bestimmter Laute der des Albanischen. Kinder mit einem beschr\u00e4nkten Vokabular in ihrer lokalen Mundart, mit einigen archaischen Ausdr\u00fccken, jedoch Pr\u00e4senz von W\u00f6rtern aus dem Franz\u00f6sischen.<\/p>\n<p>Zwei Sprachen zu sprechen bedeutet eine Bereicherung von Bildung und Kultur. Je mehr Sprachen ein Mensch kann, desto wertvoller. Der erg\u00e4nzende Unterricht hilft den Sch\u00fclerinnen beim Erlernen der albanischen Sprache, hilft ihnen die &nbsp;Kommunikation mit Eltern, Verwandten und anderen auszubauen. Wollen die albanischen Kinder im erg\u00e4nzenden Unterricht die sprachliche Tiefenstruktur zu erfassen versuchen, erleichtern ihnen dies auch jene Elemente, bei welchen Franz\u00f6sisch und Albanisch in der Oberfl\u00e4chenstruktur \u00fcbereinstimmen, und gleichzeitig werden sie sich auch aller Diskrepanzen bewusst.<\/p>\n<p>Die Lehrerinnen sollten die Ursachen der sprachlichen Fehler der Kinder im zweisprachigen Umfeld im Voraus erkennen und verstehen. Dazu muss ein Lehrer nicht nur Kenntnisse in Phonetik und Grammatik des Franz\u00f6sischen besitzen, sondern sich auch in einem zweisprachigen Handbuch oder albanisch-franz\u00f6sischen W\u00f6rterbuch Rat holen.<\/p>\n<p>Als Resultat des Sprachkontakts gehen Elemente des franz\u00f6sischen ins albanische Sprachsystem \u00fcber und Interferenzen k\u00f6nnen zu verschiedenen sprachlichen Fehlern bei den Kindern f\u00fchren. Es lohnt sich, vorg\u00e4ngig einen Vergleich auf der phonetischen Ebene und jener der gesprochenen Sprache zu machen, um jene Eigenschaften aufzuzeigen, die zu Interferenzen und dem Vermeiden albanischer Elemente f\u00fchren.<\/p>\n<p>Eines der Probleme beim Erlernen der Literatursprache besteht im Dialekt oder der Mundart der famili\u00e4ren Herkunft. Die gesprochene Sprache, so wie sie von den andern ausgesprochen wird, ist die erste Grundlage f\u00fcr das lernende Kind. Es kann beispielsweise zu einer Vereinfachung der schriftsprachlichen W\u00f6rter des Albanischen kommen, zum Beispiel f\u00fcr \u201ekreh\u00ebr\u201c (dt.: Kamm) \u201ekrani\u201c, f\u00fcr \u201empreh\u00ebse\u201c(dt.: Spitzer) \u201eprese\u201c, f\u00fcr \u201esht\u00ebpi\u201c (dt.: Haus) \u201eshpi\u201c, etc. Ein Problem f\u00fcr sich bilden jene Laute der albanischen Sprache, die das Franz\u00f6sische nicht hat. Im Folgenden einige Fehler im Zusammenhang mit dem albanischen Vokal <strong>\u00eb<\/strong>, der dem franz\u00f6sischen Vokal <strong>e<\/strong> (sogenanntes&nbsp; \u201ee muet\u201c) entspricht: Beim Personalpronomen der ersten Person Plural wie in \u201c<strong>ne<\/strong> jemi\u201c (dt.: wir sind) kommt es zu einem fehlerhaften Gebrauch \u201en\u00eb jemi\u201c. Auch der Vokal <strong>y<\/strong> wird falsch ausgesprochen, n\u00e4mlich als&nbsp; <strong>i<\/strong>: Das albanische Wort \u201eylli\u201c (dt.: der Stern) wird als \u201eili\u201c, \u201eylberi\u201c (dt.: der Regenbogen) als \u201cilberi\u201c ausgesprochen. Andere Fehler ergeben sich im Zusammenhang mit der franz\u00f6sischen Pr\u00e4position \u201e<strong>en<\/strong>\u201c, die dem albanischen \u201e<strong>n\u00eb<\/strong>\u201c