{"id":932403,"date":"2026-06-16T22:33:22","date_gmt":"2026-06-16T20:33:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.albinfo.ch\/?p=932403"},"modified":"2026-06-16T22:34:41","modified_gmt":"2026-06-16T20:34:41","slug":"kanton-kosovo-und-die-angst-vor-10-millionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/kanton-kosovo-und-die-angst-vor-10-millionen\/","title":{"rendered":"Kanton Kosovo und die Angst vor 10 Millionen"},"content":{"rendered":"<div dir=\"ltr\"><b>Ein Titel, ein Mittagessen und ein unbequemer Gedanke<\/b><\/div>\n<div dir=\"ltr\">\n<p>Jeder bekommt 10 Millionen in der Schweiz? Oder 10 Millionen ist die Schweiz wert? \u00abIrgendwas mit Geld\u00bb waren meine Gedankenblitze, als ich diesen Titel zum ersten Mal las. Schnell wurde mir aber klar, worum es geht. Es ist eine Reaktion auf m\u00f6gliche zuk\u00fcnftige Szenarien. Es ist ein Versuch, ein zuk\u00fcnftiges Problem zu l\u00f6sen. Ist der Versuch aber auch wirklich l\u00f6sungsorientiert?<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Diese Initiative betrifft mich nicht nur politisch, sondern biografisch. Ich bin Teil jener kosovarisch-schweizerischen Migrationsgeschichte, \u00fcber die nun abgestimmt wird. Gerade deshalb nehme ich die Angst vor \u00dcberforderung ernst. Aber ich glaube nicht, dass eine starre Bev\u00f6lkerungsgrenze die richtige Antwort darauf ist. Die Initiative verlangt, dass die st\u00e4ndige Wohnbev\u00f6lkerung der Schweiz vor 2050 die Marke von 10 Millionen nicht \u00fcberschreitet. Ab 9,5 Millionen m\u00fcssten Bundesrat und Parlament Massnahmen treffen, insbesondere im Asylbereich und beim Familiennachzug. Bei \u00dcberschreiten der 10-Millionen-Grenze w\u00e4ren auch internationale Abkommen betroffen; nach zwei Jahren insbesondere das Personenfreiz\u00fcgigkeitsabkommen, falls keine Ausnahme- oder Schutzklauseln greifen.<\/p>\n<p>Vorletzten Sommer besuchte ich mit meiner Familie meine Cousine in Frankreich, weil wir dort Ferien machten und sie auf dem Weg von unserer Feriendestination lag. Ich hatte sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Als ich ein Kind war, hatten wir viel Kontakt. Wir lebten im gleichen Haushalt in Dob\u00ebrdol, in einem F\u00fcnfzig-Seelen-Dorf in der N\u00e4he von Klin\u00eb, inmitten von Kosova. Unsere Wege trennten sich aber, da sich die Welt ausserhalb der Schweiz oft in unterschiedliche Richtungen bewegt hat. Beim spontanen Besuch bei ihr bekamen wir ein feines Mittagessen und meine vier Kinder badeten in ihrem sch\u00f6nen und gepflegten Schwimmbad. W\u00e4hrend oder nach dem Essen, auf jeden Fall dann, als wir gelassener und entspannter wurden, wurden auch die Diskussionen wilder, lustiger und tiefer. Schliesslich diskutierten wir dar\u00fcber, wie es fr\u00fcher war, als wir noch Kinder waren, und wie sich die Welt seither ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Ihr Mann ist Chauffeur und f\u00e4hrt seit Jahrzehnten Linienbusse, Postautos oder LKWs in und durch die Schweiz. Sie beide sind wie ich zwar in Kosova geboren, leben aber l\u00e4nger im Ausland als in Kosova. Seine Meinung war klar: Objektiv betrachtet habe sich die Situation in der Schweiz seit der Migrationswelle vom Balkan verschlechtert. Es sei weniger sauber als fr\u00fcher, ungenauer, und die Schweizer Pr\u00e4zision sei verloren gegangen.<\/p>\n<p>Intuitiv dachte ich, dass dies doch nicht stimme. Ich gab seinen Gedanken aber f\u00fcr eine Weile in meinem Kopf eine Chance und musste feststellen, dass er etwas anspricht, das wohl oder \u00fcbel stimmt.