{"id":97863,"date":"2015-11-10T13:03:03","date_gmt":"2015-11-10T12:03:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinfo.ch\/?p=97863"},"modified":"2015-11-10T13:06:11","modified_gmt":"2015-11-10T12:06:11","slug":"mit-elefanten-in-garten-von-prizren-nach-bern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.albinfo.ch\/de\/mit-elefanten-in-garten-von-prizren-nach-bern\/","title":{"rendered":"Mit &#8220;Elefanten in Garten&#8221;, von Prizren nach Bern"},"content":{"rendered":"<p>Sie kam mit ihren Eltern aus Kosova in die Schweiz. Das war 1992, im Alter von neun Jahren. Damals war f\u00fcr das feinf\u00fchlige kleine M\u00e4dchen aus Prizren in der Schweiz alles neu und fremd. &#8220;Ich war die einzige ausl\u00e4ndische Sch\u00fclerin in der Schule, in die ich kam. Und als neues \u201aPh\u00e4nomen\u2018 in der n\u00e4heren Umgebung wurde ich nat\u00fcrlich als etwas Exotisches angeschaut&#8221;, sagt Meral Kureyshi, Schriftstellerin kosovarischer Herkunft und t\u00fcrkischer Muttersprache und eine der f\u00fcnf Kandidierenden f\u00fcr den bedeutendsten Literaturpreis der Schweiz 2015. Ihr erster Roman &#8220;Elefanten im Garten&#8221;, gleichzeitig ihr erstes ver\u00f6ffentlichtes Werk, ist eine erstklassige \u00dcberraschung in der Schweizer Literaturwelt. Durch die Nominierung f\u00fcr den Schweizer Buchpreis wurde Meral zur vielbegehrten Person der deutschschweizerischen Medien, die mit grossem Interesse alles Wissenswerte \u00fcber die Neuentdeckung in der hiesigen Literaturwelt in Erfahrung bringen wollen.<\/p>\n<p>Auf unsere Bitte nach einem Interview f\u00fcr albinfo.ch \u2013 ihrem ersten f\u00fcr ein albanischsprachiges Medium &#8211; ging Meral Kureyshi sehr gerne ein und bedauerte, kein Albanisch zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Albinfo.ch: Sie kamen als Neunj\u00e4hrige in die Schweiz, in eine Welt, die von jener Kosovos oder Prizrens v\u00f6llig verschieden war. Was empfanden Sie damals, hatten Sie das Gef\u00fchl, fremd zu sein und nicht in diese Umgebung zu geh\u00f6ren?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Meral Kureyshi: Wir waren die einzigen Ausl\u00e4nder in der Schule und nat\u00fcrlich war es etwas m\u00fchsam, dass ich aus einer anderen Umgebung kam und die Sprache der andern um mich herum nicht verstand. Das allein schon isolierte. Zudem erinnere ich mich, dass die Eltern meiner Klassenkameradinnen diese nicht sehr gerne mit mir spielen liessen. Doch mit der Zeit schwanden die Barrieren, die Beziehungen normalisierten sich und ich wurde Teil der Gemeinschaft, in der Klasse und in der Schule. Aber die Unterschiede existierten weiter. Zum Beispiel hatten meine Klassenkameraden, wenn sie aus den Ferien, die sie im Ausland verbracht hatten, zur\u00fcckkehrten, jeweils allerlei Interessantes zu erz\u00e4hlen. W\u00e4hrend wir, die wir die Schweiz weder verlassen durften noch die Mittel dazu gehabt h\u00e4tten, uns schlecht f\u00fchlten. So waren mein Bruder und ich gezwungen, Geschichten zu erfinden, uns interessante Erlebnisse, die nicht stattgefunden hatten, auszudenken, damit wir auch dazugeh\u00f6rten.<\/p>\n<p><strong>Prizren als Schmelztiegel der Sprachen und Kulturen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Da hat auch die Erz\u00e4hlung &#8220;Elefanten im Garten&#8221; ihren Ursprung?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das kann man so sagen. Ich erz\u00e4hlte meinen Klassenkameraden, dass wir in der Stadt, aus der ich komme, einen grossen Garten mit Elefanten hatten. Auf diese Weise hatten auch ich und mein Bruder etwas zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Ich denke, in einer solch speziellen Situation muss etwas Ungewohntes herauskommen. Aber etwas anderes ist es dann, was du daraus machst, was du aus einer solchen Situation gewinnst. In meinem Fall l\u00e4sst sich sagen, dass sich als Resultat aus jener Situation meine Begabung zum Schreiben entwickelte.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Wie nahe ist Ihnen das Leben ihrer Kindheit in Prizren, wie stark tragen Sie dieses in sich?