Albanien jenseits des Meeres

Komm und erlebe deine Legende 

Auf den Spuren des Geheimnisses der Nordalbanischen Alpen, der Welt der Heldenlegenden: Von der Kulla e Ngujimit* zu den Gasthäusern von Theth und weiter Richtung Süden 

Wir sind in Theth. In der vierhundertjährigen Kulla e Ngujimit. Sokol Koçeku, ihr Erbe, heisst uns willkommen. Von der Taille an mit der Volkstracht aus schwarzroter Weste, weisser Schärpe und dem Filzhut des Dukagjin bekleidet, in Kombination mit zeitgenössischen Kleidungsstücken, beginnt der elegante Bergbewohner von etwas über 40 Jahren von der Kulla e Ngujimit, dem Wohnturm der Belagerung zu erzählen.

“Kulla e Ngujimit”* , Theth 

Drei Jahrhunderte im Dienst der Versöhnung von Blutfehden

Die Kulla der Belagerung stand dreihundert Jahre lang im Dienst der Versöhnung von Blutfehden. Seit einem Jahrhundert ist dies nun vorbei, weil der Kanun des Lek Dukagjini nicht mehr existiert. „Nun fragen Sie sich, weshalb sie Kulla der Belagerung und nicht Kulla der Versöhnung heisst. Weil sich nicht alle versöhnten, die sie betraten. Es war wie ein Gericht, weder wurde allen vergeben, noch wurden alle verurteilt“, berichtet Sokol.

Beim Abstieg von der Kulla begegnen wir einer langen Reihe ausländischer Touristen, die darauf warten, diese zu besichtigen und Sokol zuzuhören, während am Ausgang des Hofes Maria, seine dreizehnjährige Tochter, wartet, die jede Saison, kaum beginnen die Schulferien, von Shkodra herkommt und ihrem Vater hilft.

Theth ist 180 Kilometer von Tirana entfernt. Von diesen sind 132 asphaltiert und die letzten 18 off road. Es empfiehlt sich daher nicht, den Weg nach Theth in einem tiefliegenden Auto zu machen.

Theth liegt am Rand des Shalatales, inmitten eines Felsmassivs von 2400 Quadratkilometern Ausdehnung. Es wird von den zwölf höchsten Gipfeln Albaniens umgeben. Beinahe zwei Drittel des Parks sind von Wald bedeckt. Es ist ein idealer Ort für Alpinisten.

Panorama von Theth

Zwei Strassen führen nach Theth. Eine von Shkodra nach Koplik e Razmë, die andere durch das Shalatal. Beide Strassen sind gleich lang, rund neunzig Kilometer von Shkodra.  Wir nehmen die 86 km lange Strasse von Shkodra. Nachdem wir die Nationalstrasse Shkodra – Han i Hotit hinter uns gelassen haben, beginnen wir in der Gegend von Koplik den insgesamt 45 km langen Aufstieg in Richtung Berge. Mit der Zeit beginnt sich das Landschaftsbild zu verändern, die Hügel und Ebenen machen Bergketten Platz, die je näher umso gewaltiger erscheinen und den Reisenden einen grossartigen Anblick darbieten. Theth ist 600 – 900 m über Meereshöhe. Durch den Ort fliesst die Shala, die am Gipfel der Radohima entspringt und sich in den See von Koman ergiesst.

80-jähriges Paar beim Wandern

Mit uns ist auch ein altes Ehepaar um die 80. Grossvater Biraçi und Mutter Refiko, die danach mit beeindruckendem Mut den Aufstieg zum Wasserfall von Grunas und am nächsten Tag zum Syri i Kaltër machen werden. Wie Grossvater Biraçi, von Beruf Agronom, sagt, hätten die Alpen Spitzen und Felskuppen, der Korap jedoch Distinen. Hier beginnt das Abenteuer: Die letzten 18 Kilometer für den Abstieg ins Tal sind nicht asphaltiert, sondern off road, aber mit Schotter bedeckt. Für wenig Abenteuerlustige ist das die schwierigste Strecke.

Theth wurde schon 1923 mit einer Autostrasse erschlossen

In der vor drei Jahrzehnten herausgegebenen Albanischen Enzyklopädie steht: „Theth ist das erste Dorf, das über eine Autostrasse an eine Stadt angeschlossen wurde, bereits 1923.“ Doch wegen fehlender Grundvoraussetzungen leben zurzeit nur 25 Familien ganzjährig in Theth.

