Kosova

Sie rütteln an den Tabus der kosovarischen Gesellschaft

Feminismus und Homosexualität in Kosovo, darum dreht sich die dokumentarische Webserie Çohu – «Steh auf» von Arzije Asani (24) und Céline Stettler (24). Sie rüttelt auf, erschüttert und berührt. Das grosse Interview mit den Macherinnen

Adelina (links) und Lendi (rechts mit Megafon) gehen in Kosovo für die Rechte von Frauen und der LGBTI-Gemeinschaft auf die Strasse. Foto: Arzije Asani, Céline Stettler

albinfo.ch: Arzije und Céline, Ihr habt eine Webserie über die Genderaktivismus in Kosovo gedreht. Wieso dieses Thema?
Céline: 2018 reisten wir nach Kosovo, um Kurzporträts über Frauen und ihren Alltag zu drehen. Die Resonanz auf den Film war so gross, dass wir beschlossen, mehr daraus zu machen. Für unsere Bachelorarbeit an der ZHdK machten wir also erneut einen Film, beziehungsweise eine dreiteilige Webserie: Çohu

Arzije: Wir haben bereits vor unserer Drehreise für Çohu überdie sozialen Medien mitbekommen, dass es in Kosovo eine aktive feministische und LGBTI-Bewegung gibt. Es interessierte uns, wie das vor Ort wirklich ist. Zudem bin ich selbst ein Stück weit in patriarchalen Strukturen aufgewachsen. Das motivierte mich zusätzlich, das Thema aufzugreifen.

Die Hauptpersonen sind die Feministin Adelina Tërshani und Lendi Mustafa, Transmann und Leader der LGBTI-Community. Wie habt ihr sie kennengelernt?
Arzije: Adelina haben wir bereits bei unserer Reise für die Kurzporträts kennengelernt. Eines Abends nahm sie uns zu einer LGBTI-Underground-Party in Pristina mit. Das war neu für uns, auch für mich mit Wurzlen in Kosovo. An diesem Abend trafen wir auch Lendi. Er war der einzige, der offen mit uns sprechen wollte. Die anderen erzählten gerne von sich, wollten aber anonym bleiben.

Was hattet Ihr für Vorstellungen über die Situation der Frauen und Homosexuellen in Kosovo, bevor ihr Çohu gedreht habt?
Arzije: Als ich die Frauen für unsere Kurzporträts reden hörte, war ich baff und überrascht. Mir war nicht bewusst, dass es so viele Leute gibt, die sich gegen die Unterdrückung von Frauen einsetzen und Sensibilisierungsarbeit leisten. Wenn ich meine Verwandten jeweils in den Sommerferien besuchte, herrschte im Land ohnehin Ausnahmezustand. Gleichzeiting sind sich alle gewohnt, über Themen wie die Rechte von Frauen oder Homoxesualität zu schweigen. Meine Verwandten sind zudem nicht in feministischen oder queeren Gemeinshaften unterwegs, engagieren sich auch nicht für diese Themen. Als ich hörte, wie sich die Frauen gegen ihre Unterdrückung auflehnen, und wie offen unsere Interviewpartnerinnen mit uns darüber sprachen, hat mich das sehr beeindruckt. Und es hat mich darin bestärkt, weiterzumachen, zu filmen, ihr Engagement zu zeigen.

Adelina Tërshani (22) ist Feministin und Aktivistin. Sie erzählt im Film unter anderem darüber, wie die Gesellschaft sie gelehrt hat, sich für ihren weiblichen Körper zu schämen. Heute wehrt sie sich dagegen. Foto: Arzije Asani, Céline Stettler

Auch Adelina und Lendi sprechen in «Çohu » extrem offen über ihre Meinung über die Gesellschaft und auch über sich persönlich. Wie habt ihr das geschafft?
Arzije: Es war nicht ganz einfach, obwohl wir eine sehr enge Verbindung zu Adelina und Lendi hatten. In der ersten Episode ging es ums coming-out und um die Rebellion. Da fiel es Lendi leicht, vor der Kamera darüber zu sprechen. Er trat bereits in vielen Interviews und Reportagen zum Thema auf und war es sich gewohnt, über seine Geschichte zu sprechen – er ist der erste Transmann in Kosovo, der sich geoutet hat.