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habe ich sehr lebendige Erinnerungen aus der Kindheit, aus einer Wirklichkeit, die sich klar unterscheidet von jener, die ich sehe, wenn ich Prizren besuche. Damals war es ein Schmelztiegel der Sprachen und Kulturen, t\u00fcrkisch, albanisch, serbisch. Jeder konnte die Sprache des andern, beziehungsweise alle konnten jede der drei Sprachen, wie wenn es ihre eigene w\u00e4re. Meine Mutter zum Beispiel sagt, wenn sie nach ihrer Muttersprache gefragt wird: \u201aT\u00fcrkisch, Albanisch und Serbisch.\u2018<\/p>\n<p>Prizren ist immer noch sch\u00f6n. Doch aus der Kindheit behalten wir uns eine sch\u00f6ne Wirklichkeit, die wir in unserem Kopf idealisieren. Wenn wir uns diese dann, so wie es bei mir war, nach dreizehn Jahren Fernbleiben anschauen, erleben wir eine gewisse Desillusionierung.<\/p>\n<p><strong>&#8220;F\u00fcr das Schreiben des Romans brauchte ich zehn Jahre&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es heisst, Ihre Nominierung f\u00fcr den Schweizer Buchpreis sei eine \u00dcberraschung gewesen. Sie befassten sich Ihr ganzes Leben lang mit Schreiben, daher die Frage: Wie \u00fcberraschend war er tats\u00e4chlich f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann sagen, dass er wirklich eine grosse \u00dcberraschung war. Ich hatte \u00fcberhaupt nicht mit so etwas gerechnet. Ich sage das ehrlich, denn dieses Jahr kamen in der Schweiz so viele gute B\u00fccher heraus. Es konkurrierten \u00fcber neunzig verschiedene B\u00fccher, alle sind gut und ich erwartete nicht, unter den f\u00fcnf Auserw\u00e4hlten zu sein. Sicher erwarte ich auch nicht, dass ich gewinnen werde; viel mehr, und das sage ich ehrlich, w\u00fcnsche ich das auch gar nicht. Ich denke, ich habe genug gewonnen allein damit, dass ich unter die f\u00fcnf Ausgew\u00e4hlten gekommen bin. Das gen\u00fcgt mir. Mit dem ersten Buch, wie in meinem Fall, denke ich, ist ein so hoher Preis nicht zu gewinnen. Vergessen wir nicht, bis zu diesem Buch habe ich gar nichts Literarisches ver\u00f6ffentlicht. Ich habe nur den einen oder andern journalistischen Text publiziert, obwohl ich laufend Literatur schrieb. Doch f\u00fcr mich ist nicht der Preis wichtig, wichtig ist, dass die Leute das Buch lesen. F\u00fcr das Schreiben des Romans brauchte ich zehn Jahre.<\/p>\n<p><strong>Sie gr\u00fcndeten ein \u201eLyrikatelier\u201c in Bern. Was passiert in diesem Atelier?<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Atelier besuchen Junge, Kinder und Erwachsene, die eine Leidenschaft f\u00fcr Literatur haben. Hier wird \u00fcber Texte gesprochen, werden Texte bearbeitet, wir tauschen uns aus, feilen und arbeiten an den literarischen Versuchen der Besucher. Es gibt hier auch Ausl\u00e4nderinnen, die Gruppen sind gemischt. Mit ihnen versuchen wir, die Texte, die sie in ihren Muttersprachen verfassten, gemeinsam ins Deutsche zu intepretieren.<\/p>\n<p><strong>Kann man in der Schweiz von der Literatur leben?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, vor allem nicht in meinem Fall. Die Arbeit, von welcher ich zurzeit lebe, ist die Leitung des erw\u00e4hnten Ateliers. Nat\u00fcrlich haben mit dem Bekanntwerden in j\u00fcngster Zeit Lesungen und \u00e4hnliche Aktivit\u00e4ten zugenommen, so dass es da auch ein wenig materielle Anreize gibt, aber nicht in dem Mass, dass du davon leben k\u00f6nntest.<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie bis zur Publikation eines neuen Romans noch einmal zehn Jahre warten, dann scheint die Perspektive nicht sehr erfreulich \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Nein, nein (lacht), den n\u00e4chsten Roman werde ich viel schneller als den ersten ver\u00f6ffentlichen. Er wird bald bereit sein.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Bezug zu Kosova, dem Land Ihrer Geburt? Oder sind Sie informiert, was dort l\u00e4uft, vor allem in kultureller Hinsicht?