{"id":656060,"date":"2023-06-20T21:38:07","date_gmt":"2023-06-20T19:38:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=656060"},"modified":"2024-08-15T10:53:34","modified_gmt":"2024-08-15T08:53:34","slug":"lebenserfahrungen-als-antrieb-wie-ein-anwalt-sich-fuer-recht-und-bildung-stark-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/lebenserfahrungen-als-antrieb-wie-ein-anwalt-sich-fuer-recht-und-bildung-stark-macht\/","title":{"rendered":"Lebenserfahrungen als Antrieb: Wie ein Anwalt sich f\u00fcr Recht und Bildung stark macht"},"content":{"rendered":"<p>Empowerment durch Bildung: Ein Anwalt, (Anol Eshrefi)\u00a0 der als Kind einer Fl\u00fcchtlingsfamilie in die Schweiz kam, setzt nun seine Leidenschaft f\u00fcr Menschenrechte und Bildung ein, um als selbst\u00e4ndiger Rechtsanwalt die Rechte von Fl\u00fcchtlingen und Migranten zu sch\u00fctzen und f\u00fcr ihre W\u00fcrde zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: Wie haben Sie Ihre Leidenschaft f\u00fcr das Rechtsstudium entwickelt und welche Meilensteine haben Sie auf dem Weg zur Verwirklichung Ihrer beruflichen Ziele erreicht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anol Eshrefi:<\/strong> Als wir in die Schweiz kamen, wurden wir oft so behandelt, als ob wir die grundlegendsten Gesetze nicht kennen w\u00fcrden. Das fand ich immer \u00fcberheblich, denn wir kamen nicht aus einem Land, in dem Stammesrechte herrschten. Ausserdem wurden meinen Eltern viele Rechte von der Gemeinde vorenthalten, und sie mussten sich immer gegen deren Entscheidungen wehren. Als Migrantenkind musste ich oft Dokumente f\u00fcr meine Eltern \u00fcbersetzen. Zudem wurden die Albaner im Kosovo, meiner urspr\u00fcnglichen Heimat, unterdr\u00fcckt. So entwickelte ich schon fr\u00fch ein starkes Rechtsempfinden und interessierte mich f\u00fcr die Rechte meiner Familie und meiner Ethnie.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6sste Meilenstein f\u00fcr mich war die Aufnahme an der Uni Z\u00fcrich und die Einb\u00fcrgerung in der Schweiz. Mit diesen beiden Voraussetzungen konnte mich nichts mehr daran hindern, meine Tr\u00e4ume zu verwirklichen.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: In einem Post in den sozialen Medien beschreiben Sie Ihre Einwanderungsgeschichte aus dem Blickwinkel Ihrer Kindheit. Wie haben Sie es geschafft, trotz der Herausforderungen des Asylverfahrens in der Schweiz Ihre Erinnerungen w\u00e4hrend Ihrer Zeit in den Fl\u00fcchtlingslagern als eine Art Urlaub zu betrachten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anol Eshrefi: <\/strong>Unsere Eltern erkl\u00e4rten uns von Anfang an, dass unser Aufenthalt in der Schweiz vor\u00fcbergehend sei. Wir dachten, wir w\u00fcrden nach ein paar Wochen wieder nach Hause zur\u00fcckkehren. Meine Eltern bem\u00fchten sich immer, mir und meiner kleinen Schwester die Flucht als eine Art Urlaub zu erkl\u00e4ren. Immer wenn wir uns Sorgen machten und fragten, wie lange wir hier noch bleiben m\u00fcssten, fanden sie ermutigende und hoffnungsvolle Worte, damit wir uns keine Sorgen machen w\u00fcrden. Ausserdem waren wir aus einem Land geflohen, in dem Apartheid und die Unterdr\u00fcckung der Kosovo-Albaner herrschten, und wir f\u00fchlten uns in der Schweiz sicher. Das war eine Erleichterung, wenn man bedenkt, dass wir zuvor in unserer Wohnung ausharren mussten und immer Angst hatten, dass Polizisten uns jederzeit aufsuchen und unsere Eltern mitnehmen k\u00f6nnten, da sie politisch aktiv waren.<\/p>\n<p>Mein Vater arbeitete als Kameramann f\u00fcr das staatliche Fernsehen\u00a0und meine Mutter hatte grad ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Aufgrund der Unterdr\u00fcckung mussten sie jedoch ihren hart erarbeiteten Lebensstandard aufgeben und in ein fremdes Land fliehen, wo sie aufgrund ihres langwierigen Asylstatus nicht im vorherigen Beruf arbeiten durften. Sie hatten keine Perspektive, ihre Karriere fortzusetzen oder eine neue zu beginnen. Deshalb war es ihnen sehr wichtig, dass wir Kinder die M\u00f6glichkeit erhielten, eine gute Ausbildung zu absolvieren. Sie haben alles getan, um sicherzustellen, dass wir eine solide Bildung erhalten, sei es finanziell oder indem sie nach M\u00f6glichkeiten recherchierten, wie wir uns in der Schweiz weiterbilden konnten. Bei uns wurde Bildung grossgeschrieben. Zudem haben meine Eltern schnell die Landessprache gelernt und sich f\u00fcr das Leben in der Schweiz interessiert.