Albanische Ärzte in der Schweiz

Mit dem Psychiater auf Albanisch zu kommunizieren erleichtert den Heilungsprozess

Dr.Shemsi Bakiu kam im Dorf Bitijë e Epërme (Gemeinde Shtërpcë) auf die Welt. Hier besuchte er auch die Primarschule, die Mittelschule in der experimentellen Richtung Biologie-Chemie dann in Ferizaj. Darauf folgte das Medizinstudium in Prishtina. Das Postdiplomstudium beziehungsweise die Spezialisierung in der Fachrichtung Psychiatrie und Psychotherapie schloss Bakiu in der Schweiz ab. Seit 2012 und bis vor kurzem arbeitete er als Abteilungsleiter für akute Krankheiten und Rehabilitation in der Psychiatrischen Klinik Chur, während er heute als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in seiner privaten Praxis in Trimmis in der Nähe von Chur arbeitet, schreibt albinfo.ch.

„In die Schweiz bin ich 1992 gekommen, das war die Zeit, als die politische Situation in Kosovo sich drastisch verschlimmerte. Anfänglich machte ich einen Deutschkurs, dann fand ich eine Stelle als Hilfsmedizintechniker, bis ich das Deutsche auf einem genügend hohen Kommunikationsniveau beherrschte“, beginnt Dr. Shemsi Bakiu, heute Leiter einer psychiatrischen Praxis in Chur (Kanton Graubünden), seinen Bericht für albinfo.ch.

„Doch dann begannen andere Integrationsprobleme in dem Kanton, wo ich lebte, denn ich hätte die Niederlassungsbewilligung (Ausweis C) haben müssen. Sie war eine Voraussetzung für das berufliche Vorankommen. Deshalb musste ich diesen Beruf mehrere Jahre lang ausüben. Mein heisser Wunsch nach beruflicher Entwicklung veranlasste mich, den Kanton zu wechseln. So fand ich eine Stelle als Praktikant in einer Rehabilitationsklinik für rheumatologische Krankheiten in Valens im Kanton St. Gallen. Dort wurde ich zuerst als Unterassistent angestellt, doch nach kurzer Zeit wurde mir die Funktion eines Assistenzarztes anvertraut. Später wechselte ich in den Bereich der Psychiatrie, in welchem ich in verschiedenen Schweizer Kliniken arbeitete, so im Psychiatrischen Zentrum Brig (Wallis), dann in der Klinik Beverin in Cazis, in der Psychiatrischen Klinik Chur … Ich habe die fachärztliche Ausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie für Erwachsene abgeschlossen, ein Studium, das sechs Jahre dauert. Das Curriculum der Psychotherapie – Fachrichtung kognitive und Verhaltenstherapie, für die vier Jahre erforderlich sind – machte ich anfänglich in München und St. Gallen. Kontinuierlich studierte ich auch eine Methode zur Behandlung von traumatisierten Patienten, die sogenannte EMDR-Methode (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Diese Methode ist neu, aber sehr erfolgreich bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) wie auch bei anderen psychischen sowie auch körperlichen Krankheiten wie beispielsweise verschiedener körperlicher Schmerzen.“

Schweizer Ärzte gehen der Psychiatrie aus dem Weg, eine Chance für Ärzte ausländischer Herkunft

Man hat den Eindruck, ausländische Ärzte mit Spezialisierung in Psychiatrie fände in der Schweiz leichter eine Stelle als solche mit Spezialisierungen in anderen Bereichen. Dr. Shemsi Bakiu bestätigt das. „Sicher. Da die jungen Schweizer den zahlreichen Schwierigkeiten, die eine Spezialisierung in Psychiatrie mit sich bringt, meist aus dem Weg gehen wollen, können ausländische Fachleute in diesem Gebiet leichter Fuss fassen, und sie ergreifen diese Möglichkeit gerne.“

Andererseits gibt es viele Patienten ausländischer Herkunft, insbesondere Albanerinnen und andere Angehörige von Bevölkerungsgruppen aus dem Balkan, für die es von Vorteil ist, dass es in diesem Bereich Fachärztinnen gibt, die ihre Muttersprache sprechen.

„Die Zahl albanischer wie auch anderer Patienten aus dem Balkan in der Schweiz ist laut Schätzungen recht hoch. Die meisten von ihnen leiden unter posttraumatischen, psychosomatischen/rheumatischen und psychischen/ seelischen Krankheiten“, sagt Dr. Shemsi Bakiu.

