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Schweizer Jihad-Kandidaten: eine beunruhigende Entwicklung

Albinfo.ch: in den letzten Wochen haben wir von mehreren jungen Menschen mit Wurzeln aus dem Balkan gehört und gelesen, die sich dem Heiligen Krieg angeschlossen haben. Kann man die Ausbreitung dieses Phänomens einschätzen?

J.-P.-Roullier: Unabhängig offizieller Angaben und Zahlen, es ist äusserst schwierig einzuschätzen, wie verbreitet dieses Phänomen ist. Offizielle Stellen gehen davon aus, dass es 70 Personen aus der Schweiz dem Jihad angeschlossen haben. Doch diese Zahl scheint eher klein, wenn wir es mit den Zahlen vergleichen, die wir beispielsweise aus Frankreich kennen. Doch wenn wir uns viel zu sehr auf die Zahlen konzentrieren, können wir das eigentliche Problem aus den Augen verlieren. Für mich ist die Tatsache besorgniserregend, dass die Zahl der Jihadisten sehr schnell sehr stark zugenommen hat. Im November 2013 meldeten offizelle Stellen, dass es keine Fälle von Jihad-Reisenden nach Syrien aus der  Schweiz gibt. Anfang 2014 wussten die Behörden von 10 Personen, die nach Syrien gereist waren. Und wir wissen, dass es heute über 50 Personen aus der Schweiz zum Käpfen nach Syrien gereist sind. Für die Schweiz ist nicht unbedingt die Anzahl der Reisenden wichtig, sondern die Gescheindigkeit, mit der dieser Zahl in weniger als zwei Jahren gestiegen ist.

Albinfo.ch: Was sind das für Personen, die nach Syrien gehen? Gibt es eine dominierende Tendenz ihrer Herkunft, beispielsweise aus dem Balkan (Kosova, Bosnien, Mazedonien, Serbien)? Wenn ja, woran liegt das?
 
J.-P-Roullier: Von dem, was wir bisher wissen, können wir nicht davon sprechen, dass die Jihad-Reisenden aus der Schweiz tendentiell ursprünglich aus dem Balkan kommen. Statistisch gesehen, ist diese Zahl klein und somit eher nicht entscheidend bezüglich der Frage der ursprünglichen Heimat der Jihad-Reisenden. Auch wenn die von Zentrum entwickelten Erklärungsmodelle viele Zugehörigkeitsparamenter enthalten, müssen diese noch verfeinert werden.

Albinfo.ch: Gibt es ein typisches Profil der jungen Menschen?

J.-P- Rouiller: Wir können nicht über ein typisches Profil sprechen. Doch es gibt einige gemeinsame Nenner. Die Mehrheit der jungen Menschen, die sich dem Jihad anschliessen, machen eine Phase der Revolte durch, typischerweise nach einer erfolgreichen Zeit (in der Schule und Universität, im Beruf oder im Sport). Dann gibt es eine Phase der Annäherung an die Religion, eine Art religiöse Wiedergeburt. Wir müssen verstehen, dass wir es mit einem sehr komplexen System zu tun haben und nicht mit einfachen Netzwerken.

Albinfo.ch: Wie kann man die Tatsache erklären, dass junge Menschen sich dieser neo-salafistischen Bewegung anschliessen, die aus muslimischen Familien aus dem Balkan kommen, die traditionell sehr tolerant bezüglich Religion sind?

J.-P- Roullier: Es gibt sicher keine einfache Antwort auf diese Frage. Ein wesentliches Element, das wir bei allen Kandidaten für eine Jihad-Reise feststellen, ist, die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit, ohne Kompromisse. Der Neo-Salafismus bietet diese Interpretation. Doch sie ist sehr weit von dem entfernt, was die muslimischen Familien aus dem Balkan schützen und ausleben.

Albinfo.ch: Welche ist die konventionelle Methode der Rekrutierung der jungen Menschen in der Schweiz. Gibt es Verbindungen zu den undurchsichtigen Aktivitäten von jihadistischen Netzwerken auf dem Balkan?

J.-P-Roullier: Es gibt nicht eine sondern mehrere Methoden der Rekrutierung und sie werden seit Jahren getestet. Es gibt eine Kombination von Techniken der Rekrutierung. Die Rekrutierung kann virtuell in sozialen Netzwerken beginnen und durch reale Kontakte verstärkt werden, wenn die Zielpersonen in Kontakt mit den ideologischen Mentoren treten. In fast allen Fällen ist das Ziel, dass die Zielperson isoliert wird, damit sie eine “neue Richtung” in ihrem Leben beginnt. Man versucht die Person von ihrer Einzigartigkeit zu überzeugen, mit dem Endziel, dass die Person in das islamische Land auswandert. Dies ist eine schnelle Skizze, doch hiermit kann man fast alle Rekrutierungen in der Schweiz und in Europa erklären. Und ja, die Mehrheit der Personen mit Wurzeln auf dem Balkan, die für den IS kämpfen, haben Kontakte zu aktiven jihadistischen Gruppierungen auf dem Ballkan.

Albinfo.ch: Sind Jihad-Rückkehrer gefährlich?

J.-P- Rouiller: Es kommt ganz auf die Einzelperson an. Doch ehemalige Jihad-Kämpfer kommen mit ihren Erfahrungen zurück. Sie haben in den Kampfgebieten Kontatke geknüpft, die zum Zeitpunkt der Rückkehr und danach noch aktiv sind. Sie haben das Image des Jihad-Rückkehrer. Diese Faktoren können dazu führen, dass diese Personen in gewissen Kreisen zu Ikonen werden und somit Rekrutierer oder aber auch Prädiger.

Albinfo.ch: Was können Familien oder religiöse Organisationen in der Schweiz tun, um junge Menschen mit Wurzeln aus dem Balkan daran zu hindern, dass sie sich dem Jihad anschliessen?

J.-P-Rouiller: Familien, religiöse Organisationen und Vereine können eine wichtige Rolle in dieser Hinsicht spielen. Sie müssen immer wachsam sein. Man darf nicht den Fehler machen, dass man plötzliche Veränderungen im Verhalten von jungen Menschen in der Gemeinde nicht ernst nimmt.

Albinfo.ch: Wenn Eltern unerklärliche Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder beobachten, wo können sie Hilfe finden?

J.-P- Rouiller: In der Schweiz gibt es diesbezüglich leider keine Hot-Line für die Betroffenen. Ich schlage den Betroffenen deshalb  vor, das Gespräch innerhalb der Gemeinde zu suchen. Man kann auch politische Strukturen kontaktieren. Wenn dies nichts bringt, kann man strengere Optionen in Betracht ziehen.

rouiller

Jean-Paul Rouiller

Geboren in Saint-Maurice. Er studierte Internationale Beziehungen in Genf. Er is Gründer der ersten Antiterror-Einheit der Schweizer Polizei. Er war Analyst beim Nachrichtendienst. Im Jahr 2000 wird er Berater des Koordinators der Schweizer Nachrichtendienste, Jacques Pitteloud.

Jean-Paul Rouiller ist Gründer und Leidter des Geneva Centre for Training and Analysis of Terorism (GCTAT).

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