Leben in der Schweiz

Pirmin Müller, der Brückenbauer der SVP

«Mittlerweile treffe ich auch in meiner Partei vermehrt Kosovaren. Diese sehen ihre Zukunft in der Schweiz und wollen sie mitgestalten»

«Heute hat sich der Ruf der Albaner wieder verbessert. Denn die meisten Kosovaren sind fleissig und haben sich gesellschaftlich und beruflich integriert. Dieser Prozess ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber auf gutem Weg», sagt Pirmin Müller, Kantonsrat von Luzern in einem Interview mit albinfo.ch. Müller reiste kürzlich nach Kosovo und kehrte mit guten Erfahrungen zurück.

albinfo.ch: Was für eine Meinung hatten Sie über Kosovoalbaner bevor Sie nach Kosovo reisten?

Pirmin Müller: Als Katholik habe ich im Grundsatz immer eine gute Meinung von allen Menschen, bis ich vom Gegenteil überzeugt werde. Was die Kosovaren allgemein angeht: Ich kam seit meiner Kindheit mit ihnen in Kontakt. Mein Vater stellte in seiner Firma etliche Kosovaren ein. Ich bin darum mit ihnen aufgewachsen und kenne die Mentalität. Wir pflegen bis heute noch punktuellen und guten Kontakt zu unseren ehemaligen Angestellten.

Kosovaren haben in der Schweiz einen schweren Stand. Ist es Ihrer Meinung nach besser geworden oder hat sie die hiesige Öffentlichkeit früher nicht richtig eingeschätzt?

Als Kosovaren als Saisoniers in die Schweiz kamen, hatten sie einen sehr guten Ruf. Denn fielen durch grossen Fleiss und Leistungsbereitschaft auf. Als dann der Krieg anfing und sehr viele Kosovaren als Flüchtlinge einwanderten, änderte sich dieses Bild. Das fiel auch unseren ehemaligen Angestellten auf. Sie haben sich bei mir als Jugendlichen mehrmals beklagt, dass einzelne Flüchtlinge ihren guten Ruf ruinieren. Das widerspiegelte sich auch in Medienartikel, in denen über Raser oder Gewalttaten berichtet wurden.

Heute hat sich der Ruf wieder verbessert. Denn die meisten Kosovaren sind fleissig und haben sich gesellschaftlich und beruflich integriert. Dieser Prozess ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber auf gutem Weg. Mittlerweile treffe ich auch in meiner Partei vermehrt Kosovaren. Diese sehen ihre Zukunft in der Schweiz und wollen sie mitgestalten.

Ich würde mir wünschen, dass Kosovaren in der Schweiz mehr Verantwortung übernehmen. Ein Beispiel: Wenn mein Vater einen neuen Mitarbeiter suchte, dann haben die Albaner schnell einen Verwandten oder Bekannten aus dem Dorf empfohlen. Wenn diese dann die Arbeitsleistung nicht brachten oder negativ auffielen, wurden sie sofort diszipliniert. Denn der Ruf desjenigen, der ihn empfohlen hat, stand auf dem Spiel. Wenn sich nun einzelne Kosovaren in der Schweiz schlecht benehmen, dann sollten die gut integrierten Albaner sich klar und deutlich dazu äussern und sagen, dass ein solches Verhalten nicht geht. Das würde von den Schweizern sehr positiv aufgenommen.

Hat die SVP vor etwa 17 Jahren mit dem Plakat «Kosovoalbaner Nein», sozusagen ihre «kosovokritische» Haltung statuiert? 

Auf dem Plakat stand übrigens: «Kontaktnetz für Kosovo-Albaner. Nein.» Es ist aber schon so, dass die SVP bereits vor 20 Jahren heisse Eisen thematisch angepackt hat. Sie hat sich nicht davor gefürchtet. Und das ist wichtig und richtig! Ein aktuelles Beispiel ist die Diskussion um das Thema Islamismus. Ich selbst habe das Thema bereits 2002 angepackt, die Partei hat es dann national behandelt. Heute sehen wir, dass sich die Bedenken bewahrheitet haben. Es ist wichtig, unsere demokratischen und rechtsstaatlichen Werte zu schützen und notfalls zu verteidigen.

