DE Balkani
Privileg oder Herausforderung? Eine Generation zwischen Wurzeln und neuen Horizonten
Wenn die Wurzeln albanisch sprechen und die Zukunft in der Schweiz aufgebaut wird, entsteht eine besondere Identität, die Tradition und Gegenwart einer modernen Gesellschaft miteinander verbindet. Anhand persönlicher Erzählungen zeigt dieser Beitrag, wie zwei Kulturen nebeneinander bestehen und gemeinsam eine integrierte, erfolgreiche Generation hervorbringen können.
Im Herzen der albanischen Diaspora in der Schweiz wächst eine Generation heran, die zwischen zwei Welten, zwei kulturellen Prägungen und zwei Zugehörigkeiten lebt. Geboren oder aufgewachsen in einer multikulturellen und hochentwickelten Gesellschaft, ist es vielen jungen Albanerinnen und Albanern gelungen, sich in unterschiedlichen Berufsfeldern erfolgreich zu etablieren. Dabei haben sie sich tief in die Schweizer Gesellschaft integriert, ohne den Bezug zu ihren Wurzeln zu verlieren.
Anhand von zwölf persönlichen Geschichten stellt dieser Beitrag eine zentrale Frage: Ist es eine Herausforderung, gleichzeitig albanisch und schweizerisch zu sein, eine Balance, die immer wieder neu gefunden werden muss? Oder ist es vielmehr ein Privileg, das neue Möglichkeiten eröffnet, den eigenen Horizont erweitert und eine vielschichtigere Identität entstehen lässt?
Wer als Kind von Migrantinnen und Migranten aufgewachsen ist, kennt das Gefühl, „zwischen zwei Welten“ zu leben. Auf der einen Seite stehen Sprache, Werte und Traditionen, die innerhalb der Familie weitergegeben werden. Auf der anderen Seite steht die Gesellschaft, in der man aufwächst und ausgebildet wird, jener Raum, in dem sich Identität Schritt für Schritt formt. Im Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Erfahrungen entsteht eine Generation mit doppelter Zugehörigkeit, die ihre albanische Herkunft mit den kulturellen und gesellschaftlichen Normen des Landes verbindet, in dem sie lebt.
In der Schweiz zeigt sich diese Erfahrung besonders deutlich bei der zweiten Generation der albanischen Diaspora. Viele junge Menschen, die hier geboren wurden oder aufgewachsen sind, haben sich erfolgreich in das Bildungs- und Berufssystem integriert und in verschiedenen Bereichen etabliert, von Wissenschaft und Medizin über Wirtschaft bis hin zu Kunst und Kultur. Ihre Biografien zeigen, dass Integration nicht lediglich Anpassung bedeutet, sondern auch die Fähigkeit, einen eigenen Weg zu entwickeln, ohne die eigene Herkunft aufzugeben.
Gleichwohl verläuft dieser Weg nicht immer ohne Spannungen. Eltern, die in den Herkunftsregionen aufgewachsen sind, bemühen sich häufig, Sprache, Traditionen und Lebensweisen der Heimat zu bewahren. Die zweite Generation wiederum sucht ihren eigenen Platz in einer anderen gesellschaftlichen Realität. Fragen der Zugehörigkeit, der Sprachweitergabe, der Identität und der Integration, ebenso wie die Spannung zwischen familiären Erwartungen und gesellschaftlichen Anforderungen, können dabei zu inneren Konflikten führen. Gerade diese Erfahrung eröffnet jedoch auch eine besondere Möglichkeit: das Leben mit zwei Horizonten und die Chance, diese doppelte Perspektive in eine Stärke zu verwandeln.
Vor diesem Hintergrund stellt sich erneut die zentrale Frage: Ist es ein Privileg oder eine Herausforderung, zwischen zwei Kulturen zu leben?
Anhand zahlreicher Interviews mit erfolgreichen jungen Albanerinnen und Albanern in der Schweiz nähert sich dieser Beitrag genau dieser Frage: Wie erleben sie ihre Identität im Spannungsfeld zweier Kulturen, und welche Bedeutung hat diese Erfahrung für ihre persönliche und berufliche Entwicklung?
