Meinungen

Die Erbauer der Schweiz

Als ich in die Schweiz kam, war ich eines Tages unterwegs mit Bekannten und wir kamen an eine grosse Baustelle. Einer meiner Begleiter drehte sich zu mir um und sagte: „Pass auf, wenn ich jetzt laut auf Albanisch grüsse, bekomme ich bestimmt eine Antwort in unserer Sprache.“ Und genau so war es. Mehrere Arbeiter antworteten mit erkennbarer Begeisterung auf unsere Grüsse in Albanisch.

In den westlichen Ländern, und besonders in der Schweiz, ist und bleibt der Bau einer der wichtigsten Beschäftigungssektoren für die Diaspora albanischer wie auch allgemein balkanischer Herkunft. In der Schweiz angekommen, suchten sich sehr viele dieser Landsleute eine Arbeit auf den Schweizer Baustellen. Tatsächlich hatten sie, von denen die wenigsten eine Ausbildung hatten, in diesem Bereich und im Schweiss ihres Angesichts am meisten Chancen, eine gewisse berufliche Stabilität zu finden. Die meisten dieser Männer, aus der ersten Generation, arbeiteten immer weiter in diesem Sektor, und trugen so zu dessen Entwicklung bei.

Der Bausektor reagiert sehr empfindlich auf die wirtschaftliche Konjunktur. Dabei muss man wissen, dass die schweizerische und die deutsche Wirtschaft sich schon seit Jahren im Wachstum befinden und sich dieser Sektor enorm stark entwickelt hat. Parallel dazu änderte ein Teil seiner Beschäftigten nach und nach ihren Status als Angestellte und wurde immer mehr zu Arbeitgebern von kleineren und mittleren Unternehmen. Diese Entwicklung verstärkte die unternehmerische Präsenz der Albaner.

Einige unter ihnen, wie die Gebrüder Orllati, oder auch die Gebrüder Viça, Lika, etc. wurden zu grossen gewichtigen Unternehmern in ihren jeweiligen Regionen. Zurzeit gibt es mehrere hundert kleine, mittlere und grosse Unternehmen in der Schweiz, in Deutschland und in andern europäischen Ländern, deren Gründer oder Besitzer albanischer Herkunft sind. Trotz der Tatsache, dass einige kleine Unternehmen die Kollektivabkommen und die Rechte ihrer Angestellten nicht beachten, geht der Erfolg der albanischen Firmen vor allem auf die Initiativen von Brüdern und Familien zurück, wo stark ausgeprägte Auffassungen von Solidarität und gegenseitiger Opferbereitschaft sowie tiefes Vertrauen herrschen. Insbesondere sind es ihre offensichtlich grosse Motivation und Flexibilität, die es diesen Unternehmen ermöglichten, erfolgreich in einem wettbewerbsbestimmten Markt vorzudringen. Nicht selten fällt der Blick denn auch auf Inserate solcher Diasporafirmen etwa der Art: „Für Sie da, 7 Tage die Woche, 24  Stunden am Tag.“

Dank ihres Wachstums und ihrer Expansion sind einige dieser Unternehmen an Bauprojekten beteiligt, die technische Kompetenzen in Architektur oder Ingenieurwesen auf hohem Niveau erfordern, besonders in Ländern wie der Schweiz, wo Qualitätskriterien und –normen sehr hoch sind. Diese Kompetenzen sowie die Erfahrungen, die sich die Bauleute der albanischsprachigen Diaspora angeeignet haben, könnten auch in den Dienst ihrer Herkunftsländer, die sich im (Wieder-)aufbau befinden, gestellt werden,.

Es wäre nur logisch, den grossen albanoschweizerischen Bauunternehmen die Türen zu öffnen, damit sie ebenfalls und einfach auf den öffentlichen Märkten für die grossen Infrastrukturprojekte Kosovas, Makedoniens, Albaniens und anderer Länder konkurrieren könnten. Anstatt Unternehmen zu bereichern, die von anderswoher kommen und die die auf den Baustellen des Balkans erwirtschafteten Milliarden in ihr eigenes Land transferieren, wäre es um vieles vernünftiger und logischer, wenn grosse albanoschweizerische Unternehmen in den Bausektor dieser Länder miteinbezogen würden. Sie leisteten mit Sicherheit eine Arbeit von besserer Qualität als der derzeitigen. Sie könnten auch ihr Savoir-faire weitergeben und ihre Aktivitäten mittel- und längerfristig auf andere Projekte ausweiten. Obwohl diese Idee naiv erscheinen mag, angesichts auch der Intransparenz auf den öffentlichen Märkten in den Ländern dieser Region, sollten die Bauleute der Diaspora besser unter sich zusammenarbeiten, um mehr politisches Lobbying zu betreiben, damit sie auch auf diesem Markt Zutritt erhalten.

In diesem Themenheft hat Albinfo.ch für Sie Analysen, Beobachtungen und Portraits zusammengetragen und zeigt an Beispielen die Vielfalt kleiner, mittlerer und grosser Unternehmen der albanischsprachigen Diaspora, die die Schweiz bauen und die sich nach und nach zu respektablen wirtschaftlichen Akteuren in diesem Land mausern.

Dr. Bashkim Iseni, Leiter der Plattform Albinfo.ch

 


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