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Nicht wegschauen, wenn Kinder Hilfe brauchen
Am 5. Juni 2026 fand im Gemeindezentrum Hirzenbach in Zürich der erste Informations- und Netzwerkanlass „Së bashku për fëmijët tanë“ statt. Initiiert wurde er von der Winterthurerin Donjeta Hajrizaj Shaqiri, angehende Sozialpädagogin, gemeinsam mit Severin Gada und Tim Steffen. Im Zentrum standen albanischsprachige Familien in der Schweiz, deren Kinder in Schule, Alltag oder auf dem Weg ins Berufsleben besondere Unterstützung brauchen. Der Anlass zeigte: Kinder brauchen Verständnis – und Familien müssen diesen Weg nicht allein gehen.
Schon die vielen Gäste machten deutlich, dass das Thema in der Community auf grosses Interesse stösst. Donjeta Hajrizaj Shaqiri eröffnete den Abend, Severin Gada begrüsste die Anwesenden und führte zu den Gastreferierenden über.
Die fachlichen Inputs kamen von Editë Krasniqi, Kinder- und Jugendpsychologin, sowie von Taulant Lulaj, Heil- und Sonderpädagoge und Leiter von Myndset. Im Mittelpunkt standen Fragen, die viele Eltern beschäftigen: Was bedeutet eine Diagnose? Wo gibt es Unterstützung? Und wie kann ein Kind wieder Vertrauen in Schule, Alltag und Zukunft gewinnen?
Die Persönlichkeit eines Kindes ist grösser als jede Diagnose
Gleich zu Beginn wurde klar: Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf sollen nicht nur über ihre Schwierigkeiten gesehen werden. Es geht auch um Stärken, Talente und Entwicklungsmöglichkeiten.
Editë Krasniqi betonte sinngemäss, dass ein Kind nicht nur eine Diagnose mitbringt, sondern auch Fähigkeiten, Interessen und Potenziale. Gerade kleine Fortschritte können für ein Kind mit besonderen Bedürfnissen eine grosse Bedeutung haben.
Auch die Sprache spiele eine wichtige Rolle. Begriffe wie „besondere Bedürfnisse“ beschreiben oft ein Verhalten, eine Schwierigkeit oder ein Bedürfnis – aber nicht die ganze Persönlichkeit eines Kindes. Die zentrale Botschaft des Abends war deshalb: Ein Kind ist nicht seine Diagnose. Die Persönlichkeit eines Kindes ist grösser als jede Diagnose.
Viele Eltern fragen sich: Was wird aus meinem Kind?
Ein wichtiges Thema waren die Sorgen vieler Eltern nach einer Diagnose. Wird mein Kind später arbeiten können? Wird es selbstständig sein? Wird es seinen Platz in der Gesellschaft finden? Wird es glücklich werden?
Editë Krasniqi machte den Familien Mut. Mit passender Unterstützung können viele Kinder und Jugendliche ihren Weg in Schule, Beruf und Gesellschaft finden. Wichtig sei, nicht zu lange allein zu bleiben und Hilfe früh anzunehmen.
Dabei wurde auch deutlich: Diagnosen wie ADHS oder Autismus sind in vielen Familien noch immer mit Scham oder Unsicherheit verbunden. Der Anlass setzte hier bewusst auf Aufklärung, Wertschätzung und offene Gespräche.
Hilfe gibt es – aber viele kennen den Weg nicht
Taulant Lulaj erklärte, dass viele Unterstützungsangebote in der Schweiz existieren, aber nicht alle Familien gleich gut erreicht werden. Gerade albanischsprachige Familien wüssten oft zu wenig, welche Möglichkeiten es gibt und an wen sie sich wenden können.
Darum sei es wichtig, nahe bei den Familien zu informieren – verständlich, direkt und auch auf Albanisch. Seine Botschaft war klar: „Die Familien sind nicht allein.“
Lulaj berichtete aus seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die wegen ADHS, Autismus, Schulabsentismus, schwierigen Schulsituationen oder Timeout-Situationen Unterstützung brauchen. Dabei gehe es nicht darum, Familien mit Bürokratie zu belasten, sondern konkrete Wege aufzuzeigen.
Wenn Kinder sich zurückziehen
Ein Thema, das viele Eltern belastet, war Schulabsentismus. Gemeint sind Kinder und Jugendliche, die nicht mehr regelmässig zur Schule gehen, sich zu Hause zurückziehen, nachts wach sind, tagsüber schlafen und viel Zeit auf Social Media verbringen.
Für Familien ist das oft eine sehr schwierige Situation. Taulant Lulaj machte deutlich, dass solche Kinder wieder Struktur, Beziehung und einen realistischen Weg zurück in den Alltag brauchen. Ziel sei es, Schritt für Schritt Vertrauen, Tagesrhythmus und Anschluss aufzubauen.
Verhalten ist oft eine Botschaft
Auch auffälliges Verhalten wurde angesprochen. Gerade in albanischen Familien hat gutes Benehmen einen hohen Stellenwert. Kinder hören oft: „Benimm dich“, „Mach das nicht“, „So verhält man sich nicht.“
Taulant Lulaj zeigte dazu eine andere Perspektive: Hinter Verhalten stehen oft Gefühle, Überforderung oder fehlende Worte. Ein Kind, das laut wird, ist nicht automatisch respektlos. Manchmal zeigt es mit seinem Verhalten, dass etwas nicht stimmt.
Für die Begleitung von Kindern bedeute das: zuerst Beziehung und Sicherheit herstellen, dann gemeinsam verstehen, was passiert ist.
ADHS und Autismus verständlich erklärt
Beim Thema ADHS ging es auch um die heutige Lebenswelt von Kindern. Früher hatten Kinder im Alltag oft mehr Bewegung. Heute wird von ihnen erwartet, schon am Morgen mehrere Stunden stillzusitzen und konzentriert zu bleiben. Für Kinder mit viel Energie oder Aufmerksamkeitsproblemen kann das besonders schwierig sein.
Editë Krasniqi erklärte zudem Autismus in einfachen Worten. Autismus könne soziale Situationen erschweren. Smalltalk, Humor, Sarkasmus oder Gesichtsausdrücke seien für betroffene Menschen oft schwer zu deuten. Gleichzeitig gebe es auch Stärken: Detailblick, besondere Interessen und ein starkes Bedürfnis nach Struktur.
Je klarer und vorhersehbarer der Alltag sei, desto weniger Stress entstehe für viele autistische Kinder.
Austausch beim Apéro
Auch der Apéro wurde für einen regen Austausch genutzt. Neben den Gesprächen stellten sich verschiedene Institutionen vor, darunter Pro Infirmis Zürich, der Entlastungsdienst und PflegeNextGen. Sie informierten über Unterstützungs-, Betreuungs- und Entlastungsangebote für Familien und Menschen mit besonderen Bedürfnissen.
So wurde der Anlass nicht nur zu einem Informationsabend, sondern auch zu einem Ort der Begegnung und Vernetzung.
Eine Botschaft, die bleibt
Zum Schluss erinnerte Taulant Lulaj daran, dass albanische Familien oft starke familiäre Netzwerke haben. Grosseltern, Verwandte und die Gemeinschaft tragen viel mit. Gleichzeitig sei es wichtig, auch die Unterstützung der Schweizer Fachstellen und Institutionen zu nutzen.
Denn Hilfe zu suchen ist keine Schwäche. Es ist ein Schritt für das Kind.
Der Autor des Artikels: Dritero Gjukaj
Der Fotograf: Gent Mersinaj
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