Integration

Sich in der Sprache der Seele öffnen, warum Therapie in der Muttersprache tiefer heilt

Dr. Valbone Miftari, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, spricht über Migrationstrauma, Sprache und den psychologischen Behandlungsprozess in der Diaspora

Migration wird häufig als Prozess wirtschaftlicher und sozialer Integration verstanden. Auf psychologischer Ebene stellt sie jedoch eine zutiefst komplexe Erfahrung dar, die Identität, Zugehörigkeitsgefühl und seelisches Wohlbefinden unmittelbar beeinflusst.

In ihrer klinischen Praxis in Zürich in der Schweiz beobachtet Dr. Valbone Miftari, dass Migration für einen erheblichen Teil der Menschen mit unausgesprochenen Traumata verbunden ist. Diese emotional nicht verarbeiteten Erfahrungen äußern sich häufig in psychosomatischen Symptomen, Angststörungen und depressiven Episoden und spiegeln die psychische Belastung wider, die mit dem Prozess der Verlagerung und der Anpassung an eine neue Realität einhergeht.

“Das Migrationstrauma endet nicht mit dem Wechsel des Wohnortes. Es bleibt im Gedächtnis, im Körper und in der Art und Weise, wie die alltägliche Realität erlebt wird”, betont Dr. Miftari.

Eines der häufigsten Phänomene in der klinischen Praxis ist die Somatisierung emotionalen Leidens, also die Umwandlung seelischer Erfahrungen in körperliche Symptome. Unter Bedingungen der Migration können chronischer Stress, der Verlust sozialer Unterstützung und der Druck, dauerhaft funktionieren zu müssen, nicht auf symbolischer Ebene verarbeitet werden und zeigen sich in Form körperlicher Schmerzen.

Der Ausdruck seelischen Leidens durch den Körper

“Viele Landsleute drücken ihr Leiden nicht mit Worten, sondern mit dem Körper aus. Körperliche Schmerzen sind oft die Form, in der die Psyche gehört werden möchte”, sagt sie.

Das klinische Spektrum der Beschwerden umfasst psychosomatische Störungen, körperliche Schmerzen ohne nachweisbare organische Ursache, anhaltende Muskelverspannungen, Schlafstörungen und chronische Erschöpfung. Hinzu kommen Formen einer verdeckten Depression hinter scheinbar normalem Funktionieren und starkem Arbeitseinsatz sowie Angststörungen, die von einem dauerhaften inneren Unruhezustand begleitet sind. In der klinischen Praxis begegnet man zudem Fällen von Diskriminierung und Mobbing am Arbeitsplatz, psychophysischer Erschöpfung im Sinne eines Burnout, Generationenkonflikten, langanhaltendem emotionalem Missbrauch, Scheidungen, Suchtproblemen sowie schwereren psychiatrischen Störungen, einschließlich wahnhafter Störungen und Psychosen. All dies macht das Migrationstrauma zu einer vielschichtigen Erfahrung.

Die Entscheidung, eine Therapie in Anspruch zu nehmen, ist nicht zwangsläufig an eine akute Krise gebunden. In vielen Fällen stellt sie einen Ausdruck von Bewusstsein und Verantwortung gegenüber der eigenen psychischen Gesundheit dar. Dennoch erfordert der therapeutische Prozess die Bereitschaft zur Selbstreflexion und zur Auseinandersetzung mit sich selbst, was für einen Teil der Gemeinschaft weiterhin eine kulturelle Hürde darstellt.

Die Sprache hat in der Psychotherapie einen besonderen Stellenwert

Im therapeutischen Prozess spielt die Sprache eine zentrale Rolle. Dr. Miftari betont, dass die Verwendung der Muttersprache günstige Bedingungen für den Ausdruck emotionaler Erfahrungen schafft. “Viele Patienten können ihre Symptome in einer anderen Sprache erklären, aber nur in der Muttersprache erreichen sie den Kern des Schmerzes. Dort erscheinen Worte, die sich nicht übersetzen lassen, Emotionen ohne Entsprechung und Geschichten, die genau so erzählt werden müssen, wie sie erlebt wurden”, führt sie weiter aus. “In der Muttersprache gelingt es dem Patienten, die emotionale Erfahrung zu strukturieren und die persönliche Erinnerung zu verarbeiten. Das schafft stabilere Voraussetzungen für den therapeutischen Prozess”, stellt sie fest.

Das Migrationstrauma und die Frauen

Ein besonderer Abschnitt des Migrationstraumas betrifft die Erfahrung albanischer Frauen in der Diaspora. Für sie stellt die Therapie oft den ersten Raum dar, in dem sie persönliche Erlebnisse und ihre emotionale Belastung ohne den Druck traditioneller familiärer und gesellschaftlicher Rollen artikulieren können. “Für viele Frauen ist die Therapie das erste Mal, dass sie über sich selbst außerhalb der auferlegten Rollen sprechen. Das ist ein Schritt hin zu einer bewussteren und autonomeren Identität”, betont Dr. Miftari.

Der therapeutische Prozess hilft dabei, psychologische Grenzen zu setzen und ausgewogenere Beziehungen zu sich selbst und zu anderen aufzubauen. Diese Entwicklung wirkt sich unmittelbar auf die emotionale Stabilität der Familie und auf ein gesünderes Funktionieren sozialer Beziehungen aus.