In dem Artikel kann man auch lesen, dass die Kosovoalbaner muslimischen Glaubens, leger bzw. pragmatisch mit ihrer Religion umgehen. Können Sie vielleicht ein paar Beispiele nennen?

Religion ist im Kosovo sicher wichtig, Identitätsstiftend ist aber die Nationalität. Das zeigt sich darin, dass es im Kosovo und Albanien viele multireligiöse Ehen gibt. Die Verwandten meiner Frau stammen aus einem Dorf an der Grenze zu Kosovo/Albanien. Sehr viele Einwohner sind Katholiken. Das Zusammenleben zwischen Katholiken und Muslimen (Dervish) gestaltet sich gut.

Wie würden Sie einem Ihrer Parteikollegen den einfachen und von Vorurteil befreiten Umgang mit den Andersglaubenden erklären, so wie in Kosovo und in Albanien Alltag ist?

Die Schweiz ist ein sehr tolerantes Land und was das Zusammenleben von verschiedenen Religionen und Sprachen angeht, hat sich unser System sehr bewährt. Wir müssen aufpassen, dass unsere Toleranz nicht von Feinden unserer Werte missbraucht wird, um ihre Zwecke durchzusetzen. Was den politischen Islam und den Islamismus angeht, haben wir eine solche Gefahr.

Kosovo ist ein neues Land. Vieles ist dort schiefgegangen, manches auch gut. Sie sind privat dorthin gereist. Aber Sie sind auch dann ein Politiker, wenn Sie reisen. Was haben Sie während diesen Tagen bemerkt: in welche Richtung entwickelt sich der Kosovo und besteht die Chance, dass sich das Land zu einem gut funktionierenden Staat entwickelt?

Das grösste Problem ist die sehr hohe Arbeitslosenquote. Das macht den Menschen extrem zu schaffen. Ihre Träume und Wünsche für die Zukunft enden in einer Sackgasse. Viele sehen ihre Zukunft nur in der Diaspora. Das macht mir Sorgen. Denn auf diesem Weg reisen vor allem junge, intelligente und leistungsfähige Menschen weg. Und genau diese Menschen braucht der Kosovo für eine gute wirtschaftliche Entwicklung. Hier ist die Politik gefordert! Sie sollen für gute Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung einsetzen.

Mir scheint aber, dass sehr viele Politiker am Gängelband von Amerika und der Europäischen Union sind. Etliche der aufgezwungenen Auflagen erschweren eine positive wirtschaftliche Zukunft des Kosovo. Ich bin der Meinung, dass es nicht weniger sondern mehr Selbstbestimmung braucht. Oder wie soll man ein Land bewerten, das nicht einmal demokratisch über eine eigene Flagge oder Hymne bestimmen kann, ohne dass vom Ausland ein Veto eingelegt wird? Als Schweizer würde ich mir dies nicht gefallen lassen, mich politisch engagieren und Verantwortung übernehmen. Das kann ich allen Albanern nur empfehlen.

Was ist Ihnen während der Kosovoreise besonders in Erinnerung geblieben?

Ganz besonders beeindruckt hat es mich, dass Kosovaren in der Schweiz jeden Monat Geld sparen, um ihre Familien im Kosovo unterstützen zu können. Dieser Familienzusammenhalt ist grossartig und ein Vorbild für die Schweiz. Auch die albanische Gastfreundschaft hat mich erfreut. Ein altes albanisches Sprichwort besagt ja: «Du sollst deinen Gast gleich gut oder gar besser als deine Familienmitglieder behandeln.» Genau so wurde ich empfangen. Das ist grossartig!

 

Die Nationalität zählt

Religion ist im Kosovo sicher wichtig, Identitätsstiftend ist aber die Nationalität. Das zeigt sich darin, dass es im Kosovo und Albanien viele multireligiöse Ehen gibt. Die Verwandten meiner Frau stammen aus einem Dorf an der Grenze zu Kosovo/Albanien. Sehr viele Einwohner sind Katholiken. Das Zusammenleben zwischen Katholiken und Muslimen (Dervish) gestaltet sich gut.


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