Überall in diesen Bergen, die den Namen Bjeshkët e Namura – die verwunschenen Berge – tragen, könnte eine Legende in Stein gehauen sein, die von den Bewohnern über die Jahrhunderte weitergegeben wurde und die in Albanien als das Epos der Helden bekannt ist. Mujë und Halil waren zwei gigantische Brüder gross wie Berge, die die Hochgebirgsweiden gegen Eroberer verteidigten. Die Liebe von Halil, des jüngeren Bruders, wird gleich erzählt wie jene von Paris für Helena. Der Klagegesang von Ajkuna, ihrer Mutter, wie jener von König Priamus für Hektor. Die Shtojzovallen waren Bergfeen, der Helden Musen für Tapferkeit und Lyrik. Sie waren die Götter der Albaner. Viele ausländische Forscher sehen grosse Ähnlichkeiten zwischen dem albanischen Epos und der Ilias von Homer. Wie dem auch sei, dies ist die albanische Ilias, schön und rein. Wenn Sie umgeben sind von all den Bergen, lassen Sie etwas Stille einkehren, und Sie werden spüren, was sich einst ereignete.

Bergbewohner mit Lahuta 

Die Geschichte von Theth und Shala ist verbunden mit jener des illyrischen Stammes der Labeaten. Theth ist erstmals dokumentiert im Registerheft des Sandschaks von Shkodra, im Jahr 1485, unter dem Namen Fusha, und hatte in jener Zeit lediglich sieben grosse Häuser. Coronello ist der Erste, der Theth auf der Karte von 1688 erwähnt, während im Jahr 1916-1917 jener Shtjefën Gjeçovi nach Theth geht, der über das Dorf schreiben und es bekannt machen wird. 1921 besitzt Theth eine vom Amerikanischen Roten Kreuz erbaute Schule und später, 1936, wird die Autostrasse eröffnet, der ein Jahr später die Eröffnung eines Tourismusbüros folgt.

Im Verlauf der Jahre werden ab 1968 einige weitere Tourismuszentren eröffnet und es werden Gebäude, Hotels und viele andere Objekte errichtet, die 35 Jahre lang viele Besucher aus ganz Albanien und Osteuropa empfangen.

Nationalpark seit 1976 

1976 wird Theth zum Nationalpark erklärt. Nach den Veränderungen von1990 funktioniert das Hotel nur teilweise, mit einer Kapazität von 30 Betten, und wird privatisiert. Bis 1997 empfängt das Hotel, das heute Frashnishta – Eschenwald – heisst, viele in- und ausländische Feriengäste, doch mit den Unruhen, die das ganze Land erfassten, wurde auch der Besucherstrom in die touristische Region von Theth unterbrochen.

Der Alpinist Georg Heinshemer erachtete Theth als den geeignetsten Ort für Tourismus im Hochgebirge Nordalbaniens, und verglich es mit den herrlichen Landschaften des Tirols.

Der Weg zum Wasserfall von Grunas vom Zentrum von Theth aus dauert eine Stunde zu Fuss. Bergtaugliche Kleidung ist unbedingt notwendig. Auch wenn unsere Tour eine Wanderung auf Anfängerniveau ist, können die Wege in den Bergen nicht mit beliebigen Schuhen oder Turnschuhen begangen werden. Auf der ganzen Wanderung hören Sie das Wasser murmeln, das Laub rascheln und Sie atmen das frische Aroma der Umgebung ein. Plötzlich zeigt sich der grandiose Wasserfall von Grunas von ca 30 Meter Höhe, auf einer Meereshöhe von 900 m. Der Anblick ist überwältigend. Wir applaudierten Grossvater Biraçi zünftig, der trotz seiner 80 Jahre gutgelaunt bis zum Wasserfall kam, um dessen herrlichen Anblick nicht zu verpassen.

Der Wasserfall von Grunas

2002 wurde der Wasserfall von Grunas zum staatlich geschützten Naturdenkmal erklärt. Mit den umgebenden Felsenkesseln und der Mühle von Blojë bildet er einen der attraktivsten Orte für in-  und ausländische Touristinnen. Interessanterweise entspringt sein Wasser an einem einzigen Felsen und ist Schneewasser.

Fetthaltige Speisen, aber keine Sorge, Sie werden es schnell wegschmelzen! 

