Albanien jenseits des Meeres

Albanien als Reiseland – der Geheimtipp, der hoffentlich bald keiner mehr ist

Albanien hat viele schöne und auch einige dunkle Seiten. Beide sollte man Touristen näher bringen. Wieso und wie das gelingen kann, darüber hat sich Aleksandra Hiltmann Gedanken gemacht. Sie war schon oft im kleinen Balkanland unterwegs.

Für Viele ist Albanien als Reiseland noch ein weisser Fleck auf der Landkarte, vornehmlich bei Personen, die keinen Bezug zum Balkan haben – noch nicht.

Ich habe nachgefragt unter Freunden. Was alle kannten: den Doppeladler. Aber dann wurde das Wissen sehr schnell sehr dünn.

Ich habe Freunden und Bekannten einen Ausschnitt einer Landkarte des Balkans vorgelegt. Sie sollten mir zeigen, welche Fläche Albanien ist. Ein junger Mann drehte die Karte drei Mal im Uhrzeigersinn, danach stand die Adria Kopf. Albanien hatte er immer noch nicht gefunden.

Ich fragte weiter, was die Leute denn für Vorstellungen hätten von Albanien. Viele hatten keine. Einige erwähnten Berge. Jemand kannte den Tanzbären von Durres. Das wars.

In Albanien erstaunt es viele, dass das Land, auf das sie so stolz sind, bei uns in der Schweiz so unbekannt ist. Es erstaunte sie trotzdem noch mehr, dass sich viele derer, die ich über Albanien ausgefragt habe, gerne mal hinfahren würden, mehr über Geschichte, Land und Leute erfahren wollen.

Diaspora am Drücker

Ich glaube, dass diese Umfrage etwas Ähnliches zeigt wie jene, die ich zu Tourismus in Kosovo gemacht habe. Am Flughafen Zürich habe ich Passanten gefragt, ob sie schon mal in Kosovo waren. Die Antworten: Nein, nein und nochmals nein. «Wieso nicht?», fragte ich. «Weiss nicht, ich habe nie darüber nachgedacht», war die häufigste Antwort.

Bei Albanien scheint es sich ähnlich zu verhalten. Viele Leute kommen nicht auf die Idee, Albanien als Reisedestination ins Auge zu fassen. Aber wenn man ihnen den Floh ins Ohr setzt, fragen sie sich plötzlich: «Warum eigentlich nicht?»

Geht es darum, jemandem den Floh ins Ohr zu setzen, kommt der Diaspora eine wichtige Rolle zu. In ihr ruht ein grosses Potenzial. Nicht nur in derjenigen aus Albanien, sondern auch Kosovo. Denn viele Kosovarinnen und Kosovaren sind eng mit Albanien verbunden, kennen das Land, die Leute, die Sprache. Eigentlich können alle, die bereits schon in Albanien waren, mithelfen, das Land als Reiseziel bekannter zu machen.

Foto Bujar Gashi

Aus dem Nähkästchen plaudern

Auch ich war schon in Albanien. Die Berge zwischen Shkoder und Prizren haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt, dann sind das die Strände, der verrückte Verkehr. Tirana ist wie eine andere Welt, eine Stadt mit so vielen Dimensionen und Facetten, mit viel Unerwartetem – man denke an die bunt bemalten Häuser, an die verschiedenen Architekturstile und inmitten einer Hauptstadt an die vielen Räume für Improvisation, zum Beispiel bei Stromleitungen.

Ich denke dabei auch an die wahnsinnige Gastfreundschaft. Wer einem sagt, er lade einen ein, der tut das. Zuerst zum Mittagessen, dann bleibt man zum Kaffee, dann zum Nachtessen, dann gibt es Wein und Schnaps und an der Türschwelle wird man schon zum nächsten Besuch eingeladen. Was ich bisher von Albanien gesehen habe, hat mich begeistert, bewegt und inspiriert. Es hat mich auch motiviert, anderen von diesem Land zu erzählen. Ich tue das immer wieder, auch bewusst, auch ungefragt, stelle das einfach mal als Vorschlag für die nächsten Ferien in den Raum, sei es bei Freunden, der Familie, Arbeitskollegen, Nachbarinnen.

Aber nützt das etwas, wenn man das als einzelne Person tut? In der Schweiz wohnen rund 250’000 Albanerinnen und Albaner. Also ja, wenn jeder und jede Albanien als Reiseland promotet, kann das wirken.

