Intervista

Leyla Ibrahimi-Salahi: «Es ist nicht nur Arbeit. Es ist vor allem Leidenschaft.»

"Für mich ist das, was ich mache, immer auch Leidenschaft. Es ist nicht so, dass ich ins Büro komme, die Arbeit erledige, rausgehe und abschalte. Das ist nicht möglich, wenn man ein Unternehmen besitzt"

Kompetent, professionell und ambitioniert. So wird Chair Airlines Besitzerin Leyla Ibrahimi-Salahi von ihren Geschäftspartnern gerne bezeichnet. Wie Sie zu einer der erfolgreichsten albanischen Unternehmerinnen der Schweiz wurde, erzählte sie uns in einem persönlichen Gespräch.

Albinfo.ch: Sie haben mit nur 25 Jahren das Geschäft Ihres Vaters übernommen. Welchen grossen Herausforderungen mussten Sie sich zu Beginn stellen?

Leyla Ibrahimi-Salahi: Das waren in der Tat enorm viele. Um überhaupt eine Chance in dem harten Wettbewerb zu haben, mussten wir in erster Linie unser Unternehmen stabilisieren und vor allem zukunftsfähig machen.

Im Detail bedeutete das, eine schlanke Organisationsstruktur aufzusetzen und in neue Systemlandschaften zu investieren. Es mussten gute Leute gefunden werden und es galt Vertrauen zu gewinnen. Im Grossen und Ganzen war es nötig, der Firma eine neue Richtung zu geben. Und dazu waren leider auch gewisse Trennungen nötig.

In einem Interview haben Sie gesagt, sie mussten zuerst aufräumen, was hiess, sich auch von Onkeln und Cousins, die in der Firma involviert waren, zu trennen. War es für Sie schwierig, sich als Frau durchzusetzen oder spielten eher die familiären Verhältnisse eine Rolle?

Wenn man ein Unternehmen übernimmt, gilt es immer erstmal aufzuräumen. Ich habe mir damals nicht die Frage gestellt, ob das für mich als Frau schwieriger ist.

Um ein Unternehmen zu sanieren und profitabel aufzustellen und damit erfolgreich zu sein, gehört es eben dazu, auch schwierige und unliebsame Entscheidungen zu treffen. Es bleibt einem nichts anderes übrig. Wem man dies nicht kann, ist es höchstwahrscheinlich schwierig, ein Unternehmen überhaupt zu «führen». Führen bedeutet, festlegen, wo es hingehen soll.

Es war für mich daher eine Grundvoraussetzung, klare familiäre Verhältnisse zu schaffen. Denn nur auf einem neuen stabilen Fundament konnten wir aufbauen. Und dieses hält immer noch.

Aber Sie haben auch gesagt, sie wurden unterschätzt? Inwiefern wurden Sie unterschätzt?

Wahrscheinlich in allem.

In ihren Kompetenzen als Unternehmerin?

Mein Vater war eine Galionsfigur und in seine Fussstapfen zu treten, war eine grosse Herausforderung. Die Messlatte war extrem hoch angesetzt. Sein Erbe anzutreten und das auch noch als junge, zierliche Frau, war für viele nicht vorstellbar. Auf der anderen Seite, bin ich mit diesem Geschäft aufgewachsen, wir haben das daheim sozusagen geatmet. Ich wusste daher von klein auf sehr viel darüber. Ausserdem hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits 4-5 Jahren für ihn gearbeitet und daher ein Gefühl dafür, was läuft. Und plötzlich, über Nacht, ging die Verantwortung an mich. Das war dann aber eine andere Nummer –  und zunächst einmal eine grosse Last.

Sie werden in der albanischen Community immer noch als die Tochter von Bexhet Salahi wahrgenommen. War das zu Beginn als Unternehmerin förderlich oder erschwerend?

Ich höre das immer gern. Es ist eine Anerkennung: Die Menschen haben ihn nicht vergessen. Und man sollte meiner Meinung auch nicht vergessen, was er für sein Land getan hat.

Er genoss einen sehr guten Ruf. Und zweifelsohne gingen für mich dadurch damals einige Türen auf. Er war und ist immer noch eine Referenz. Und ja, man ist lange Zeit die Tochter von jemandem, bis man sich irgendwann seinen eigenen Namen macht . Das ist definitiv auch eine Reifung, eine eigenständige Persönlichkeit zu werden.

Die Geschäftswelt der albanischen Community wird immer noch mehrheitlich von Männern dominiert. Erleben Sie Ihre Funktion als weibliche Führungskraft als Vor- oder Nachteil?

