Integration

Die Schweiz ist führend in der Ausbildung von Berufskaderleuten, das Potential von Migranten anerkennt sie jedoch nicht genügend

Unter den Podiumsteilnehmern, darunter Walter Leimgruber, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen (EKM) und Professor für Europäische Ethnologie an der Universität Basel, und Jean-Pascal Lüthi, Chef der Abteilung Berufliche Grundbildung und Maturitäten, Sekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), fand eine praxisbezogene Diskussion über das Verhältnis zwischen dem Potential, das die Migranten mitbringen, und den Möglichkeiten in der Berufsbildung, die ihnen der Staat bietet, statt.

Nebst Amalia Zurkirchen, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiterin des Bereichs Bildung beim Kaufmännischen Verband, nahm an der Podiumsdiskussion auch Claudio Bolzman, Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit in Genf, teil.

Ein konkretes Beispiel für die Kombination des Potentials eines Migranten und der von der Schweiz angebotenen Berufsbildung war der ebenfalls an der Konferenz teilnehmende Direktor des Schweizer Uhrenunternehmens Efteor SA, Leonis Tafaj.

Im gemischten Publikum sassen unter anderem die Vertreter der kosovarischen Botschaft, Diasporaminister Valon Murati und manche Persönlichkeiten aus dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Schweiz.

Über die Migrationsbevölkerungsgruppe aus dem Balkan urteilte das französisch- und deutschsprachige Podium, sie sei auf gutem Weg zur Integration in die Schweizer Gesellschaft. Doch der Weg zu einer erfolgreichen Integration ist nicht der gleiche für alle Migrantinnen. So sei für die Italiener die Sprachbarriere die grösste Herausforderung auf ihrem Weg zur Integration in die Schweizer Gesellschaft gewesen. Die Menschen aus dem Balkan hätten sich nebst der Sprachbarriere auch mit kulturellen Unterschieden konfrontiert gesehen. Den Migrantinnen und Migranten aus Eritrea hingegen fehlten Grundvoraussetzungen, die es brauche, um das hiesige Leben zu verstehen, so dass es einen langandauernden Prozess brauche, bis sie sich zurechtfänden.

„Wir riefen Arbeitskräfte, doch es kamen Menschen“

Der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen, Walter Leimgruber, schälte zwei wichtige Diskussionspunkte heraus: Einerseits zitierte er die Worte Max Frisch’s: “Wir riefen Arbeitskräfte, doch es kamen Menschen,” und sprach vom menschlichen Potential, das nicht allein auf den Arbeitsmarkt beschränkt werden kann.

Wir brachten Menschen, weil wir sie brauchten, beziehungsweise brachten wir sie für unsere Wirtschaft und wir nutzten automatisch auch ihr Potential, sagte Leimgruber weiter, und hier betonte er als zweiten wichtigen Punkt den Bedarf des Landes an Arbeitskräften.

„In den kommenden Jahren werden wir jedes Jahr zehntausende pensionierte Menschen mehr, und auf der anderen Seite immer weniger Junge, die in den Arbeitsmarkt eintreten werden, haben.“ Das stellt uns alle vor eine enorme Herausforderung, und die einfachste Antwort darauf wäre natürlich eine Zunahme der Einwanderung. Doch wir wissen alle, dass dies politisch vehement abgelehnt wird. Obwohl, laut Leimgruber, auch die Einschätzung vertreten wird, dass die Migration in Europa sich vervierfachen sollte, mit anderen Worten Bedarf an Arbeitskräften bestehe.

Politisch sei dies nicht einfach zu realisieren, sagte er. Deshalb braucht es Alternativen mit den Menschen, die schon in diesem Land leben. Unabhängig ob Schweizer oder Ausländerinnen müssen sie sich im Arbeitsmarkt, in der Gesellschaft und in allen anderen Bereichen noch besser integrieren, um möglichst lange Zeit aktiv im Arbeitsmarkt zu sein.

Leimgruber äusserte sich unter anderem zum ergänzenden Unterricht für Kinder aus migrierten Familien: „Diese ergänzende Massnahme schlugen wir mehrmals als Beitrag für eine erleichterte Integration, um die Erstsprache besser und fliessender zu lernen, vor.“

Ihre Ansicht bezüglich der Berufsbildung äusserte auch Amalia Zurkirchen, Bildungsverantwortliche und Mitglied der Geschäftsleitung des Kaufmännischen Verbands. Sie forderte, es gelte sich dort einzusetzen, wo ein Zugang bestehe, dort wo die Botschaft ankomme. Auch sie hält den ergänzenden Unterricht für Kinder fremdsprachiger Herkunft für notwendig.

Zurkirchen: Uns ist das Potential jener bekannt, die mit einem Diplom in der Tasche hierherkommen

Der Zugang über die Sprache würde laut ihr dazu dienen, einfacher in Kontakt mit den Eltern der Kinder zu kommen. Hier können die Migrantenvereine eine wichtige Rolle spielen.

Wie Amalia Zurkirchen weiter sagte, sei früher von den Ressourcen der Migrantinnen die Rede gewesen, heute jedoch sei die Rede vom „Potential der Migranten“. Dieses Potential  sei bekannt im Falle von Personen, die mit einem Diplom in der Tasche in die Schweiz kommen, betonte sie. Doch schwieriger sei es, wenn Menschen ohne Diplom kommen, deren Potential wir nicht kennen. Hier brauche es mehr Engagement.