Eine weitere wichtige Dimension des Migrationstraumas zeigt sich bei albanischen Männern in der Diaspora. Traditionelle Männlichkeitsmodelle, die auf emotionaler Zurückhaltung und familiärer Verantwortung beruhen, erschweren häufig die Inanspruchnahme professioneller Hilfe.

Migration und Identitätskrise

“Bei Männern zeigt sich eine Depression häufig durch Reizbarkeit und Rückzug. Hilfe wird meist erst gesucht, wenn die Symptome nicht mehr zu leugnen sind”, erklärt sie.

Migration geht mit dem Verlust sozialen Status und mit einem Rückgang des Selbstwertgefühls einher. Aus einer Autoritätsfigur im Herkunftskontext wird in der Aufnahmegesellschaft ein anonymer Arbeitnehmer. Diese Identitätskrise lässt sich nur schwer in Worte fassen.

Ein zentrales Thema der Migrationserfahrung ist das Leben zwischen zwei Realitäten. Die Menschen leben körperlich in der Aufnahmegesellschaft, bleiben emotional jedoch mit ihrem Herkunftsland verbunden. Dieser Zustand erzeugt ein Gefühl der Nichtzugehörigkeit und eine anhaltende psychische Spannung.

“Zwischen zwei Realitäten zu leben bedeutet, sich keiner Seite wirklich zugehörig zu fühlen. Das führt zu einer Identitätsmüdigkeit, die den Menschen über Jahre begleitet”, betont Dr. Miftari.

Im öffentlichen Diskurs wird Migration oft als Erfolgsgeschichte und als Zeichen wirtschaftlicher Stabilität dargestellt. Hinter diesem geordneten Bild verbirgt sich jedoch ein langer Weg voller Opfer und traumatischer Erfahrungen, die sich allmählich in Form von Schlaflosigkeit, Angst und Depression äußern. “Das Trauma endet nicht mit dem Überschreiten von Grenzen. Es lebt weiter durch das Gefühl der Nichtzugehörigkeit und sozialen Ausgrenzung und betrifft nicht nur die erste Generation, sondern auch die nachfolgenden”, unterstreicht Dr. Miftari.

Selbstfürsorge heute ist ein Geschenk für die Generationen von morgen

Sie erklärt, dass intergenerationale Traumata eine wissenschaftlich belegte Realität sind und über die Eltern Kind Beziehung, emotionale Muster und biologische Stressmechanismen weitergegeben werden, einschließlich neuroendokriner und epigenetischer Veränderungen, die die Anfälligkeit für Angst und Depression erhöhen. So tragen viele junge Menschen einen namenlosen Schmerz in sich, ein Erbe unverarbeiteter Familiengeschichten. Therapie hilft, die Mechanismen der intergenerationalen Weitergabe von Trauma zu erkennen und diesen Kreislauf zu durchbrechen und hat damit eine präventive Bedeutung für die emotionale Stabilität der Familie.

Nach Dr. Miftari entsteht der Generationenkonflikt aus dem Aufeinandertreffen der Opferkultur der Eltern und dem Bedürfnis der Kinder nach persönlicher Autonomie. “Eltern handeln häufig aus einem Überlebenssystem heraus, das von Trauma, Angst und Kontrolle geprägt ist, während Kinder in einer anderen sozialen Realität nach Identität und Selbstbestimmung suchen. Zwischen ‘vergiss nicht, woher du kommst’ und ‘ich möchte ich selbst sein’ entsteht eine innere Spannung, die sich als Angst, Identitätskrise oder emotionale Distanz zeigt, während Therapie Eltern lehrt, dass es nicht bedeutet, ihre Kinder zu verlieren, wenn sie ihnen erlauben, ihren eigenen Weg zu gehen, sondern ihnen zu vertrauen, und dass Liebe nicht durch Kontrolle, sondern durch Unterstützung gemessen wird.”

Abschließend erinnert Dr. Miftari daran, dass psychische Gesundheit das Fundament menschlichen und gesellschaftlichen Wohlbefindens ist und keine rein individuelle Angelegenheit darstellt. “Wenn der Einzelne heilt, heilt die Familie und wenn die Familie gestärkt wird, wird die Gemeinschaft gestärkt”, betont sie. Auch wenn unser Volk über eine außergewöhnliche Resilienz verfügt, liegt wahre Resilienz ihrer Ansicht nach nicht nur im Aushalten und Überleben, sondern im Mut, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Selbstfürsorge heute ist ein Geschenk für die Generationen von morgen.

Profil von Dr. Med. Valbone Miftari

Dr. med. Valbone Miftari ist Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie und übt ihre berufliche Tätigkeit in Zürich aus, wo sie die Praxis VM Praxis | Psychiatrie und Psychotherapie leitet. Sie verfügt über umfassende klinische Erfahrung in der Behandlung eines breiten Spektrums psychischer Erkrankungen. Ihre Arbeit mit Patienten aus der albanischen Diaspora verbindet einen zeitgemäßen wissenschaftlichen Ansatz mit ausgeprägter kultureller Sensibilität. Neben ihrer klinischen Tätigkeit ist Dr. Miftari Vizepräsidentin des Verbands albanischer Ärzte in der Schweiz und engagiert sich aktiv für die Förderung der psychischen Gesundheit durch Publikationen und Buchübersetzungen sowie für die Stärkung der beruflichen Zusammenarbeit innerhalb der Gemeinschaft.

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Web: www.vmpraxis-zürich.ch