„Psychotherapie ist immer noch ein Tabu, beziehungsweise hat sie ein Stigma. Und das wegen des Vorurteils: ‚Wenn ich in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung bin, meinen die anderen, ich sei verrückt‘.

Diese Haltung ist unter den albanischen Patienten in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, auch weil sie wissen, dass sie sich in ihrer Muttersprache ausdrücken können, was ihnen einen einfacheren Zugang verschafft und der Stigmatisierung entgegenwirkt.“

Doch wie viele albanische Patienten gibt es in der Praxis von Dr. Shemsi Bakiu?

„Zieht man in Betracht, dass wir in der Schweiz eine grosse Bevölkerungsgruppe sind, so sind ein recht grosser Anteil meiner Patienten Albaner. Sie kommen nicht nur aus meinem Kanton, Graubünden, sondern auch aus den umliegenden Kantonen wie St. Gallen, Glarus, Zürich und auch aus Lichtenstein. Nebst den albanischen habe ich Patientinnen aus dem übrigen Balkan, sodann auch Türken, Armenierinnen, Iraker. Einheimische, Schweizerinnen, machen etwas mehr als die Hälfte aus. Zweifellos stammen die meisten meiner Patienten aus albanischsprachigen Gebieten. Es lässt sich sogar sagen, dass sich deren Bedarf an Behandlung noch stärker zeigen würde, wenn sie von ihren Familien und ihrem engeren und weiteren Umfeld mehr Unterstützung bekämen gegen die Stigmatisierung der Krankheit, deren Behandlung ebenso wichtig ist wie diejenige von Herzkrankheiten, Diabetes etc.“

Was unterscheidet die albanischen von den schweizerischen Patienten?

Doch worin besteht der Unterschied zwischen den schweizerischen und den albanischen Patientinnen in Bezug auf ihren Umgang mit psychischen Krankheiten?

Dr. Shemsi Bakiu sagt: „Dieser Unterschied zeigt sich unter anderem darin, dass schweizerische Patienten  auch für einen einfachen Konflikt in der Familie zur Psychiaterin gehen und nach der ersten professionellen Konsultation ihr ganzes Potential mobilisieren, um ihre schwierige Lage zu verändern. Auf der anderen Seite erwarten ‚unsere‘ Patienten, aber auch die anderen, besonders solche aus dem Balkan, direkte Hilfe vom Doktor. Ihrer Ansicht nach kann ihnen dieser als Autoritätsperson bei allen Problemen helfen, seien es körperliche oder psychische Beschwerden, psychosoziale oder finanzielle Schwierigkeiten. Das erklärt sich daraus, dass sie sich in den meisten Fällen zu spät melden, um professionelle Hilfe zu suchen. Deshalb ist es wichtig, dass der Besuch beim Psychiater als genau gleich normal angeschaut und gesellschaftlich akzeptiert wird wie der Besuch beim Hausarzt für körperliche Beschwerden. Doch immerhin hat sich der Zugang der albanischen Patientinnen in der Schweiz im Vergleich zu früher deutlich verbessert.“

„Und das auch dank der Tatsache, dass sie sich jetzt bei der Ärztin ohne Dolmetscherin und ohne das Vorurteil, sie könnten von ihr nicht verstanden werden, melden können. Doch trotzdem sind die Stigmatisierung von Personen mit psychischen Störungen beziehungsweise die starken Vorurteile gegenüber dieser Gruppe von Kranken eine traurige Tatsache, die entschieden bekämpft werden muss, angefangen bei der Familie, dem Arzt, der Lehrerin, und allen die irgendwie in Kontakt mit Kranken sind, so dass Menschenleben gerettet werden können“, ergänzt Dr. Shemsi Bakiu.

„Unsere Bevölkerung hat schwerste Kriegserlebnisse durchgemacht, viele soziale und finanzielle Probleme lasten auf zahlreichen Menschen, die ohne selbst daran schuld zu sein kein Anrecht auf Invalidenrenten haben. Fehlende Lebensperspektiven sind der Grund, weshalb so viele Leute an psychischen Gesundheitsproblemen leiden. Trotzdem vermeiden sie es, zur Psychiaterin oder zum Psychologen zu gehen. So bleiben die psychischen Krankheiten unbehandelt, und weil sie leider oft in eine chronische Phase übergehen, haben sie schwere Folgen und führen sogar zu lebenslangen Behinderungen. Solche kranken Menschen sind gleichzeitig eine schwere Last für die Familie und die Gesellschaft. Manche Krankengeschichte endet fatal, eben gerade wegen des Vorurteils, zum Psychiater würden nur „die Verrückten“ gehen.“