Auf dem Rückweg machen wir einen Kaffehalt bei der Bar Jezerca. Dann kehren wir ins Gasthaus zurück, um das Abendessen einzunehmen. Wie auch das Mittagessen, besteht alles aus regionalen Produkten. Mit Käse gefüllte Auberginen, gefüllte Peperoni, Hirtensalat, selbstgebackenes Brot, Buttermilch, Börek, Lammfleisch am Spiess mit Rahm. Es wird mit viel Fett zubereitet, doch seien Sie unbesorgt, letzteres wird umgehend verbrannt in der frischen Luft und beim Wandern in der Natur.

So sieht in Theth eine Tafel mit regionalen Speisen aus 

So kommen Sie zum Syri i Kaltër

Nach dem Frühstück machen wir uns auf zum Syri i Kaltër (Blaues Auge). Im Zentrum von Theth nehmen wir die in der Gegend üblichen Lieferwagen für 500 Lek pro Person hin und zurück (im Preis des Tourismuspakets von 7400 Lek nicht  inbegriffen). Wer will, kann ein Velo zum gleichen Preis mieten.

Wir machen Halt beim Kraftwerk von Ndërlysaj, neben den Ruinen der Schule, und gehen geradeaus weiter am Dorf vorbei beim Pusi i Zi (Schwarzer Brunnen), der vom Lumi i Zi (Schwarzer Fluss) gebildet wird, der von Kaprreja herunterkommt.

Zum Syri i Kaltër steigt man über enge Pfade auf. Der Zugang ist etwas schwieriger als derjenige zum Wasserfall von Grunas. Nähert man sich, sind Schreie zu hören. Die vor uns angekommen sind, sind ins eiskalte Wasser des Wasserfalles gesprungen. Kurz darauf zeigt sich das Syri i Kaltër in seiner ganzen Pracht.

Syri i Kaltër  – das Blaue Auge

Das Syri i Kaltër ist etwas vom Schönsten in ganz Albanien. Es wird vom Lumi i Zi gespiesen, der am Maja e Zezë entspringt.

Der Rückweg ist leichter. Eine kleine Pause machen wir im Dorfzentrum bei der Bar Jezerca. Im Gespräch mit Ardian, dem Besitzer des Lokals, erfahren wir, dass Theth und der ganze Dukagjin (die Alpen) über ein ausserordentlich grosses Tourismuspotential verfügen. Es braucht Investitionen, vor allem in Energie und Infrastruktur. 2017 haben  Theth 84‘000 Touristen besucht. 42‘000 aus dem Ausland. In Theth gibt es 52 Gasthäuser und drei Campingplätze.

Korab

Bergwandern: Mutter Ladi erklimmt die höchsten Gipfel des Balkans

Lavdije Sulo, 58, Mutter Ladi genannt, erklimmt seit fünf Jahren die höchsten Gipfel Albaniens und des Balkans. In fünf Jahren hat sie 70% der albanischen Berge und drei weitere Berge im Balkan bestiegen. Vor einer Woche war sie in Vërmosh, dessen Schönheit sie ausserordentlich beeindruckt hat. Unberührt, mit mehrhundertjährigen Bäumen, Wald bis auf 1800-2000 m, und darüber dehnen sich endlose Wiesen aus. „Ich war in ganz Albanien, aber Vërmosh war ungewöhnlich schön. Die albanischen Alpen sind schöner als jene des übrigen Balkans. Sie sind rau, schwierig. Sie sehen überwältigend aus. Der Musallaja etwa gilt als höchster Berg, doch er ist nicht schön. Der Olymp ist schwierig, die Jezerca ist schwierig. Der Korab ist unser höchster Berg, doch ist er nicht schwierig. Auch mein sechsjähriger Enkel hat ihn erklommen. Aber er ist grossartig, sehr schön.“

 

Bergwandern in den albanischen Alpen

Doch zurück bleiben noch immer das Geheimnis der Alpen und die Bergfeen, die deinen Namen flüstern, wenn das Eschenlaub raschelt. Komm wieder, rufen sie dir zu, wie einst die Sirenen Odysseus, komm und erzähl deine Legende.

*Alb. kulla: steinerner Wohnturm. Kulla e Ngujimit: die Kulla der Belagerung

(Photos: Fation Plaku)

 

 

 

 


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