entspricht, zum Beispiel: \u201eUn\u00eb isha <strong>n\u00eb<\/strong> sht\u00ebpi\u201c wird zu \u201eun\u00eb isha <strong>en<\/strong> shpi, detyrat i baj <strong>en<\/strong> shkoll\u00eb\u201c (dt.: Ich war zu Hause, die Aufgaben mache ich in der Schule), w\u00e4hrend in F\u00e4llen, wo auf das <strong>a<\/strong> ein n folgt wie im Wort \u201eanglisht\u201c (dt.: englisch)&nbsp; die Aussprache immer zu einem \u201eenglisht\u201c wird. Probleme gibt es auch bei der Aussprache der Doppelbuchstaben des albanischen Alphabetes, die das Franz\u00f6sische nicht hat, also dh, gj, ll nj, rr,sh, th, xh, zh, sowie auch bei den Lauten \u00e7 und x, so wird etwa \u201enx\u00ebn\u00ebs\u201c (dt.: Sch\u00fcler) zu \u201enxhansa\u201c, \u201evall\u00ebzim\u201c (dt.: Tanz) zu \u201eval\u00ebzim\u201c, \u201e\u00e7ad\u00ebr\u201c (dt.: Schirm) zu \u201eshader\u201c. Fehler verursacht auch der Laut h wie in \u201chunda\u201c (dt.: die Nase), das zu \u201euna\u201c wird, oder in \u201ee h\u00ebn\u00eb\u201c (dt.: Montag), das zu \u201ee an\u00eb\u201c wird.<\/p>\n<p>Der Einfluss des Franz\u00f6sischen muss auch beim Umfang des Vokabulars oder des aktiven Vokabulars der Schulkinder ber\u00fccksichtigt werden. Im allt\u00e4glichen Sprachgebrauch der Kinder tauchen franz\u00f6sische W\u00f6rter als Ersatz f\u00fcr das jeweilige albanische auf. Oft sind es W\u00f6rter aus der albanischen Mundart, die dazu neigen, durch franz\u00f6sische W\u00f6rter ersetzt zu werden. W\u00f6rter aus dem Franz\u00f6sischen passen sich den Regeln des Albanischen an, zum Beispiel \u201emos me melanzhiu\u201c f\u00fcr \u201emos me p\u00ebrzi\u201c (dt.: nicht mischen), \u201ekam nejt n\u00eb kuluar\u201c f\u00fcr \u201ekam nejt n\u00eb koridor\u201c (dt.: ich hielt mich auf dem Gang auf), \u201eMami ban gjimdans\u201c f\u00fcr \u201eMami ban gjimnastik\u00eb vall\u00ebzimi&#8221; (dt.: Mami macht Tanzgymnastik), etc. Die grosse Anzahl der Entlehnungen aus dem Franz\u00f6sischen zeigt sich bei den Bezeichnungen f\u00fcr Lebensmittel: \u201efrita, lozanje, suseti, kruasone, krokm\u00ebsi\u201c (dt. u.a.: Pommes frites, Lasagne, Gipfeli, Schinkenk\u00e4setoast). Fr\u00fcchtenamen wie: \u201eorangja\u201c und \u201eoranzhina\u201c, \u201erizeni\u201c und \u201erize\u201c. Bezeichnungen aus dem Schulalltag: \u201ekarneti\u201c f\u00fcr \u201ebllok sh\u00ebnimesh\u201c (dt.: Notizblock), \u201eregla\u201c f\u00fcr \u201evizore\u201c (Lineal), \u201ekazje\u201c f\u00fcr \u201edolap librash\u201c (dt.: B\u00fccherschrank), etc. Bezeichnungen f\u00fcr K\u00f6rperteile: \u201eteti\u201c (dt. \u201eder Kopf\u201c, gebildet aus dem frz. t\u00eate mit angeh\u00e4ngtem albanischen bestimmten m\u00e4nnlichen Artikel \u2013i), \u201egorzhi\u201c (dt. \u201eder Hals, die Gurgel\u201c, aus frz. gorge plus alb. Artikel), \u201ezhnuni\u201c (dt. \u201edas Knie\u201c, aus frz. genou plus alb. Art.), \u201esirsili\u201c (dt. \u201edie Augenbraue\u201c, aus frz. sourcil plus alb. Art.), etc. Zu den Entlehnungen ist zu erw\u00e4hnen, dass sie schwierig festzustellen sind, da ein Wort oft in zwei, drei verschiedenen Formen vorkommt: \u201epapioni, papijona, papijanat\u201c f\u00fcr \u201eflutura\u201c (dt.: Schmetterling), \u201ecullorat\u201c f\u00fcr \u201engjyrat\u201c (dt.: die Farben), und \u201eme collorat\u201c (dt. \u201ef\u00e4rben\u201c aus frz. colorer).