CH-Balkan

“Der Zusammenarbeit mit der Diaspora werde ich grosse Bedeutung beimessen”

In ihrem ersten Interview nach Antritt des Amtes als Botschafterin der Republik Kosova in der Schweiz, spricht Nazane Braca mit albinfo.ch über die Verzögerungen bei der Besetzung des Postens, über die Nichteinmischung der Parteipolitik im kosovarischen diplomatischen Dienst und über die Lage der kosovarischen Botschaft und der Konsulate in der Schweiz.

Albinfo.ch: Dass Sie die neue kosovarische Botschafterin in der Schweiz sein werden, wurde schon vor einem Jahr angekündigt. Den Dienst konnten Sie aber vor Kurzen antreten. Können Sie die Gründe dieser Verzögerung nennen?
Nazane Breca: Es ist wahr. Ich wurde vor einem Jahr zur Botschafterin des Kosovo in der Schweiz ernannt. Ich hatte alle Verfahren abgeschlossen. Aber die Ernennung durch Staatspräsidentin Atifete Jahjaga zögerte sich hinaus. Das Gesetz zur Aussenpolitik sieht ein bestimmtes Verhältnis zwischen der Anzahl der politisch ernannten Botschaftern und der Karrierediplomaten. Zu dieser Zeit war die Zahl der politisch ernannten Botschaftern höher als in den Reglementen vorgesehen ist. Daher mussten wir warten, damit die Gesetze eingehalten werden.
Wen haben Sie von den Schweizer Behörden bereits getroffen und wie wurden Sie empfangen?
Von den Schweizer Behörden und Vertretern wurde ich sehr herzlich empfangen – angefangen vom Antreffen am Flughafen. Am 22. Juli habe ich die nötigen Dokumente bei der EDA hinterlegt. Ich wurde auch über die Besonderheiten des politischen Systems der Schweiz informiert. Am 1. September habe ich dem Bundespräsident Johann Schneider Ammann das Beglaubigungsschreiben überreicht. Und seitdem ist meine Ernennung vollständig und ich habe alle Rechte und Pflichten der Botschafterin der Republik Kosova in der Schweiz.
Unter den ersten, die ich getroffen habe, waren der Botschafter Albaniens und den Geschäftsträger der mazedonischen Botschaft in Bern. Beide Botschaften haben eine sehr gute, intensive Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Botschafter des Kosova gepflegt. Auch ich wurde sehr freundliche empfangen. Wir sind uns darüber einig, dass wir auch in Zukunft eng miteinander zusammenarbeiten wollen. Sie sprachen mir ihre volle Unterstützung zu.
Welche Neuerungen werden Sie mit ihrer Arbeit mitbringen? Habe Sie bereits Felder identifiziert, die einen anderen Umgang brauchen oder in denen Sie sich intensiver als Ihr Vorgänger fokussieren würden?
Der Fokus meiner Arbeit wird sicher die Aufrechterhaltung der guten Beziehungen zwischen Kosova und der Schweiz sein. Ich werde daran arbeiten, dass diese Beziehungen gestärkt und vertieft werden. Ein besonderer Augenmerk werden die Treffen von hohen Vertreten beider Länder haben. An diesen wichtigen Treffen würden kosovarische und Schweizer Vertreter über Themen diskutieren, die für beide Länder wichtig sind. Besonders die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit spielt hierzu eine grosse Rolle. Desweiteren werde ich der Zusammenarbeit mit unserer Diaspora eine grosse Bedeutung beimessen. Wie wir alle wissen, hat die Diaspora für uns alle eine grosse Bedeutung. Unser Staat hat einige Bereiche identifiziert, die wir mit Hilfe der Diaspora weiterbringen können. Hier denke ich sicherlich an Investitionen in Kosova, die die wirtschaftliche Entwicklung des Landes vorantreiben würden. Dies können wir am besten in Zusammenarbeit mit der Diaspora machen. Die Diaspora kann uns auch dabei helfen, auch das Image unseres Landes in Ausland zu verbessern.
Die diplomatische Vertretung des Kosovo in der Schweiz hat auch eine weitere Besonderheit: hier lebt die grösste kosovarische Diaspora im Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung. Auch diesem Grund wird ein Grossteil ihrer Arbeit sicherlich das Engagement  für diese Diaspora sein. Haben Sie schon erste Kontakte mit Vertretern der Diaspora in der Schweiz geknüpft?
