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Omer Xhemaili: «Es ist unverantwortlich, sich nicht impfen zu lassen»

Omer Dzemali leitet die Herzchirurgie am Zürcher Stadtspital. Der in Nordmazedonien geborene Albaner sagt in einem Interview für Tageseinzeiger, warum die Impfquote unter seinen Landsleuten tief ist und was sich dagegen tun lässt.

Sie sind Herzchirurg, Ihre Patienten müssen oft auf die Intensivstation. Jetzt liegen dort wieder viele Covid-Patienten, darunter viele Menschen, die wie Sie aus dem Balkan stammen. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Als Herzchirurg bin ich abhängig von der Intensivstation. Es ist enorm wichtig, dass wir dort Kapazitäten haben, um unsere Patienten behandeln zu können. Es ist beunruhigend, wenn jetzt die Zahlen wieder steigen, wenn die nächste Welle kommt und wir unseren Patienten allenfalls nicht mehr die Qualität bieten können, die ihnen zusteht. Zudem berührt mich natürlich das Schicksal jedes einzelnen Patienten, unabhängig von seiner Herkunft.

Ein Viertel der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt

Albanischstämmige Menschen stecken sich überproportional oft mit Corona an, weil sie nicht geimpft sind, und erkranken so schwer, dass sie ins Spital und häufig sogar auf die Intensivstation müssen. Wie ist das für Sie, der Sie selber aus dem Balkan stammen?

Es stimmt, dass bei uns im Triemli relativ viele albanischstämmige Personen liegen, die gerade aus den Ferien zurückgekommen sind, und zwar unterschiedlichen Alters. Ich finde es unverantwortlich, wenn man sich nicht impfen lässt. Als Mediziner sehe ich keine Gründe, sich nicht zu impfen. Die Impfskepsis existiert allerdings nicht nur in der albanischen Community, sondern ist leider ziemlich weit verbreitet. Auch in der Schweiz insgesamt ist die Impfquote der vollständig geimpften Personen immer noch viel zu tief – in einer Vielzahl von Kantonen unter 50 Prozent.

Es fällt auf, dass die Impfquote in den Balkanstaaten sehr tief ist, besonders in Kosovo, Nordmazedonien, Bosnien und Albanien. Woher kommt die Impfskepsis dort?

Man muss zwei Dinge unterscheiden: einerseits die Impfskepsis. Die gibt es sicher, aber ich glaube in nicht viel grösserem Ausmass als bei Schweizern. Andererseits ist die Impfquote so niedrig, weil die westeuropäischen Länder nicht rechtzeitig Impfstoff geliefert haben. Länder wie Serbien stehen etwas besser da, weil sie von Russland oder China beliefert wurden. Nordmazedonien und Kosovo hingegen sind westeuropäisch orientiert, sie erhielten sehr spät Biontech-Impfungen, und Moderna haben sie immer noch nicht im Angebot. Deswegen verzögerte sich das Impfen, und deswegen kam es durch die Besuche aus der Diaspora im Sommer zu vielen Ansteckungen.

Waren Sie selber ebenfalls in Ihrer alten Heimat in den Ferien?

Ja, ich war in den Sommerferien dort. Ich bin oft wandern gegangen, wie ich das auch in der Schweiz gern tue. Nordmazedonien und Kosovo sind auch bergige Länder. In den Hauptstädten waren die Regeln recht streng, in den Läden galt Maskenpflicht. Je weiter aufs Land hinaus man ging, desto weniger wurden die Schutzmassnahmen eingehalten. Am wenigsten bei Festen und Hochzeiten. Da trafen viele Menschen ungeschützt aufeinander. Inzwischen haben die Behörden in Kosovo die Regeln deutlich verschärft – das Land steht kurz vor einem Lockdown.

Zurück zur Impfskepsis. Was sind die Gründe dafür?

Die Leute sind falsch informiert. Sie glauben Berichten, wonach mit der Impfung ein Mikrochip implantiert wird. Oder sie trauen der neuen Impftechnologie nicht. Es gab also einerseits diese kritischen Berichte, und andererseits wurden die Menschen zu wenig aufgeklärt. Mich haben immer wieder Personen aus der Albaner-Community kontaktiert und gefragt, was ich von der Impfung halte. Ich sagte dann: Meine Kinder sind geimpft, ich bin geimpft, meine Frau ist geimpft. Das ist meine Haltung. Zudem stellte ich die Leute vor die Wahl: Corona-Infektion mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen oder eine Impfung, bei der wir bisher die üblichen Nebenwirkungen, aber kein Desaster gesehen haben. So konnte ich die Skepsis der Leute schnell aus dem Weg räumen, und sie liessen sich impfen.

Kosovarisches Konsulat plant Kampagne mit Zürcher Regierung

Haben Sie sich über Ihre persönlichen Kontakte hinaus fürs Impfen engagiert?

Ich habe mich an einer Kampagne der Gesellschaft albanischsprachiger Ärzte beteiligt. Wir haben per Zoom Statements für die Impfung abgegeben, und die wurden dann auf staatlichen und privaten Fernsehkanälen in Kosovo, Nordmazedonien und Albanien ausgestrahlt. Zudem gibt es Youtube-Videos davon. Das wirkt. Ebenfalls wirkungsvoll ist, wenn die Hausärzte unserer Gesellschaft ihre Patienten direkt ansprechen.

Es braucht also persönliche Überzeugungsarbeit. Was halten Sie von der Kampagne des Kantons, der die Menschen mit Migrationshintergrund mit Plakaten und Videos zum Impfen bewegen will?

Das hat nicht alle, aber doch einige erreicht – vor allem die junge Generation. Und die Secondos haben die Möglichkeit, die ältere Generation zu überzeugen, indem sie diese richtig informieren.

Während der zweiten Welle mussten Sie wegen Überlastung der Intensivstation geplante Herzoperationen verschieben. Wurden Patientinnen oder Patienten dadurch geschädigt?

Zum Glück hatten wir keine gravierenden Komplikationen. Wir mussten zwar Operationen verschieben, doch wir konnten ziemlich gut triagieren. Je nach Schwere der Erkrankung konnten wir die Patienten schneller oder weniger schnell operieren. Schwieriger war es, ihnen zu erklären, dass sie warten müssen. Denn oft haben sie Angst, dass während der Wartezeit etwas passieren könnte. Mittlerweile sind alle behandelt worden, die auf einer Warteliste waren.

Können wir eine erneute Überlastung der Spitäler noch abwenden?

Ich hoffe es sehr, aber die Anzahl der Impfungen muss jetzt wieder deutlich zunehmen. Es ist jetzt sehr wichtig, dass wir die gesamte Bevölkerung erreichen. Wir sind auf deren Mitwirkung angewiesen, damit wir für die Gesundheit der Menschen im Kanton Zürich und darüber hinaus sorgen können. Unsere Gesellschaft hat es selber in der Hand, sich aus der Fessel von Covid zu befreien. Wir alle wollen zu unserer alten Freiheit zurück.

tagesanzeiger.ch

 


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