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Initiative trifft nicht nur eine abstrakte Zahl. Sie trifft ein Gef\u00fchl. Viele Menschen haben das Gef\u00fchl, dass etwas verloren gegangen ist. Genau dieses Gef\u00fchl muss man ernst nehmen, ohne daraus die falsche politische L\u00f6sung abzuleiten.<\/p>\n<p><b>\u00a0Zwischen Br\u00fcnig, Stadt und Kosova<\/b><\/p>\n<p dir=\"ltr\">Ich lebe seit fast einem Jahrzehnt auf dem Br\u00fcnig, weit weg von den St\u00e4dten. Die wenigen Leute, die um mich herum leben, inklusive ich selbst, sind froh, dass wir einander als Nachbarn haben. Denn wenn es darauf ankommt, sind wir froh umeinander. In der Stadt war das irgendwie umgekehrt. Jeder Mensch f\u00fchlt sich wie einer zu viel an und manche verhalten sich auch so. Und die Geschwindigkeit der Stadt ist f\u00fcr meine Verh\u00e4ltnisse zu schnell. Das schaffe ich nicht \u00fcber Nacht zu verarbeiten. Darum brauche ich Berge und W\u00e4lder um mich herum. Nicht immer, aber regelm\u00e4ssig. So wie die W\u00e4lder und die Berge praktisch immer gleich bleiben, bleiben auch die Menschen und die Beziehungen zu ihnen praktisch gleich. Seit ich auf dem Br\u00fcnig bin, hat sich keine Beziehung zu den Menschen, mit denen ich zusammenlebe, grundlegend ver\u00e4ndert. Die Stadt wirkt wie das Gegenteil.<\/p>\n<p>Die Eltern meiner Partnerin leben in einem Haus im Luzerner Hinterland und wir besuchen sie regelm\u00e4ssig. Als Scherz sage ich immer wieder: Ich muss gar nicht nach Kosova, hier h\u00f6re ich \u00fcberall Albanisch.<\/p>\n<\/div>\n<div dir=\"ltr\"><strong>Aber warum ist das so?<\/strong><\/div>\n<p dir=\"ltr\">Gerade schreibe ich an einem Buch, in dem ich unter anderem das Thema Abfall in Kosova bearbeite, und dort komme ich zum Schluss, dass es unterschiedliche Gr\u00fcnde gibt, warum es so viel Abfall in Kosova gibt. Dazu muss ich sagen, dass es sich in der \u00d6ffentlichkeit schon sehr verbessert hat. Es gibt aber zwei grundlegende Unterschiede zur Schweiz: die Infrastruktur und der mentale und kulturelle Umgang mit Abfall. Kosova k\u00e4mpft bis heute mit grossen strukturellen Problemen im Abfallmanagement und da das Land als unabh\u00e4ngiger Staat nicht einmal 20 Jahre existiert, konnte sich noch keine Staatsangeh\u00f6rigkeits-Mentalit\u00e4t wie in der Schweiz bilden. Nat\u00fcrlich sind die Kosovarinnen und Kosovaren stolz auf ihren Staat und geben ihr Bestes. Sie sind schon sehr weit und in vielen Dingen auch weiter als die Schweiz, wie ich auch in meinem n\u00e4chsten Buch erw\u00e4hne. Aber nicht in diesem Punkt.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Kosova war immer ein wichtiger Spielball in der Geopolitik der Grossm\u00e4chte und umk\u00e4mpft von den Osmanen, vom serbischen Reich, vom Kommunismus und immer noch von unterschiedlichen Religionen, da es an einer wichtigen Schwelle von Europa liegt. Die Schweiz war nie auf dieselbe Weise \u00fcber Jahrhunderte umk\u00e4mpft. Sie war in gewisser Weise das Gegenteil und gilt seit langem als ein wichtiger, ruhiger Hafen inmitten der blauen Banane und uneinnehmbar dank den Bergen. In Kosova konnte sich deswegen nie ein Nationalstolz wie in der Schweiz bilden, ein Stolz auf die Errungenschaften des Landes, der Industrie, der Infrastruktur. Das bauen die Kosovarinnen und Kosovaren erst seit ein paar Jahrzehnten auf. Ein junger Staat muss unter ganz anderen historischen Bedingungen \u00f6ffentliche Institutionen und Alltagsvertrauen aufbauen als die Schweiz.