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, auf jeden Fall habe ich Beziehungen und Kontakte, zumal dort auch meine Verwandten leben und ich Kosova ungef\u00e4hr einmal im Jahr besuche. Doch da meine Familie und alle Freunde in der Schweiz sind, weiss ich nicht, inwiefern ich sagen k\u00f6nnte, Kosova sei meine Heimat \u2013 im Sinn des Begriffs \u201eHeimat\u201c der deutschen Sprache &#8211; , und ob ich dort leben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Von den kulturellen Entwicklungen hingegen kann ich sagen, dass ich solide Kenntnisse habe. Es macht mir gr\u00f6sste Freude, das Filmfestival \u201eDokufest\u201c in Prizren mitzuverfolgen, ein sehr fortschrittliches Festival, das ich schon recht oft besucht habe. Ich habe dort viele Menschen kennengelernt. Es ist sehr sch\u00f6n, wie die Stadt davon belebt wird, wie sie mit dem Festival lebt, und es ist eindr\u00fccklich, wie viele Menschen der Welt Prizren und Kosova dank des Dokufests kennen.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber das kulturelle Leben in Prishtina habe ich einen \u00dcberblick. Ich habe den Eindruck, dass in dieser Stadt alles in Bewegung ist, Neues passiert, das dortige Kulturleben ist recht dynamisch. Es kommen junge Menschen, angezogen von der Kultur und der Kunst, \u00f6ffnen Ateliers und Galerien, alles ist sehr attraktiv. Leider kann ich kein Albanisch, doch die meisten dort k\u00f6nnen Englisch, so dass wir uns problemlos verst\u00e4ndigen. Wenn ich sage, dort passiert so viel, dann denke ich andererseits an Belgrad, wo es ebenfalls viele k\u00fcnstlerische Aktivit\u00e4ten gibt, doch herrscht dort eine etwas d\u00fcsterere Atmosph\u00e4re, irgendwie lustlos. Da ist Prishtina ganz anders, hier haben wir eine Art Erwachen, einen kulturellen Aufbruch \u2026<\/p>\n<p><strong>Eine grosse Bewunderin von Kadare<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wissen Sie etwas \u00fcber albanische Literatur?<\/strong><\/p>\n<p>Auf jeden Fall. Ich kann Ihnen sogar sagen, dass ich eine grosse Bewunderin Ismail Kadares bin. Er ist ein grosser Schriftsteller und ich denke, Kadare h\u00e4tte den Nobelpreis bekommen sollen (das Interview fand am 8. Oktober statt, dem Tag, als der Nobelpreis der weissrussischen Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch zugesprochen wurde).Von Kadare lese ich nicht nur die Romane, sondern ich habe ihn auch mehrere Male pers\u00f6nlich gesehen und geh\u00f6rt bei seinen Lesungen in der Schweiz. Das letzte Mal war er in Fribourg, wo er mich besonders beeindruckte.<\/p>\n<p><strong>Sie kamen jung als Ausl\u00e4nderin hierher. K\u00f6nnen Sie etwas zur Integration der Ausl\u00e4nder in der Schweiz sagen: War sie damals schwieriger oder jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, dass die Integration ein Problem war, und es auch immer noch ist und bleibt. Ich finde es sehr wichtig, dass die Menschen sich dort, wo sie leben, mit der Realit\u00e4t verbinden, die Sprache des Landes lernen etc. Integration ist auch eine Konfrontation, sie geschieht dann, wenn du mit jemandem bist, der nicht gleich wie du denkt, der nicht gleich wie du spricht etc. Es gibt jedoch viele Menschen (unter der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung), die dies nicht tun und nur innerhalb ihres eigenen famili\u00e4ren und kulturellen Kreises bleiben. Das ist selbstverst\u00e4ndlich keine Integration, da es zu keiner Konfrontation zwischen dem Unterschiedlichen kommt.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie politische Interessen?<\/strong><\/p>\n<p>Auf jeden Fall. Tats\u00e4chlich ist das politische Interesse f\u00fcr mich ein zus\u00e4tzliches Motiv, endlich zu versuchen, den Schweizer Pass zu bekommen. Ich denke, dass es auf der Welt Ver\u00e4nderungen gibt, angesichts der neuen Migrationsbewegungen -ein Ph\u00e4nomen, das f\u00fcr mich ein dritter Weltkrieg ist. Dieses Kommen von V\u00f6lkern wird sich auch in der Wirklichkeit verschiedener Staaten reflektieren, und auch die Schweiz kann nicht ausserhalb dieser Ver\u00e4nderungen bleiben. Wenn es mir gut geht, m\u00f6chte ich nichts riskieren, das meine Situation verschlechtern k\u00f6nnte. Und wo Angst ist, gibt es keine Integration.<\/p>\n<p><strong>(Fotos: Matthias G\u00fcnther)<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meral Kureyshi ist Schriftstellerin kosovarischer Herkunft und t\u00fcrkischer Muttersprache. 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