Bei welchen Themen war es schwieriger?
Arzije: Als wir auf die Probleme in seiner Familie zu sprechen kamen, schienen wir an eine Grenze zu stossen, beziehungsweise er. Dasselbe erlebten wir bei Adelina. Darüber zu sprechen, wie sie sich als Aktivistin engagiert, war normal für sie. Beim Thema Familie kamen wir dann sehr nahe ans Emotionale.

Sehr eindrücklich fand ich, wie Lendi erzählt, wie sich sein Körper während seiner Angleichung von der Frau zum Mann veränderte, und wie der Sex für ihn ist.
Arzije: Darüber vor der Kamera zu sprechen war für Lendi komplett neu. «Ihr seid gemein!», rief er uns zu, zwar im Spass, aber für ihn war es tatsächlich eine Herausforderung. Er sei noch nie mit solchen Fragen konfrontiert gewesen, sagte er uns.

Besteht das nicht die Gefahr, jemanden blosszustellen?
Als Dokumentarfilmerinnen müssen wir uns immer wieder mit ethischen Grundprinzipien auseinandersetzen. Uns war es von Beginn weg wichtig, niemandem zu schaden. Unser Ziel ist es also definitiv nicht, Lendi als Transgendermann blosszustellen. Wir wollten ihm den Raum geben, seine Sicht der Dinge darzulegen und damit auch zu anderen in der Community sprechen. Wir wollten zeigen: So läuft die Transition bei Lendi ab. Sie ist möglich. So kann es auch bei dir laufen.

Wie muss ich mir die Dreharbeiten für Çohu vorstellen?
Céline: Lendi und Adelina haben uns praktisch 24 Stunden in ihrem Alltag mitgenommen, nicht nur zu ihrer Arbeit als AktivistInnen, sondern auch zu ihren Freizeitaktivitäten. Es war eine extrem intensive Zeit. Der Austausch hat auch neben der Kamera stattgefunden.

Lendi Mustafa ist Transmann und spricht in der Webserie berührend ehrlich über seine Sexualiät. Aktuell läuft ein Crowdfunding, um ihm zu helfen, seine Geschlechtsangleichung zu finanzieren. Foto: Arzije Asani, Céline Stettler

Wie seid ihr in die community aufgenommen worden?
Céline: Wir sind extrem herzlich aufgenommen worden.

Arzije: Lendi hat uns vertraut, weil er bereits unseren anderen Film gesehen hat, jenen mit den Frauenporträts, er wusste also, wie wir arbeiten. Wir waren aber auch oft mit seinem Freundeskreis unterwegs. Erst waren die Leute scheu vor der Kamera. Viele sagten, sie wollten nicht gefilmt werden, weil ihre Eltern nicht wüssten, dass sie «mit jemandem wie Lendi» befreundet seien. Nach und nach öffneten sie sich aber immer mehr und trauten sich sogar vor die Kamera.

Gab es Ort, an denen ihr trotz Vertrauen der community, nicht drehen durftet, aus Persönlichkeitsschutz etwa?
Arzije: Es gibt einen Ort, an dem sich Leute aus der queeren Community jeweils nachmittags treffen und austauschen können und wo auch Workshops angeboten werden. Dort mussten wir selbstverständlich Rücksicht nehmen, wenn wir mit der Kamera auftauchten.

Céline: Wir mussten für strikte Anonymität sorgen. Der Treffpunkt ist ein sicherer ruhiger Ort und muss es auch bleiben.

Arzije: Obwohl wir diese den Anwesenden zusicherten, sind einige wieder rausgegangen. Sie fühlten sich nicht sicher.

Sich für die Rechte von Frauen und der LGBTI-Community einzusetzen kann gefährlich sein in Kosovo, ebenso, offen der LGBTI-Gemeinschaft anzugehören. Auch Adelina und Lendi wurden bereits physisch angegriffen und sind psychischer Gewalt ausgesetzt. Seid auch ihr in heikle Situationen geraten?
Céline: Während der Dreharbeiten haben wir einige Vorsichtsmassnahmen getroffen. Social-Media-Posts haben wir aber immer zeitlich verzögert veröffentlicht, zu einem Zeitpunkt, an dem wir beriets nicht mehr an jenem Ort waren, an dem wir uns im Post zeigten. Zum Glück ist nichts passiert.

Arzije: Während des Drehs hatten wir keine Probleme. Jedoch waren wir cat-calling ausgesetzt, anzüglichen Bemerkungen von Männern. Die Männer belästigten uns verbal, als sie sahen, dass wir in der Stadt filmten – zwei Frauen ohne männliche Begleitung. Kaum hatten wir einen männlichen Kollegen dabei, wurde es besser.