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es andere Qualit\u00e4ten. Zum Beispiel gibt es einen unglaublichen kulturellen Zusammenhalt, der vor allem auf die sprachliche Identit\u00e4t zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. In Kosova gab es zum Beispiel eine der gr\u00f6ssten Vers\u00f6hnungsversammlungen (mit Anton \u00c7etta) aller Zeiten auf diesem Planeten. Auch das geh\u00f6rt zu einem Land. Nicht nur Strassen, Abfallk\u00fcbel und Verwaltung, sondern auch die F\u00e4higkeit, nach einer langen und schweren Geschichte wieder miteinander zu sprechen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um eine neue, bessere Zukunft zu bauen, \u00e4hnlich wie in Mitteleuropa nach den Weltkriegen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><b>Migration als Erfolg, Zumutung und notwendige Arbeit<\/b><\/p>\n<p>An diesem Beispiel sehen wir sehr gut, wie sich unterschiedliche Entwicklungen auf eine Gesellschaft auswirken. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile. Manche werden wohl denken, dass die Schweiz ohne Shaqiri, Xhaka oder Behrami es auch so weit geschafft h\u00e4tte im internationalen Fussball. Wir werden nie wissen, wie es w\u00e4re, nur ungef\u00e4hr wie es war und vor allem wie es ist.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die sp\u00fcrbaren Nachteile der Migration werden zum Gl\u00fcck dank der guten Infrastruktur und Bildung wettgemacht und die Vorteile vergr\u00f6ssert, auch dank der guten Infrastruktur und Bildung. Somit k\u00f6nnen wir sagen, dass die bisherige Migrationspolitik der Schweiz unter dem Strich ein Erfolg ist. Und dass dieser Weg wohl der richtige ist. Denn ein Mensch, der weiss, dass er bald einmal so viel erben wird, dass er nie mehr arbeiten muss, wird sehr genau abw\u00e4gen, ob sich ein Beruf wie Arzt oder \u00c4rztin \u00fcberhaupt lohnt. Nicht nur finanziell, sondern auch mit Blick auf die Energie, die Zeit, die Verantwortung, die N\u00e4chte, die Pr\u00fcfungen, den Druck und die Jahre, die man in diesen Beruf hineingibt. Von schlechtbezahlten Jobs m\u00fcssen wir gar nicht erst reden. Praktisch alle meine Cousinen und Cousins aus Kosova, die Medizin oder \u00e4hnliches studiert haben, arbeiten und leben jetzt in der Schweiz. Dass diese Fachkr\u00e4fte anderswo fehlen, ist moralisch kein Thema.<\/p>\n<p>Wer Migration begrenzen will, muss sagen, wer die notwendige Arbeit in Zukunft \u00fcbernimmt. Die Schweiz kann nicht gleichzeitig \u00e4lter werden, weniger Kinder bekommen, Wachstum wollen und Migration grunds\u00e4tzlich als Problem behandeln.<\/p>\n<p dir=\"ltr\"><b>Die Initiative, Demografie, das System dahinter und L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge<\/b><\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Thema der Initiative: Der Schweizer Migrationsweg wird nur besser, wenn wir in allen Gesellschaftsschichten und Regionen dar\u00fcber reden und ihn hinterfragen. Mit unseren Ressourcen, unserer Infrastruktur und unserer Bildung k\u00f6nnen wir uns vieles leisten. Ja, vielleicht kann sich auf dieser Erde kaum ein Land so viel leisten wie die Schweiz. Kritik, Verbesserungsideen und der dazugeh\u00f6rende Diskurs sind ein Treiber f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige, bessere Schweiz. Und daf\u00fcr braucht es alle, die vom Land und die von der Stadt. Die, die schon l\u00e4nger hier sind, und die, die dazugekommen sind und die, die kommen werden.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Klar vermisse ich die Schweiz, die ich aus der Primarschule kenne. Die Ruhe und die Ordnung, die damals in den 1990ern herrschten, aber ist es in der Retrospektive nicht immer besser? Seit damals hat sich die Welt enorm ver\u00e4ndert und \u00fcberall auf der Welt gab es Umbr\u00fcche, davor aber auch, vielleicht sogar noch mehr. Die Welt war und ist immer in Umbr\u00fcchen, auch ohne Menschen. Wir mussten uns diesen Ver\u00e4nderungen schon immer stellen und wir schlugen den Weg ein, den wir kennen und der ja kein schlechter gewesen zu sein scheint, sonst w\u00e4ren wir jetzt nicht in dieser guten Lage.