<\/p>\n<p>Dadurch konnten sie uns \u00fcber Bildungswege in der Schweiz informieren. Zum Beispiel fanden meine Eltern heraus, dass es eine M\u00f6glichkeit gab, sich g\u00fcnstig per Fernunterricht auf die Maturit\u00e4tspr\u00fcfung vorzubereiten, was ich dann auch tat.<\/p>\n<p><strong>Wie setzen Sie Ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen und Ihre Leidenschaft f\u00fcr Menschenrechte ein, um das Asylrecht zu verbessern und anderen Fl\u00fcchtlingen zu helfen, ihre W\u00fcrde und Rechte anzuerkennen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anol\u00a0Eshrefi: <\/strong>Bevor ich als selbstst\u00e4ndiger Anwalt t\u00e4tig war, arbeitete ich als Rechtsvertreter f\u00fcr Asylsuchende im Asylzentrum Ostschweiz. Ich war f\u00fcr eine renommierte NGO t\u00e4tig, die vom Staatssekretariat f\u00fcr Migration beauftragt wurde, Juristen zur Verf\u00fcgung zu stellen, die die Fl\u00fcchtlinge in ihren Verfahren vor derselben Beh\u00f6rde verteidigen sollten, die sie finanzierte. Es ist offensichtlich, dass man in einer solchen Situation nicht v\u00f6llig unabh\u00e4ngig als Rechtsvertreter arbeiten kann, wenn die Gegenseite gleichzeitig der Auftraggeber ist. Ich merkte, dass ich mich nicht richtig f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge einsetzen konnte. Einerseits musste ich mich immer zuerst mit meinen Vorgesetzten absprechen, ob es aussichtslos war, eine Beschwerde einzureichen. Andererseits stand ich unter grossem Zeitdruck, da die Fristen sehr knapp bemessen waren und wir viele Fl\u00fcchtlinge gleichzeitig verteidigen mussten. Unter diesem enormen Zeitdruck konnte ich den individuellen Bed\u00fcrfnissen meiner Mandanten nicht gerecht werden. Es war wie eine Art Massenabfertigung. Ich konnte nicht mehr auf diese Weise arbeiten, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, dass ich nicht genug f\u00fcr meine Klienten getan hatte. Daher wuchs in mir der Wunsch, als selbstst\u00e4ndiger Anwalt zu arbeiten. Ich verliess diese Position und bereitete mich auf die Anwaltspr\u00fcfung vor, die ich schliesslich bestand.<\/p>\n<p>Ich folgte meiner Leidenschaft und er\u00f6ffnete Anfang dieses Jahres meine eigene Kanzlei. Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Als selbstst\u00e4ndiger Anwalt kann ich meine Zeit selbst einteilen und muss nicht unter grossem Zeitdruck arbeiten. Bis jetzt habe ich haupts\u00e4chlich F\u00e4lle aus der albanischen Community bearbeitet. Ich arbeite jedoch auch weiterhin im Asylrecht. So konnte ich erfolgreich gegen negative Entscheidungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vorgehen und den Fl\u00fcchtlingen zu Asyl in der Schweiz verhelfen. Als selbstst\u00e4ndiger Anwalt kann ich mich bestm\u00f6glich f\u00fcr meine Klienten einsetzen, und meine positiven Beschwerden tragen zu einer positiven Rechtspraxis bei, die f\u00fcr \u00e4hnliche zuk\u00fcnftige F\u00e4lle relevant ist.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: <\/strong><strong>Wie haben Sie Ihre pers\u00f6nliche St\u00e4rke genutzt, um sich von negativen Vorurteilen nicht entmutigen zu lassen und Ihren eigenen Wert als Individuum zu erkennen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anol Eshrefi: <\/strong>Es war mein grosser Wunsch zu studieren. Ich wollte mir beweisen, dass ich das Potenzial habe, ein Akademiker zu werden. Bildung war die einzige Chance gesellschaftlich aufzusteigen. Zudem lerne ich sehr gerne und habe einen grossen Wissensdurst. Ich kann stundenlang lernen und mich intensiv mit den jeweiligen Themen auseinandersetzen. Mein eiserner Wille und meine Liebe zum Studium waren sicherlich die st\u00e4rksten Faktoren, die mich trotz negativer Vorurteile und Herausforderungen motivierten, meinen eigenen Wert als Individuum zu erkennen.