Das kenne ich, ist mir in Pristina auch schon passiert. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was sich Lendi und Adelina anhören müssen. Trotzdem wirken sie extrem entschlossen im Film. Gab es auch Momente, wo sie an ihre Grenzen stiesen?
Céline: Die beiden sind stark und glauben an eine bessere Zukunft. Aber natürlich ist jeder Mensch mal müde. Es gab auch Situationen, in denen wir einfach zusammen geschwiegen haben. Etwa dann, wenn sich gerade alles auf gutdeutsch «scheisse» anfühlte und man realisierte, dass man vieles nicht von heute auf morgen ändern kann.

Arzije: Es gibt nicht viele junge Leute in Kosovo, die so durchgehend aktiv und präsent sind wie Lendi und Adelina. Sie arbeiten extrem fokussiert. Wir haben gesehen, wie anstrengend und belastend das sein kann. Eigentlich würde Lendi auch mal gerne jemand anderem den Vortritt lassen, aber es gebe niemand anderen, der so offen wie er sprechen würde, sagte er uns.

Woher nehmen Adelina und Lendi die Energie, trotzdem weiterzumachen?
Arzije: Die Unterstützung der community gibt ihnen Kraft. Sie bekommen viele positive Nachrichten, nebst den negativen. Diese positiven Feedbacks treiben sie an. Adelina hatte durch ihr Engagement so viele Möglichkeiten, ins Ausland zu reisen, über die Situation der Frauen in Kosovo zu berichten und andere Frauen, die im selben Feld tätig sind, zu treffen. Auch das gebe ihr etwas zurück. Doch der Weg, den sie bis dahin machen musste, war hart.


Céline Stettler (links) und Arzije Asani wurden für ihre Webserie mit einem europäischen Medienpreis ausgezeichnet. Für sie eine Chance, die Stimmen von Lendi und Adelina zu einem noch breiteren Publikum zu tragen. Foto: Arzije Asani, Céline Stettler

Ihr habt mit eurem Film selbst ein Stück Aktivismus geschaffen. Wie waren denn die Reaktionen in der Schweiz auf den Film – aus der Diaspora, von Schweizerinnen und Schweizern?
Arzije: Wir kriegten wenig negative Kommentare. Jene zwei oder drei Leute, die sich negativ äusserten, taten dies jedoch direkt über mein persönliches Instagram-Profil, nicht über jenes des Films. Wie ich behaupten könne, dass Kosovo partriarchal sei. Dann wollten sie mir erklären, wie das Land wirklich funktioniert.

Céline: An einem Event, an dem wir unseren Film zeigten, stand jemand auf und fragte, wieso wir nicht etwas Positives von Kosovo, etwa die schöne Landschaft, zeigen würden.

Arzije: Wir sehen das anders. Wie viele andere sagen, sehen wir das Positive in Kosovo in den Menschen. Adelina und Lendi sind für uns das Positive. Nur haben das einige, die den Film gesehen haben, nicht so verstanden. Dass es darüber aber eine Diskussion gab, finden wir allerdings sehr gut und wichtig.

Woher kommt diese teilweise ablehnende Haltung in der Diaspora gegenüber eurem Film?
Céline: Es könnte etwas damit zu tun haben, dass sich Leute aus der kosovarischen Diaspora, anders als Leute aus der Schweiz, in einem doppelten Spannungsfeld befinden. Man möchte sich gegenüber der eigenen Gemeinschaft nicht zu sehr exponieren mit persönlichen Haltungen betreffend Sexualität, Identität oder Rollenbildern. Gleichzeitig fürchten viele, aufgrund ihrer Herkunft als Kosovarinnen und Kosovaren diskriminiert zu werden, unter anderem aufgrund negativer Aspekte wie patriarchalischen Strukturen.

Arzije: Ich kenne das. Auch ich wuchs so auf, dass ich mich stark mit meinem Heimatland identifizierte. Ich erlebte auch, wie es ist, nur darauf reduziert oder wegen der negativen Taten anderer verurteilt zu werden. Davon habe ich mich mittlerweile gelöst.