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Diese Initiative will ein zuk\u00fcnftiges Problem l\u00f6sen. Es ist ein L\u00f6sungsvorschlag, der ernst genommen werden muss, weil das Problem, das er zu l\u00f6sen versucht, uns alle betrifft. Egal ob die Initiative angenommen wird oder nicht, es ist klar, dass sie so nicht einfach umgesetzt werden kann. Es ist aber eine sehr gute Gelegenheit, \u00fcber dieses Thema gesamtgesellschaftlich zu diskutieren und zu sensibilisieren, damit vern\u00fcnftige, menschenfreundliche L\u00f6sungen gew\u00e4hlt werden und dieser Diskurs sollte nach der Abstimmung konsequent weiter gef\u00fchrt werden, damit nach der Abstimmung nicht einfach die n\u00e4chste symbolische Begrenzungsinitiative folgt, sondern die eigentlichen Probleme politisch bearbeitet werden.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Ende 2025 lebten laut BFS 9 124 300 Personen in der st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung der Schweiz. Im selben Jahr war die Zahl der Menschen ab 65 Jahren erstmals gr\u00f6sser als die Zahl der unter 20-J\u00e4hrigen. Das zeigt: Die demografische Frage ist nicht erfunden. Sie ist real. Gerade deshalb braucht sie eine bessere Antwort als eine starre Zahl.<\/p>\n<p>Die Schweiz hat ein demografisches Problem. Das ist seit Jahrzehnten bekannt, es ist nichts Neues. Die Bev\u00f6lkerung altert. Damit das System hier funktioniert, braucht es Nachwuchs, Migration oder Computer und Roboter, um Mehrwert zu generieren. Denn die Alten leben auf den Schultern der Jungen, und die Jungen dann auf den Schultern ihrer j\u00fcngeren Generation, und so weiter. Dieses System wird aktuell kaum grunds\u00e4tzlich hinterfragt. Die Alten k\u00f6nnten auch l\u00e4nger arbeiten, das will aber fast niemand, und das w\u00fcrde das System auch nur kurzfristig entlasten.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Im \u00f6ffentlichen Diskurs werden vor allem drei M\u00f6glichkeiten diskutiert, das System in Zukunft aufrechtzuerhalten: Nachwuchs \/ Robotik \/ Migration = Arbeitskraft. Wichtig zu wissen ist auch, dass diese M\u00f6glichkeiten in Beziehung zueinander stehen. Das heisst: Produzieren wir nicht genug Nachwuchs, muss die Migration steigen oder die Roboter \u00fcbernehmen, denn irgendwer oder irgendetwas muss den Mehrwert erarbeiten.<\/p>\n<p>Mir kommen spontan noch zwei Alternativen in den Sinn. Die eine Idee hat sich politisch bereits herumgesprochen, und die letzte ist g\u00e4nzlich neu, wobei sie einer alten Schweizer Idee entspricht, und zwar dem S\u00f6ldnertum. Das Erste ist das bedingungslose Grundeinkommen. Richtig eingesetzt k\u00f6nnte es unser zuk\u00fcnftiges demografisches Problem l\u00f6sen oder zumindest entsch\u00e4rfen. Das Zweite w\u00e4re ein Ausbau des Bankenwesens, vor allem des Investmentsektors. Und zwar so, dass viel mehr Schweizerinnen und Schweizer diese Arbeit beherrschen und dadurch viel mehr Mehrwert schaffen. Eine Konsequenz w\u00e4re aber, dass dieser Sektor st\u00e4rker besteuert werden m\u00fcsste, damit der Mehrwert nicht einfach ins private Kapital fliesst. Denn nicht nur im Makrobereich wissen wir nicht, ob die Welt sich ausdehnt, sondern auch im Mikrobereich.<br \/>\nWie wir sehen, gibt es verschiedene M\u00f6glichkeiten, wie wir dieses Problem l\u00f6sen k\u00f6nnten. Und wir sind nat\u00fcrlich st\u00e4ndig daran, es zu l\u00f6sen. Es ist nicht so, dass das Problem pl\u00f6tzlich explodiert. Max Frisch meinte ja schon, dass wir Arbeiter bestellten und Menschen kamen. Diesmal k\u00f6nnten wir tats\u00e4chlich Arbeiter bestellen und hoffentlich bleiben es nur Roboter.