<\/p>\n<p>Fehler entstehen auch bei den albanischen Adjektiven mit Gelenkartikeln (i, e, t\u00eb), manchmal werden i, e, t\u00eb gar nicht gesetzt.&nbsp;<\/p>\n<p>Es zeigt sich umgekehrt auch ein Einfluss des Albanischen auf das Franz\u00f6sische bei im Albanischen verwendeten franz\u00f6sischen Adjektiven, die mit Gelenkartikeln versehen werden, wo also ein i oder e vorangestellt wird. Einige Besipiele: \u201eboja <strong>e nouart<\/strong>\u201c (frz. noir) f\u00fcr \u201engjyra e zez\u00eb\u201c (dt.: die schwarze Farbe), \u201eajo ka fustanin <strong>e court<\/strong>\u201c (dt.: sie tr\u00e4gt ein kurzes Kleid; Verwendung des frz. Adjektiv court, dem ein albanischer Gelenkartikel e vorangestellt wird). Oder die Voranstellung des albanischen Objektzeichens <strong>e<\/strong> vor ein franz\u00f6sisches Verb wie in \u201edu me <strong>e efase<\/strong>\u201c (frz. effacer ) f\u00fcr \u201edua t\u00eb fshij\u201c (dt.: ich will wegputzen).<\/p>\n<p>Im Albanischen wird die Pr\u00e4position <strong>te<\/strong> (dt.: bei, an, am) mit einem Substantiv im Nominativ verwendet, um so den Ort oder die Sache anzugeben, wo oder bei welchem sich jemand oder etwas befindet oder wo eine Handlung stattfindet, zum Beispiel \u201ete sht\u00ebpia, te dritarja\u201c (dt.: zu Hause, beim Fenster) etc. Den franz\u00f6sischen Substantiven wird die Pr\u00e4position <strong>te<\/strong>, manchmal <strong>ke<\/strong> beigef\u00fcgt. Wir h\u00f6ren Ausdr\u00fccke wie: \u201eBabi asht <strong>te la gari<\/strong>\u201c (dt. \u201ePapi ist am Bahnhof\u201c, gebildet aus frz. la gare, vorangestellter alb. Pr\u00e4position te und hintangef\u00fcgtem alb. Artikel \u2013i) oder \u201ebabi m\u00eb pret <strong>ke gari<\/strong>\u201c (dt.: Papi erwartet mich am Bahnhof), etc.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch den erg\u00e4nzenden Unterricht in albanischer Sprache wird die Entwicklung einer albanisch-franz\u00f6sischen Zweisprachigkeit erm\u00f6glicht, die Teil der gesprochenen wie der geschriebenen Sprachkultur ist.<\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":53962,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1136,1133,1138],"tags":[],"vendi":[],"content_country":[],"class_list":["post-64995","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sprachen","category-e-diaspora-de","category-kultur"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64995","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64995"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64995\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/53962"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64995"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64995"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64995"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=64995"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=64995"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}