Die Kontakte mit kosovarischen Vereinen und Vertretern der Diaspora habe ich schon seit meinem Ankommen in der Schweiz geknüpft. Ich habe vor kurzer Zeit die kosovarische katholische Gemeinde in Luzern getroffen. Dieses Treffen ist im Rahmen der Aktivitäten, die wir für den 21. September 2016 zu Ehren der Heiligsprechung von Mutter Theresa planen. Die Heiligsprechung von Mutter Theresa ist für alle Albaner ein Ereignis von enorme Bedeutung. Die Veranstaltung vom 21. September 2016 ist eine sehr gute Gelegenheit, die Botschafter der anderen Ländern in der Schweiz kennenzulernen, sowie hohe politische Vertreter der Schweiz und Vertreter albanischer Vereine. Sehr bald werde ich auch die Vertreter der albanischen islamischen Gemeinde in der Schweiz treffen. Ich werde auch Kulturschaffende treffen. Heute habe ich beispielsweise die Direktorin des kosovarischen Kulturzentrums in Zürich, Shukrije Ramadani, getroffen.
In diesem Sinne ist auch das Treffen mit Ihnen als albinfo.ch. Ich habe von albinfo.ch gehört und ihre Magazine schon gesehen und gelesen. Ich schätze albinfo.ch als eine sehr interessante Plattform und nutze diese Gelegenheit, ihre Leser und alle Landsleute in der Schweiz zu grüssen und auf eine gute Zusammenarbeit einzuladen.
Haben Sie bereits identifizieren können, mit welchen Problemen die kosovarische Diaspora zu kämpfen hat?
Ich habe schon einige Problemfelder identifiziert, bevorzuge aber die direkten Kontakte, um mehr über die Menschen zu erfahren. Die Beziehung wird beidseitig sein, denn ich erwarte auch Hilfe und Zusammenarbeit von und mit den Menschen. In der Schweiz gibt es zwei Konsulate (in Zürich und in Genf) und einen konsularischen Dienst, der im Rahmen der Botschaft in Bern funktioniert. Sie beschäftigen sich mit der Ausstellung von Dokumenten, aber auch mit Fällen von in der Schweiz inhaftierten Kosovaren, denen wir bei den Verfahren helfen. Ich hoffe, dass wir in der Zukunft mehr bilaterale Verträge mit der Schweiz haben werden, die das Leben unserer Diaspora in der Schweiz erleichtern.
Seit sechs Jahren hat die Schweiz das Abkommen der Sozialversicherungen mit der Schweiz annulliert. Was können Sie in dieser Hinsicht tun?
Soweit ich weiss, laufen schon Gespräche zwischen den beiden Ländern, um dieses Problem zu lösen. Und wie ich schon sagte, hoffe ich, dass wir offene Themen durch bilaterale Abkommen abschliessen können. Bevor ich nach Bern kam, bin ich im Arbeitsministerium tätig gewesen. Dort habe ich diese Problematik in meiner Prioritätenliste aufgenommen. Ich habe auch mit der Schweiz Botschafterin in Prishtina gesprochen und auch Sie gebeten, ihr Einfluss in dieser Angelegenheit geltend zu machen. Zudem wissen wir, dass unser Land ein solches Problem nicht nur mit der Schweiz hat, sondern auch mit weiteren Staaten, in denen Kosovaren arbeiten. Wir hoffen, dass wir das Thema im Paket lösen können. Ich werde meine Arbeit diesbezüglich machen, immer in Zusammenarbeit mit den zuständigen Ministerien.
In welche Sprache werden Sie in der Schweiz kommunizieren?
Zur Zeit nur auf English. Es tut mir leid, dass ich des Deutschen nicht mächtig bin, der Sprache, die hier am meisten gesprochen wird. Ich werde mir Mühe geben, Deutsch zu lernen, ich muss aber zugeben, es fällt mir sehr schwer. Als ich Bundespräsident Johann Schneider Amann das Beglaubigungsschreiben überreichte, sagte ich ihm nur einen Satz auf Deutsch und er war hoch erfreut, dass ich in der Sprache des Landes sprach. Doch ich musste ihn schnell enttäuschen und sagte ihm, dass ich jetzt die ersten Schritte in Deutsch mache. Auch wenn man in der Schweiz mehrere Sprachen spricht, wäre ich sehr glücklich, wenn ich Deutsch sprechen würde.
Der frühere kosovarische Botschafter hat mehrere Projekte eingeleitet, die die Diaspora in der Schweiz betreffen. Hierzu zählt sicherlich auch der “Diaspora-Preis”. Dieser wurde schon dem Fussballer Xherdan Shaqiri, der Sängerin Elina Duna oder Micheline Calmy Ray und Ueli Leuenberger überreicht. Werden Sie solche und ähnliche Projekte weiterführen.
Wir werden sicherlich die Projekte weiterführen, die sich als wirksam gezeigt haben. Sicherlich können Sportler und Sportlerinnen und Musiker und Musikerinnen mit albanischen Wurzeln beste Botschafter unserer Kultur und unseres Landes sein. Der kosovarische Staat ist diesen jungen Männern und Frauen sehr dankbar, die sie das gute Image für uns in die Welt tragen. Sie verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit. In diesem Sinne werden wir im Rahmen unserer Budgets handeln. Doch ich bin noch am Anfang meines Mandats; ich werde mit den öffentlichen Persönlichkeiten der Kultur und des Sports sprechen und daran arbeiten, dass man ihren Einsatz und Engagement schätzt und sie ehrt.