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Ob wir dieses Problem des fehlenden Nachwuches jemals l\u00f6sen werden, ist eine andere Frage. Es scheint eher ein systemisches Problem zu sein, das sich \u00fcber Generationen ausbreitet. Den Standard, den die Jungen haben, verdanken sie den Alten. Darum arbeiten sie weiter an diesem Standard und bezahlen das Leben der Alten, in der Hoffnung, dass ihr Nachwuchs es ihnen dann auch bezahlt. Aber die, die schon l\u00e4nger in der Schweiz sind, die jetzt arbeiten, erzeugen nicht gen\u00fcgend Nachwuchs. Gen\u00fcgend Nachwuchs erzeugen eher diejenigen, die hier arbeiten, aber k\u00fcrzlich eingewandert sind. Das hat eben den Effekt, dass sich die Kultur in der Schweiz sich dadurch schnell ver\u00e4ndert. Dasselbe w\u00fcrde aber auch mit Robotern geschehen, die Kultur w\u00fcrde sich dann auch ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ich sehe vor allem deswegen einen immer gr\u00f6sser werdenden Graben zwischen Land und Stadt. Die St\u00e4dter sind schnelle Ver\u00e4nderungen gewohnt, respektive sie sehen sie gar nicht mehr, da sie so \u00fcberflutet sind. Die L\u00e4ndlichen sehen sie und haben Angst um ihre Existenz. So oder so wird die Zukunft anders als die Gegenwart. Und das hat mit dem \u00fcbergeordneten System zu tun: dem Kapitalismus. Dem Glauben, immer mehr Kapital anh\u00e4ufen zu k\u00f6nnen. Was im Grunde m\u00f6glich sein k\u00f6nnte, denn wir wissen nicht, ob das Universum endet oder ob es sich ausdehnt. Wir wollen aber immer mehr Kapital anh\u00e4ufen, um jemanden dazu zu bringen, f\u00fcr uns immer mehr Kapital anzuh\u00e4ufen. Bis jetzt ging das sehr einfach. Sobald es aber schwerer wird, besteht die Gefahr, dass Massnahmen ergriffen werden, die wir eigentlich als menschenunw\u00fcrdig betrachtet haben und sie darum verboten oder abgeschafft haben. Die Geschichte lehrt uns aber, dass solche Verbote und Regeln schnell abgeschafft werden und das aus einem einfachen Grund: weil wir es k\u00f6nnen.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Initiative sammelt reale Sorgen ein: Volle Z\u00fcge, teure Wohnungen, Druck auf Schulen und Spit\u00e4ler, Landschaftsverbrauch. Aber sie tut so, als h\u00e4tten diese Probleme nur eine Ursache: zu viele Menschen von aussen. Das greift zu kurz. Auch Raumplanung, Immobilienmarkt, Arbeitsbedingungen, Steuerpolitik und Wachstumslogik geh\u00f6ren zur Wahrheit. Und Menschlichkeit? \u2013 K\u00f6nnten Geburtenr\u00fcckgang und Menschlichkeit einen Zusammenhang haben?<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Darum ist die Diskussion \u00fcber 10 Millionen Menschen in der Schweiz nicht nur eine Diskussion \u00fcber Zahlen. Es ist eine Diskussion \u00fcber Arbeit, \u00fcber Alter, \u00fcber Kinder, \u00fcber Migration, \u00fcber Stadt und Land, \u00fcber Kapital und \u00fcber die Frage, was wir eigentlich erhalten wollen. Ich hoffe die Menschlichkeit. \u2013 Wollen wir eine Schweiz erhalten, die nie existiert hat, weil sie immer schon in Ver\u00e4nderung war? Oder wollen wir eine Schweiz erhalten, die ihre besten Eigenschaften nicht verliert: Genauigkeit, Verl\u00e4sslichkeit, Solidarit\u00e4t, Bildung, Infrastruktur und die F\u00e4higkeit, sehr unterschiedliche Menschen in ein funktionierendes Ganzes zu bringen?<\/p>\n<p>Ich pl\u00e4diere gegen diese Initiative und f\u00fcr eine ernsthafte Politik der Infrastruktur, Arbeit, Familien, Bildung, Pflege, Raumplanung und Zugeh\u00f6rigkeit. Die Angst ist real, die Zahl ist die falsche Antwort.