Identität zwischen zwei Kulturen: gleichzeitig Albaner und Schweizer sein
Für viele Albanerinnen und Albaner, die in der Schweiz leben und wirken, insbesondere für die zweite Generation der Diaspora, wird Identität nicht als Entscheidung zwischen zwei Zugehörigkeiten verstanden, sondern als ein fortlaufender Prozess der Verflechtung zweier Kulturen. Ihre Erfahrungen zeigen, dass es keinen Widerspruch darstellt, gleichzeitig albanisch zu sein und Teil der Schweizer Gesellschaft. Vielmehr handelt es sich um eine komplexe, häufig bereichernde Realität. In den Erzählungen der Interviewten für Albinfo.ch erscheint diese doppelte Identität als Raum, in dem Disziplin und Emotion, Tradition und Moderne sowie Herkunft und globale Perspektiven nebeneinander bestehen.
Diese Erfahrung zeigt sich besonders deutlich in den beruflichen Werdegängen der jungen Generation der albanischen Diaspora.
Shkurta Gashi, Doktorandin an der Università della Svizzera italiana in Lugano und heute Teil des akademischen Personals an der ETH Zürich, steht exemplarisch für diese kulturelle Verbindung. Für sie war die albanische Identität nie etwas, das bewusst bewahrt werden musste, sie war stets ein organischer Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Die Verbindung zur albanischen Gemeinschaft und ihre Art, Beziehungen aufzubauen, haben ihrem beruflichen Weg eine zusätzliche Dimension verliehen: die Fähigkeit, Vertrauen zu schaffen und Zusammenarbeit in multikulturellen Teams zu fördern. Wie sie selbst betont:
„Die Kombination aus beiden hat mir ein Gleichgewicht zwischen analytischer Strenge und emotionaler Intelligenz gegeben.“
Auch Arbron Gashi, Schriftsteller und Autor des Gedichtbandes „Ajo çka heshtja fsheh“, der zugleich als Webdesigner in der Schweiz arbeitet, beschreibt das Leben zwischen zwei Kulturen als ständigen Balanceakt. Er verweist auf deutliche Unterschiede zwischen den beiden kulturellen Prägungen: auf der einen Seite Struktur, Ordnung und Individualität der Schweizer Gesellschaft, auf der anderen Seite Wärme, familiäre Verbundenheit und Emotionalität der albanischen Kultur. Die Herausforderung bestehe nicht in der Entscheidung für eine der beiden Seiten, sondern darin, Disziplin und Organisation der einen zu übernehmen und gleichzeitig die emotionale Dimension der anderen zu bewahren.
Eine ähnliche Perspektive vertritt Vildane Rexhepi, Procurement Manager im IT-Sektor der Bank UBS. Ihrer Ansicht nach beginnt Integration für die zweite Generation der Albanerinnen und Albaner in der Schweiz früh, über Schule, Freundeskreis und berufliche Sozialisation. Dennoch sei dieser Weg nicht immer frei von Spannungen, da die albanische Gemeinschaft oft einen eigenen sozialen Raum bilde. Entscheidend sei das Bewusstsein für die Werte der Herkunft sowie die Fähigkeit, diese mit Stolz zu vertreten und eine Identität zu entwickeln, die beide kulturellen Prägungen vereint.
Im medizinischen Bereich, in dem Verantwortung gegenüber Menschen besonders zentral ist, erhält diese doppelte Identität eine zusätzliche Tiefe. Kaltrina Zahiti, Augenärztin in der Schweiz, beschreibt sie als doppelten Reichtum. Die albanische Kultur habe ihr Sensibilität und Empathie vermittelt, während die Schweizer Gesellschaft sie durch Disziplin, Präzision und berufliche Verantwortung geprägt habe. Ihre Identität verstehe sie daher als „doppelten Reichtum“, in dem sich menschliche und professionelle Dimensionen ergänzen.

Auch in der Kunst zeigt sich diese Verbindung deutlich. Vanesa Lika, Malerin aus Genf und Tochter albanischer Eltern, versteht kulturelle Wurzeln als zentrale Inspirationsquelle. Ihre Kunst wird zu einem Raum der Reflexion, in dem Erinnerung, Tradition und persönliche Suche ineinander übergehen. Sie beschreibt ihre Arbeit als Versuch, „einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ zu schaffen und Identität als einen offenen, kreativen Prozess zu begreifen. Für sie bedeutet das Leben zwischen zwei Kulturen keine Spaltung, sondern eine Erweiterung des Blickfelds.
Auch in der Musik wird kulturelle Zugehörigkeit zu einer Form des Ausdrucks. Elion Krasniqi sieht in der Musik eine der stärksten Möglichkeiten, die albanische Identität in der Diaspora zu bewahren. Sie ermögliche eine direkte emotionale Verbindung zu Sprache, Tradition und kulturellem Erbe, sodass Identität nicht abstrakt bleibe, sondern als gelebte Erfahrung erfahrbar werde.