Wissen Sie, ich mache einfach meine Arbeit und stelle mich den gegebenen Herausforderungen. Für mich stellt sich diese Frage daher nicht. Jeder, der ein Unternehmen führt, ob Mann oder Frau, muss sich mit der Zeit durch Resultate behaupten. Und wer seine Aufgabe kompetent erfüllt, wird ernst genommen.

 Ihre Geschäftspartner beschreiben Sie als kompetent und professionell. Reicht das, um als Unternehmerin erfolgreich zu sein oder Bedarf es eventuell einer extra Portion Diplomatie?

Ja, das gehört sicherlich auch dazu. Aber das Wichtigste ist, innovativ zu sein und an seinen Zielen festzuhalten. Nicht aufzugeben und nachhaltig zu planen.

Enorm wichtig ist auch, hinter jeder seiner Entscheidungen zu stehen. Zumindest zu dem Zeitpunkt, wenn man sie fällt.

Im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer.

Haben Sie gut geschlafen, als Sie den Schweizer Ableger von Air Germania übernommen haben?

(lacht) Gute Frage! Naja, ich hatte schon ein paar schlaflose Nächte, aber das muss man einfach annehmen. In diesem Geschäft gehört es beinahe zur Normalität, alle zwei/drei Jahre schlaflose Nächte zu haben. Das berichten viele andere, die in dieser Branche tätig sind, auch.

Und es war definitiv eine Mamutaufgabe! Das darf man ruhig erwähnen. Wir haben in der albanischen Welt damit Geschichte geschrieben. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen.

Nun sind Sie ja seit einem Jahr Besitzerin der Chair Airlines AG. Welche Zukunftspläne haben Sie für Ihr Unternehmen?

Die Geschichte wiederholt sich fast ein bisschen. Auch hier war es notwendig in erster Linie aufzuräumen, die CHAIR stabil und schlank aufzustellen. Dazu gehörte auch, in neueste Systeme und Software zu investieren. Das ist zweifelsohne die Grundvoraussetzung, um profitabel operieren zu können. Um dann nachhaltig wachsen zu können, jedoch stets im Hinblick darauf, wie die Nachfrage auf dem Markt ist.

Sie, als eine der erfolgreichsten albanischen Unternehmerinnen der Schweiz, sind seit neustem Jury-Mitglied beim SWISS-ALBS-Unternehmerpreis und meine Frage hierzu ist, wo Sie den Nutzen sehen, wenn sich albanische Unternehmerinnen und Unternehmer in der Schweiz vernetzen?

Der Nutzen liegt sicherlich darin, Zugriff auf gute und professionelle Angebote zu haben, weil die Chemie untereinander meistens auch stimmt. Es ist überaus wichtig, auf ein Netzwerk zugreifen zu können, das verlässlich ist. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass diese Firmen extrem zuverlässig sind und tadellose Produkte liefern. Denn Kompromisse in der Qualität sind in der Schweiz nicht denkbar. Und ich habe zum Glück die Erfahrung gemacht, dass Unternehmer mit albanischem Hintergrund diese Formel verstanden haben.

Sie haben einige wichtige Kriterien für erfolgreiches Unternehmertum genannt. Haben Sie weitere Ratschläge, die sie Jungunternehmerinnen und -unternehmern mitgeben können?

Der wichtigste für mich persönlich ist, an das zu glauben, was man macht.

Immerwährender Einsatz, stetig innovativ sein und kostenbewusst operieren.

Eine loyale Kundenbindung resp. Kundenbetreuung aufzubauen und zu pflegen.

Faire und vor allem langfristige Geschäftsbeziehungen aufzubauen.

Und zu guter Letzt: Stetig dranbleiben.

Für mich ist das, was ich mache, immer auch Leidenschaft. Es ist nicht so, dass ich ins Büro komme, die Arbeit erledige, rausgehe und abschalte. Das ist nicht möglich, wenn man ein Unternehmen besitzt. Man muss sich bewusst sein, man wird ständig beansprucht! Von allen Seiten. Als Mutter, Ehefrau, Schwester oder Tante.

Mit anderen Worten: Belastbarkeit muss definitiv zu den eigenen Stärken gehören.

Dieses Leben zu führen, bedeutet, ständig Kompromisse zu machen. Man muss auf die Unterstützung der eigenen Familie zählen können. Nur dann geht es unterm Strich auf.

Die Vision meines Vaters war seit der Gründung:

Er wollte den in Europa lebenden Kosovaren preiswerte, sichere und zuverlässige Flugmöglichkeiten zu ihren Angehörigen im Kosovo und Umgebung ermöglichen. Und dies ist auch heute noch unser Bestreben: Den Menschen eine Brücke zur Heimat zu bieten. Es ist daher mehr Leidenschaft als nur Arbeit. Man lebt für das, was man macht.

(Das Interview wurde von Ermira Ljutvija geführt)