Das führt dazu, dass jene Patientinnen, die sich bewusst sind, dass ihnen etwas fehlt, zu anderen Fachärzten gehen und den Grund der Krankheit bei den körperlichen Organen suchen, einzig und allein weil sie nicht den Mut haben, sich den gesellschaftlichen Vorurteilen entgegenzustellen. Einige versuchen der Krankheit mit sogenannter Selbstbehandlung zu begegnen, und nehmen Alkohol oder Beruhigungsmittel zu sich, suchen den Hodscha oder den Priester auf, etc.

Zuletzt melden sie sich beim Psychiater, wenn alle andern möglichen Heilungsquellen versiegt sind, aber dann ist die Krankheit schon in die chronische Phase übergegangen und eine Heilung ist viel schwieriger. Oder sie gehen zur Psychiaterin auch in Fällen, wo jene durch die Polizei oder andere entsprechende Behörden zu einer Zwangsbehandlung verpflichtet ist.

Die grösste Hilfe: elterliche Unterstützung für die Kinder

Doch was empfiehlt Dr. Shemsi Bakiu albanischen oder anderen Eltern und Familien, die in ihrem Umfeld mit Menschen konfrontiert sind, die an psychischen Störungen leiden und einer Behandlung bedürften?

„Am wichtigsten für Kinder ist die Unterstützung durch die Eltern. Eltern müssen sorgfältig jedes Verhalten oder jede Verhaltensänderung ihrer Kinder beobachten, zum Beispiel ihre seelischen Sorgen, Schlafstörungen, Appetitstörungen, Ausschluss aus dem Kreis der Gleichaltrigen. Die Eltern müssen versuchen, ihr Kind hinsichtlich der Ursachen, die es beunruhigen, zu verstehen, mit ihm offen und nicht emotional zu sprechen, sie müssen auch untereinander oder mit der Person, die den engsten Kontakt zum Kind hat, reden. Ihr Kind soll ermutigt werden, über seine Gefühle zu reden, so dass Sie die Veränderungen in seinem Verhalten verstehen. In diesen Fällen sollen Sie nicht zögern, den Hausarzt zu kontaktieren, denn oft  wenden sich Menschen wegen des erwähnten ausgeprägten Stigmas eher ungern an den Psychiater oder die Psychologin. Aber auch die Hausärztin muss die betroffene Person richtig behandeln, präventive und psychoedukative Massnahmen ergreifen und den Patienten dazu ermuntern, die Psychiaterin oder den Psychologen aufzusuchen, und ihm nicht Medikamente der Gruppe der Benzodiazepine verschreiben, womit der psychische Zustand noch komplexer wird wegen der Abhängigkeit, die der Patient den Medikamenten gegenüber entwickelt.

Es kommen auch Patientinnen aus Zürich

In meiner Praxis arbeite ich seit dem 1. Januar 2017, anfänglich war es mit einem kleinen Pensum. Ich war damals auch noch als Oberarzt in der Psychiatrischen Klinik in Chur angestellt und leitete die Abteilung für die Behandlung akuter psychischer Krankheiten und Rehabilitation. Seit dem 1. Juli 2018 arbeite ich nur noch in meiner privaten Praxis, in enger Zusammenarbeit mit auswärtigen Fachleuten, so wie dem Psychologen, dem Sozialarbeiter und dem Sekretär der Praxis. Aufgrund der Stigmatisierung von Patienten, die sich in einer psychiatrischen Klinik anmelden, und weil viele von ihnen auch aus Zürich kommen, während der Woche arbeiten und nur am Wochenende frei haben, entstand das Bedürfnis, etwas für sie zu tun!

Mit dem Psychiater auf Albanisch zu kommunizieren ist von entscheidender Bedeutung

« Wenn Therapeutin und Patient in der gleichen Sprache miteinander sprechen, entsteht eine solide therapeutische Basis. Das verhilft zu einer schnelleren Heilung der Krankheit oder schnelleren Milderung ihrer Symptome, was wiederum auf Unterstützung in der Gesellschaft stösst und auch wissenschaftlich belegt ist. Dass dem so ist, zeigt sich am besten in der grossen Zahl albanischsprachiger Patienten, die Dutzende Kilometer lange Reisen, auch aus den umliegenden Kantonen, auf sich nehmen, um das Gespräch in ihrer Muttersprache führen zu können.“