Für einige der Interviewten ist dieses Leben zwischen zwei Kulturen vor allem eine bereichernde Erfahrung. Cendrine Berisha, Model und Teilnehmerin an „Miss Europe Continental“, betrachtet diese Verbindung als persönlichen Reichtum, der ihre Entwicklung geprägt hat.
Eine weitere Perspektive liefern die beiden jungen Ärzte Thesar Abdullahu und Morgan Hetemi, Absolventen der University of Basel und heute auf dem Weg zu ihren Doktoratsstudien. Für sie war das Leben zwischen zwei Kulturen ein prägendes Element ihrer akademischen und persönlichen Entwicklung. Während Hetemi die Zugehörigkeit zur albanischen Diaspora als Möglichkeit beschreibt, das Beste aus beiden Welten zu verbinden, familiäre Werte auf der einen, akademische und professionelle Standards der Schweizer Gesellschaft auf der anderen Seite, betont Abdullahu, dass der kulturelle Kontrast seine Offenheit gegenüber Vielfalt gestärkt habe.
Insgesamt zeigen diese Erfahrungen, dass Identität in der albanischen Diaspora in der Schweiz keine statische Größe ist, sondern ein dynamischer Prozess der Selbstgestaltung, eine hybride kulturelle Identität, die nicht aus Abgrenzung entsteht, sondern aus Verbindung. Zwischen Schweizer Disziplin und albanischer Sensibilität, zwischen Tradition und Moderne entwickelt sich eine Generation, die ihre Herkunft nicht relativiert, sondern als Ressource versteht, um ihren Platz in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft zu gestalten.
Der Erfolg der zweiten Generation in Bildung und Integration
Nach der Betrachtung der Identität und der Art und Weise, wie sie zwischen der albanischen und der schweizerischen Kultur entsteht, ist hervorzuheben, dass sich viele der Interviewten nicht nur durch ihre kulturellen Erfahrungen auszeichnen, sondern ebenso durch ihre beruflichen und akademischen Leistungen. Die meisten der bereits erwähnten Persönlichkeiten verfügen über fortgeschrittene akademische Abschlüsse, darunter auch Doktoratsniveaus, und sind erfolgreich in den Schweizer Arbeitsmarkt integriert.
Im vorliegenden Kapitel verschiebt sich der Fokus noch stärker auf eine neue Gruppe von Persönlichkeiten, die unterschiedliche Bereiche wie Medizin, Wirtschaft, Management, Kunst und Mode repräsentieren. Ihre Geschichten zeigen, dass die zweite Generation der Albanerinnen und Albaner in der Schweiz nicht nur integriert ist, sondern zunehmend auch in verschiedenen beruflichen Feldern erfolgreich wirkt und stabile sowie sichtbare Karrieren im schweizerischen Kontext aufbaut.

Eines dieser Beispiele ist Lavdrim Xhemaili, ein multidimensionaler albanischer Künstler, der in der Schweiz lebt und arbeitet und in den Bereichen Tanz, Schauspiel und Musik tätig ist. Er verkörpert ein vielseitiges künstlerisches Profil, dem es gelungen ist, sich in der Schweizer Kulturszene zu etablieren, ohne die Verbindung zu seiner kulturellen Identität zu verlieren. Seinen Werdegang beschreibt er als natürlichen Anpassungsprozess und sagt mit einer gewissen Ironie: „Die Schweiz ist mein Zuhause, auch wenn ich es nicht immer so empfunden habe.“ Damit verweist er auf die komplexe Beziehung zwischen Zugehörigkeit und persönlicher Erfahrung in der Schweiz.
In beruflicher Hinsicht betont er, dass der Zugang zum Schweizer Kunstmarkt nicht primär aufgrund fehlender Möglichkeiten schwierig gewesen sei, sondern vielmehr aufgrund bestehender Wahrnehmungen von Diversität. Seiner Ansicht nach beeinflussen visuelle und kulturelle Vorurteile häufig, wie Künstlerinnen und Künstler wahrgenommen werden, und schaffen dadurch unsichtbare Hürden für Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund.
Eine besondere Rolle in diesem Zusammenhang von Bildung und beruflicher Integration spielt Shkurta Gashi. Sie promovierte an der Università della Svizzera italiana in Lugano und ist heute Postdoktorandin sowie Mitglied des akademischen Personals an der ETH Zürich im Departement Informatik und am ETH AI Center. Parallel dazu arbeitet sie als Data Scientist bei IKEA in Basel und verbindet damit wissenschaftliche Forschung mit praktischer Anwendung in der Industrie.