Das Berufsbildungssystem, das die Schweiz praktiziert, unterscheidet sich von jenem Italiens und anderer Länder. Über die Berufsbildung erhalten die Migranten viel bessere Möglichkeiten im Arbeitsmarkt und die Schweiz gilt als führend in den Möglichkeiten  der Berufsbildung. Eine schnelle Integration der Ausländer in der Schweiz, sagte sie, hänge auch eng von den jeweiligen Herkunftsländern der Emigrantinnen, dem bereits vorhandenen Bildungsniveau, kulturellen Ähnlichkeiten und sozialen Bedingungen ab.

Bolzman: Den Arbeitgebern ist das Potential an qualifizierten Arbeitskräften unter den Migranten nicht bekannt

Das Potential der Migrantinnen wird erst dann interessant, wenn das Aufnahmeland es als eine nutzbare Quelle erkennt, erklärte Claudio Bolzman.

Der Professor aus Genf sagte, es gelte zwischen den beruflich qualifizierten Migranten, die mit einem Arbeitsvertrag in die Schweiz kommen, und jenen Migranten, die aus einem anderen Grund wie Heirat, politisches Asyl oder wirtschaftlichen Gründen kommen, zu unterscheiden.

Die Fähigkeiten der Migrantinnen, die mit einem Arbeitsvertrag in die Schweiz kommen, würden eher gut erkannt und auch recht gut genutzt, sagte er. Doch geschieht laut ihm das Gegenteil mit beruflich qualifizierten Migranten, die aus andern Gründern wie etwa den obenerwähnten kommen.

“Tatsächlich werden die Emigranten der zweiten Gruppe vernachlässigt, ihre beruflichen Fähigkeiten werden vom Aufnahmeland nicht richtig genutzt.” Weiter erklärte er, dass die Hälfte der beruflich qualifizierten Migrantinnen der zweiten Kategorie angehörten. Das zeigt, dass wir es wirklich mit einem “Braindrain” zu tun haben. Zu diesem Phänomen gehören auch die Fälle von ausländischen Studenten, die in der Schweiz ausgebildet werden, aber nicht hier bleiben können. Sie haben nicht mehr als sechs Monate Zeit, um eine Arbeit zu finden, sonst müssen sie das Land verlassen. Es zeigt sich, dass in solchen Fällen andere europäische Länder von diesen Studentinnen profitieren.

Damit dies nicht geschähe, forderte Bolzman mehr Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern, denn laut ihm herrscht ein Informationsmangel bei den Arbeitgeberinnen bezüglich der beruflichen Fähigkeiten der Migranten. “Sie kennen das in der Schweiz vorhandene Potential an beruflich qualifizierten Arbeitskräften nicht”, sagte Professor Bolzman.

Die Schweiz muss Massnahmen ergreifen, um die Kompetenzen von Migrantinnen und Migranten besser zu schätzen und zu nutzen.

“Damit dieses Potential wirklich vollständig genutzt werden kann, sollten die Behörden unter anderem echte Anstrengungen bei der Information der Eltern ausländischer Herkunft, beim Ausbau von Äquivalenzverfahren, bei den Möglichkeiten für Zusatzausbildungen, wie auch bei der Erweiterung der Beschäftigungsmöglichkeiten machen.“

Lüthi: Es gibt noch viel ungenutztes Potential

Jean-Pascal Lüthi, Chef der Abteilung Berufsbildung und Maturitäten des Sekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), betont, man befasse sich ernsthaft mit dem Anliegen der Stärkung der Berufsmittelschulen. Laut Lüthi gibt es noch viel Potential, das nicht genutzt wird. Ausserdem sei klar, dass das Modell des klassischen Gymnasiums ein zurückgehendes Modell sei. Zur Zeit fänden Forschungen statt, die auf die Schaffung neuer Ausbildungsmodelle fokussierten.

In diesem Sinn stehe viel Arbeit zur Verbesserung der Informations- und Kommunikationskanäle bevor. Einige Projekte und Programme werden bereits entwickelt, sie finden sich auf der Webseite des SBFI, zu den Themen Unterricht, Stärkung der Karriereberatung, aber auch  Integrationsprojekte wie „Match prof“. Alle diese Massnahmen sollen Bildung und Integration stärken. Mit andern Worten geht es darum, die Jungen besser und schneller in den Bildungsbereich zu integrieren.

Der albanische Direktor der Uhrenfirma Efteor: „Entweder hat jemand Potential oder er hat es nicht.“

Die Moderatorin der Konferenz, die Journalistin und  Deutschschweizkorrespondentin von Radio Télévision Suisse (RTS) Anne Fournier, schilderte den Anwesenden die Erfahrungen des albanischen Geschäftsmannes Leonis Tafaj, der den Weg der Berufsausbildung gegangen war. Podiumsteilnehmer Tafaj, Direktor der Firma Efteor SA, zeigte die zahlreichen Möglichkeiten, die die Berufsbildung in der Schweiz bietet, von der üblichen Lehre bis zu den höchsten Ausbildungsniveaus. Die Unterschiede bestehen hier lediglich in einem längeren oder kürzeren Bildungsweg, den die Betreffenden gehen beziehungsweise gehen können. Tafaj brachte es über die verschiedenen Stufen seiner Ausbildung zu einem Namen in der konkurrenzstärksten Schweizer Industrie, dem Design und der Produktion von Armbanduhren.

Bezüglich des Begriffs „Potential“ hatte er eine andere Auffassung als die anderen Podiumsteilnehmer. „Potential hat jemand oder nicht“, sagte er. Um den Begriff des Potentials zu ergänzen, machte er einen Vergleich zwischen der Schweiz und Syrien oder dem Irak. „Wir haben eine sehr entwickelte Technologie, doch in der Handarbeit haben wir noch viel zu lernen. Die Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak haben ein grosses Potential in der Handarbeit“, meinte Tafaj, in dessen Uhrenbranche nebst der Technologie auch die Beherrschung von Handarbeit sehr wichtig ist.


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