Wie hat sich das gezeigt?
Arzije: Die Leute aus der Diaspora sind ebenso interessiert am Film wie das Schweizer Publikum. Sie feierten Adelina und Lendi und waren positiv überrascht, dass es solche Menschen in Kosovo gibt. Besondes bewegt hat es uns, als wir sahen, dass Vertreterinnen und Vertreter der LGBT-Gemeinschaft aus der Diaspora an unseren Event kamen. Einige lernten sich so untereinander kennen, konnten in diesem Rahmen sein, wie sie sind und über Dinge sprechen, die sie beschäftigen. Denn obwohl sie hier in der Schweiz leben, sogar hier aufgewachsen sind, gibt es oft Differenzen zwischen ihnen und ihren Eltern. Homosexualität wird in der Diaspora weiterhin oft verpönt.

Adelina und Lendi kommen durch ihr Engagement ab und zu an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Doch die positiven Feedbacks aus der Gemeinschaft motivieren sie, weiterzumachen. Foto: Arzije Asani, Céline Stettler.

Was nehmt ihr für euch persönlich mit vom Film?

Céline: Ich weiss gar nicht, wo anfangen. Das Projekt hat uns so intensiv begleitet.Wir haben sehr viel in sehr kurzer Zeit umgesetzt. Aber die Arbeit hat sich gelohnt. Nun sehen wir: Wir können etwas bewegen.

Arzije: Natürlich haben wir filmisch und dokumentarisch viel gelernt. Aber noch mehr von Lendi und Adelina. Obwohl sie ein Leben in Angst führen, sind sie so positive Menschen, voller Lebensfreude. Das ist ansteckend. Man kann sie sich zum Vorbild nehmen. Sie machen einem Hoffnung. Das hat uns sehr motiviert beim Arbeiten.

Céline: Ja, definitiv. Ihr Mut ist beeindruckend.

Kürzlich wurdet ihr mit dem «Online Media Rising Star»-Preis ausgezeichnet, einem europäischen trimedialen Medienpreis.  Was bedeutet euch das?

Arzije: Wir waren baff und haben uns riesig gefreut. Ich dachte nur: Wow! Jetzt werden Adelinas und Lendis stimme so weit gehört und damit auch geehrt. Das ist wichtig und zeigt, dass es richtig ist, was sie machen. Céline war selbs an der Preisverleihung und näher dabei.

Céline: Vor Ort fand bereits in der Woche zuvor ein internationaler Kongress statt. Die Themen unseres Films wurden intensiv diskutiert, nicht einfach handwerklich, sondern inhaltlich – wie das Thema Emotionen auslöse, dass Adelina und Lendi inspirierende Personen seien. Der Preis ist eine Hommage an die beiden und bringt ihnen international Respekt ein.

Was ist eure Message vor dem nächsten Filmvorführung am Mittwoch am Festival frauenstark in Basel?

Arzije: Wir wollen das Publikum nahe zu den Protagonisten mitnehmen, auf einer freundschaftlichen Ebene. Gerade weil wir wissen, dass Themen wie Homosexualität oder die Unterdrückung von Frauen schnell dafür sorgt, dass viele nicht mehr zuhören wollen. Wir möchten den Raum bieten, Adelina und Lendi einfach mal kennenzulernen, wie Freunde. Was sagen die beiden, wie denken sie? Uns war wichtig, dass die Leute überhaupt einmal hinhören können.

Céline: Genau genommen ist es nicht einfach ein Film. Es ist eine Webserie. Unser Ziel ist, möglichst viele Leute damit zu erreichen. Und wir wollen die Leute dazu anregen, einander generell mehr zuzuhören, egal wer welcher Nationalität angehört.

Arzije: Auch in der Schweiz ist nicht alles pferfekt. Darauf wollen wir nicht mit dem Finger zeigen. Unser Film soll eher eine Motivation sein: Auch hier kann man noch viel erreichen.

Çohu – «Steh auf» im Kino, anschliessend Gespräch mit den Regisseurinnen

Mittwoch, 4.12.2019, 18:30 Uhr, Festival frauenstark, Kult Kino atelier, Theaterstrasse 7, Basel.

Mehr Informationen: http://www.filmfestival-frauenstark.ch/#cohu

Offizielle Homepage von Çohu:

https://cohu-webseries.com/en/

Offizielle Homepage Festival frauenstark:

http://www.filmfestival-frauenstark.ch/index.php

Unabhängig von ihrem Film-Projekt läuft eine Kampagne, um Lendi zu helfen, seine Geschlechtsangleichende Operation zu finanzieren:

https://de.gofundme.com/f/qjtztu


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