Sie betont, dass das Schweizer Bildungssystem ihre Denk- und Arbeitsweise nachhaltig geprägt habe und sie konsequent auf Qualität, Präzision und wissenschaftliche Strenge ausgerichtet habe. In der künstlichen Intelligenz reiche es nicht aus, dass ein Modell funktioniere, es müsse auch dokumentiert, begründet und reproduzierbar sein. Dieser Ansatz sei zu einem festen Bestandteil ihrer täglichen Arbeit geworden.
Ein weiteres wichtiges Profil ist Vildane Rexhepi, die im IT-Sektor der Bank UBS tätig ist und einen akademischen Hintergrund im Bereich Digital Transformation an der ZHAW Zurich University of Applied Sciences besitzt. Sie beschreibt die Schweizer Ausbildung als entscheidend für ihre berufliche Entwicklung und hebt insbesondere die Bedeutung von Genauigkeit, Effizienz und Prioritätenmanagement im Arbeitsalltag hervor.
Zu den erfolgreichen Profilen, die die berufliche Integration in der Schweiz verdeutlichen, gehört auch Kaltrina Zahiti. Als auf Augenkrankheiten spezialisierte Ärztin hat sie zwei ophthalmologische Praxen in Biberist und Emmen gegründet, die moderne medizinische Dienstleistungen und eine hochwertige Patientenversorgung anbieten.
Im Bereich Wirtschaft und Business sticht besonders die Geschichte von Fjolla Gashi hervor, die einen vielseitigen akademischen und beruflichen Weg in der Schweiz aufgebaut hat. Sie absolvierte Studien in Pflege sowie in Wirtschaft und Business und schloss ihr Masterstudium an der University of Basel ab. Heute arbeitet sie als Client Managerin bei der Firma BDO AG. Ihr akademischer Werdegang ist von hoher Intensität und aussergewöhnlicher Disziplin geprägt und zeigt zugleich ihre Fähigkeit, Studium und berufliche Integration in einem anspruchsvollen System wie jenem der Schweiz erfolgreich zu verbinden.
Auch in der Welt der Mode zeigt sich diese Form der Integration. Cendrine Berisha, ein Model albanischer Herkunft aus der Schweiz, repräsentiert eine weitere Dimension dieses Integrationsprozesses. Sie hat ihre Karriere auf der internationalen Modeszene aufgebaut, indem sie die Schweiz beim Wettbewerb „Miss Europe Continental“ in Neapel vertreten und mit verschiedenen Agenturen und Magazinen im Ausland zusammengearbeitet hat. Für sie ist die Repräsentation der Schweiz auf internationaler Bühne, bei gleichzeitiger Bewahrung ihrer albanischen Wurzeln, eine besondere und prägende Erfahrung im Kontext gesellschaftlicher Integration.
Erhalt der albanischen Sprache und Kultur
Im Alltag der Albanerinnen und Albaner in der Schweiz bleibt Sprache und Kultur ein zentraler Bezugspunkt der Identität. Der Erhalt der albanischen Sprache wird dabei weniger als nostalgische Geste verstanden, sondern als bewusste Entscheidung, die Verbindung zu Herkunft, Familie und kultureller Prägung aufrechtzuerhalten. Diese Weitergabe beginnt meist im familiären Umfeld und wird durch ergänzende Bildungsangebote sowie Aktivitäten der Diaspora-Organisationen unterstützt.

Eine besondere Rolle spielen dabei die albanischen Samstagsschulen. Ida Jashari unterrichtet seit fast zwanzig Jahren Kinder der Diaspora in Ostermundigen bei Bern. In ihren Klassen, in denen inzwischen auch Kinder der dritten Generation sitzen, steht die Sprache nicht allein als Unterrichtsfach im Vordergrund. Sie versteht sie als Teil der Identität. „Die albanische Schule ist das Herz, das unsere Identität fern der Heimat am Leben hält“, sagt sie. Entscheidend sei nicht nur das Sprechen, sondern das emotionale Verstehen der eigenen Herkunft.
Der Erhalt der Sprache sei jedoch kein Selbstläufer, betont Jashari. Er gelinge nur im Zusammenspiel von Familie und Schule. Die junge Generation habe die Sprache nicht verloren, brauche jedoch gezielte Förderung im Alltag. „Der Wille ist da, er muss nur gepflegt werden“, sagt sie. Entscheidend sei deshalb die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen. Wo sie funktioniere, bleibe Sprache nicht nur erhalten, sondern entwickle sich weiter. Bildung in der Diaspora bedeute letztlich, „ein Stück Heimat im Alltag der Kinder zu bewahren“.