Dunkle Seiten nicht verschweigen

Bei allem Enthusiasmus gibt es aber durchaus auch Dinge, die mich nachdenklich gemacht haben über die Jahre, in denen ich den Balkan bereist habe. Und ich spreche auch über diese, wenn ich Bekannten und Freunden von dieser Region erzähle. Ich finde es wichtig, dass man beide Seiten der Medaille kennt. Ich bin davon überzeugt, dass so nicht nur der Tourismus in Albanien nochmals um ein Gesicht reicher wird, sondern dass damit auch das Verständnis der Menschen hier in der Schweiz gefördert werden kann. Weil sie mehr über die Herkunft und das Herkunftsland des Anderen wissen.

Obwohl Albanien nicht direkt in die Kriege der 90er-Jahre involviert war, hat das Land eine sehr düstere Vergangenheit hinter sich. Die Diktatur von Enver Hoxha sitzt vielen noch in der einen oder anderen Weise in den Knochen. Das erfahre ich immer wieder aus Gesprächen mit Leuten vor Ort, das liest man aber auch immer wieder in den Medien, wenn es darum geht, dass wieder ein Anlauf zur Bewältigung der Vergangenheit unternommen wird. Die Leute fordern endlich Transparenz, Einsicht in Akten, Informationen über das Schicksal ihrer Familienangehörigen. Reisende auch mit diesen dunklen Seiten zu konfrontieren, sie darüber zu informieren, gehört für mich zum Respekt gegenüber den Albanerinnen und Albanern. Denn das sind die Geschichten der Albanerinnen und Albaner, die so geteilt werden können. Das gilt auch, wenn es um Themen wie Korruption geht oder um Traditionen, die Frauen oder andere gesellschaftliche Gruppen benachteiligen.

Damit muss man nicht einverstanden sein. Das ist meine persönliche Meinung. Ich denke aber, dass genau das auch zum Wissen über Albanien gehört. Und: dieses Wissen um die weniger schönen Seiten macht die Berge und Städte nicht weniger schön, die Menschen nicht weniger freundlich, das Land als Reisedestination nicht weniger attraktiv. Alles was gut ist, bleibt gut. Alles, was nicht so gut ist, darf meiner Meinung nach offen angesprochen werden.

Verständnis fördern

Was hat das mit Tourismus zu tun? Nun, gerade hier kann man eine, nennen wir es Diversifikation des Angebotes, beobachten. Es gibt Bunker, die man besuchen kann, es gibt das alte Wohnhaus von Enver Hoxha, dass man anschauen kann. In Tirana gibt es viel spannende Architektur aus der vergangenen Zeit. Von den Auswüchsen der Korruption erzählt die Autobahn zwischen Prishtina und Tirana, bei deren Bau sich viele in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben.

Aber ich bin überzeugt, dass Reisende auch davon hören wollen, dass Reisende auch das sehen wollen. Es gibt viele interessierte Touristen, denn Touristen sind immer auch Menschen mit eigenen Interessen und Berufen – Leute, die sich für Geschichte interessieren, für Politik, für gesellschaftliche Themen. Menschen, die sich für andere Menschen interessieren.

Und verstehen die Gäste die Hintergründe besser, können sie auch die Dinge, die heute noch nicht so gut funktionieren, besser einordnen.

Zudem bietet Albanien so oder so auch für Leute, die tatsächlich nur entspannen wollen genug, um nicht in Langeweile zu verfallen. Und viele dieser entspannenden Dinge sind solche, die Schweizerinnen und Schweizern sehr zusagen (manche mögen “Klischee” ausrufen, doch Sie müssen zugeben, ganz unwahr ist es nicht):  das Meer, denn Schweiz hat keins. Die Berge zum Wandern und Moutainbiken, hübsche Städtchen zum Flanieren, ausgezeichneter Käse.

(KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Den Reiz bewahren

Da scheint Albanien gar nicht mehr so fern und fremd, wie man meinen könnte. Doch da das Land noch relativ unberührt ist, hat es noch immer einen exotischen Reiz.

Nun gilt es, genau diesen Reiz zu bewahren, die Natur als Kapital zu schützen, Kulturerbe zu erhalten, in Infrastruktur zu investieren. Das sollte das Land natürlich an erster Stelle für die eigenen Bürgerinnen und Bürger tun. Aber wenn der Tourismus als Anreiz für Einkommen angebracht werden kann, geht es vielleicht etwas schneller.

Die steigenden Besucherzahlen zeigen bereits in eine gute Richtung. Gerade aus der Schweiz machen sich immer mehr Touristen auf, das kleine Land zu erkunden. Albanien ist auf dem Weg zur Trenddestination – ein viel gelobter Geheimtipp, der immer weniger geheim wird. Vorerst, zum Glück.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der  Sonderveranstaltung «Albanien, eine touristische Attraktion», organisiert von Albinfo.ch am  14.12.2018 in Bern.