<\/p>\n<div dir=\"ltr\"><b> Kosova als Kanton und die Schweiz als Gef\u00e4ss<\/b><\/div>\n<div dir=\"ltr\">Es gibt noch einen letzten Vorschlag meinerseits, die demografischen Probleme zu l\u00f6sen: Die Schweiz nimmt Kosova als neuen Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft auf, und alle zuk\u00fcnftigen Probleme sind gel\u00f6st. Denn Kosova hat das j\u00fcngste Volk in Europa und ein Land, das auf Investitionen wartet. Kulturell haben sich die zwei L\u00e4nder schon lange so weit angen\u00e4hert, dass es f\u00fcr beide eine Bereicherung w\u00e4re. Mit diesen neuen Ressourcen k\u00f6nnte sich die Schweiz dann dem gr\u00f6ssten Problem des Planeten widmen, und zwar der Sanierung des Kapitalismus.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Nat\u00fcrlich ist dieser letzte Vorschlag nicht ganz ernst gemeint. Oder vielleicht nur halb ernst. Oder doch ganz? Manchmal zeigt ein Witz genauer, worum es eigentlich geht. Die Schweiz und Kosova sind l\u00e4ngst miteinander verbunden. In Familien, in Sprachen, in Fussballmannschaften, in Spit\u00e4lern, in Baustellen, in Pflegeheimen, in Restaurants, in Musik, in Erinnerungen und in Kindern, die hier aufwachsen und beides in sich tragen. Und st\u00e4ndig eine neue Schweiz erschaffen mit allen anderen Schweizern und Menschen in der Schweiz.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Metapher zeigt nicht eine juristische L\u00f6sung, sondern eine gesellschaftliche Realit\u00e4t.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Schweiz besteht aus mehreren Geschichten. Die Frage ist nicht, ob diese Geschichten da sind. Die Frage ist, ob wir sie als Bedrohung oder als Teil des gemeinsamen Landes verstehen.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, wie viele Menschen die Schweiz ertr\u00e4gt. Vielleicht sollten wir eher fragen, wie viel Beziehung, Verantwortung und Zukunft wir miteinander aufbauen k\u00f6nnen.<br \/>\nDenn am Schluss ist die Schweiz nicht einfach eine Zahl. Sie ist ein Gef\u00e4ss. Und die entscheidende Frage ist nicht nur, wie viel hineingeht. Sondern auch, was wir daraus machen.<br \/>\nIch bin gegen die 10-Millionen-Initiative. Nicht, weil ich Wachstum romantisiere oder die Sorgen rund um Ver\u00e4nderung kleinrede. Sondern weil die Initiative eine echte Angst auf eine falsche Zahl reduziert. Sie verspricht Ordnung, beantwortet aber nicht die Frage, wer in einer alternden Gesellschaft arbeitet, pflegt, baut, f\u00e4hrt, unterrichtet und die Zukunft tr\u00e4gt. Die Schweiz braucht keine starre Obergrenze, sondern eine Politik, die Infrastruktur, Wohnraum, Arbeit, Familien, Bildung, Pflege und Zugeh\u00f6rigkeit gemeinsam denkt.<\/p>\n<blockquote>\n<p dir=\"ltr\"><strong>Bujar Berisha<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<\/div>\n<blockquote>\n<div dir=\"ltr\"><strong><i>Bujar Berisha wurde in Peja, Kosova, geboren und kam als Achtj\u00e4hriger in die Schweiz. Heute lebt und arbeitet er auf dem Br\u00fcnigpass. Mit Middle of Switzerland verbindet er Musik, Text, Fotografie, Verlag, Gastfreundschaft und k\u00fcnstlerische Projekte. Seine Arbeiten kreisen um Migration, Erinnerung, Zugeh\u00f6rigkeit und die Frage, wie unterschiedliche Geschichten ein gemeinsames Land formen.<\/i><\/strong><\/div>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Titel, ein Mittagessen und ein unbequemer Gedanke Jeder bekommt 10 Millionen in der Schweiz? Oder 10 Millionen ist die Schweiz wert? \u00abIrgendwas mit Geld\u00bb waren meine Gedankenblitze, als ich diesen Titel zum ersten Mal las. Schnell wurde mir aber klar, worum es geht. Es ist eine Reaktion auf m\u00f6gliche zuk\u00fcnftige Szenarien. 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