<\/p>\n<p><strong>albinfo.ch: <\/strong><strong>Welche inspirierenden Geschichten von Fl\u00fcchtlingen haben Sie w\u00e4hrend Ihrer Arbeit als Rechtsvertreter kennengelernt und wie haben diese Ihre \u00dcberzeugung gest\u00e4rkt, dass jeder Mensch eine W\u00fcrde besitzt, f\u00fcr die es sich zu k\u00e4mpfen lohnt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anol Eshrefi: <\/strong>Wenn Fl\u00fcchtlinge in ein neues Land kommen und nicht als solche anerkannt werden, verf\u00fcgen sie \u00fcber grundlegende Rechte wie die M\u00f6glichkeit zu arbeiten oder eine Ausbildung zu absolvieren nicht. Sie werden einfach geduldet, ohne das Recht, eine Zukunft aufzubauen. Umso mehr freut es mich, wenn ich jemandem helfen kann, schnell eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Ich hatte einen Klienten, der in Syrien ein Medizinstudium absolvierte. Es war mir wichtig, dass er das Recht auf Bildung in der Schweiz erh\u00e4lt und sein Talent f\u00fcr das Land einsetzen kann, indem er eines Tages als Arzt hier arbeitet. Sein Asylantrag wurde jedoch abgelehnt, und mit diesem Status durfte er in der Schweiz nicht studieren. Meine Beschwerde vor dem Bundesverwaltungsgericht war erfolgreich, und er erhielt Asyl und somit eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz<\/p>\n<p>Nun studiert er Medizin in Z\u00fcrich. Diese Geschichte zeigt mir, dass es sich lohnt, f\u00fcr das Recht auf Bildung von Fl\u00fcchtlingen zu k\u00e4mpfen. Jeder Mensch verdient W\u00fcrde und die M\u00f6glichkeit, seine F\u00e4higkeiten und Talente einzusetzen, um einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.<\/p>\n<p>Meine Leidenschaft f\u00fcr das Recht und meine eigenen Lebenserfahrungen haben mich dazu inspiriert, mich f\u00fcr die Rechte von Fl\u00fcchtlingen und Migranten einzusetzen. Als Anwalt ist es meine Mission, ihre W\u00fcrde zu sch\u00fctzen und f\u00fcr Gerechtigkeit einzutreten. Ich bin dankbar f\u00fcr die Unterst\u00fctzung meiner Familie, die mir Bildung und M\u00f6glichkeiten zur Einb\u00fcrgerung erm\u00f6glicht hat. Durch meine Arbeit m\u00f6chte ich anderen Fl\u00fcchtlingen helfen, \u00e4hnliche Chancen zu bekommen und ihre Rechte anerkennen zu lassen.<\/p>\n<p>Es gibt noch viel zu tun, um Mitmenschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund zu unterst\u00fctzen. Aber ich bin zuversichtlich, dass durch unsere gemeinsamen Anstrengungen positive Ver\u00e4nderungen m\u00f6glich sind. Jeder Mensch verdient Respekt, Gleichberechtigung und die Chance, sein volles Potenzial zu entfalten.<\/p>\n<p>(Driter Gjukaj)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anol Eshrefi: &#8220;Meine Leidenschaft f\u00fcr das Recht und meine eigenen Lebenserfahrungen haben mich dazu inspiriert, mich f\u00fcr die Rechte von Fl\u00fcchtlingen und Migranten einzusetzen&#8221;<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":656240,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1134,1141,16812,1133,1140,1412,2015],"tags":[],"vendi":[31858],"content_country":[29888,31836,31837],"class_list":["post-656060","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-integration","category-themen","category-albanais-dorigine-au-service-de-la-justice-suisse-de-2","category-e-diaspora-de","category-leben-in-der-schweiz","category-newsletter-de","category-newsletter-media-de","vendi-zuerich","content_country-zvicer","content_country-austria-de","content_country-germany-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656060","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=656060"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656060\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":761653,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656060\/revisions\/761653"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/656240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=656060"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=656060"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=656060"},{"taxonomy":"vendi","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/vendi?post=656060"},{"taxonomy":"content_country","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/content_country?post=656060"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}