Auch im akademischen Umfeld zeigt sich die Bedeutung der Sprache. Die beiden jungen Ärzte Morgan Hetemi und Thesar Abdullahu berichten, dass ihre Verbindung zur albanischen Sprache sie durch ihr Studium in Basel begleitet habe. Dass sie aus derselben Region stammen und sich früh im Studium kennengelernt haben, habe ein zusätzliches Gefühl von Nähe geschaffen. „Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass jemand denselben Weg geht“, sagt Abdullahu. Diese Verbindung habe es erleichtert, auch im universitären Alltag einen Bezug zur eigenen Sprache und Herkunft zu behalten.
In der Literatur wird die Sprache ebenfalls zu einem bewussten Identitätsentscheid. Der Schriftsteller Arbron Gashi, Autor des Gedichtbandes „Ajo çka heshtja fsheh“, schreibt auf Albanisch, obwohl er im Alltag in der Schweiz mit mehreren Sprachen konfrontiert ist. Die Entscheidung sei bewusst gefallen. „Ich wollte, dass meine Leser im Kosovo und in der Schweiz meine Texte verstehen können“, sagt er. Sprache sei dabei nicht nur Ausdrucksmittel, sondern auch Verantwortung, und sie verlange ständige Pflege.
Ähnlich argumentieren auch andere Fachpersonen. Die IT-Managerin Vildane Rexhepi sieht die Familie als entscheidenden Faktor für den Erhalt der Sprache. Die Verbindung zu Kosovo und Albanien habe diese Kontinuität zusätzlich gestärkt. Die Augenärztin Kaltrina Zahiti beschreibt Albanisch als Sprache des Privaten, während im Berufsalltag andere Sprachen dominieren. „Über die Sprache bleibe ich mit meinen Wurzeln verbunden, sie prägt eine Denkweise, die Teil meiner Identität ist“, sagt sie.
Im kulturellen Bereich zeigt sich diese Verbindung besonders deutlich in der Musik. Der Sänger Elion Krasniqi (LMN) singt bewusst auf Albanisch. Die Sprache sei für ihn kein Stilmittel, sondern Teil seiner künstlerischen Identität. Aufgewachsen in einem Umfeld, in dem Musik und Sprache eng verbunden waren, sei dieser Weg selbstverständlich gewesen. „Ich singe auf Albanisch, weil es zu mir gehört“, sagt er. Gerade diese Authentizität werde vom Publikum geschätzt, in der Diaspora ebenso wie darüber hinaus.
In allen diesen Beispielen erscheint die albanische Sprache nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern als verbindendes Element zwischen Generationen und Lebensräumen. Sie strukturiert Erinnerung, stiftet Zugehörigkeit und hält kulturelle Kontinuität über geografische Distanz hinweg aufrecht.
„Ein neues Albanertum“, die moderne Generation der Diaspora
Die zweite Generation der albanischen Diaspora formt eine neue Art des Selbstverständnisses: artikulierter, bewusster und zugleich sowohl in den Herkunftswurzeln als auch in einer globalisierten Gegenwart verankert. In den Gesprächen mit jungen Albanerinnen und Albanern erscheint dieses „neue Albanertum“ nicht als Bruch mit der Tradition, sondern als deren Weiterentwicklung im Kontext des Lebens in der Schweiz.

Für die Datenwissenschaftlerin Shkurta Gashi handelt es sich dabei nicht um eine neue Identität, sondern um eine Erweiterung der bestehenden. Die zweite Generation sei das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, in dem familiär überlieferte Werte mit den Anforderungen des Schweizer Bildungssystems zusammenfinden. Sie verweist dabei auch auf die Migrationsbewegungen der 1970er- und 1990er-Jahre, die von grossen Integrationsleistungen geprägt waren. Auf diesem Fundament habe sich jener Raum entwickelt, in dem die heutige Generation agiere. Der Gegensatz zwischen Tradition und Moderne sei oft eher konstruiert als real. „Die zweite Generation schafft kein neues Albanertum, sie erweitert es“, sagt sie. Identität entstehe heute aus der Verbindung lokaler Prägung und internationaler Erfahrung: „Zwei Perspektiven zu haben und beide in einen Wert zu verwandeln.“
Auch der Schriftsteller Arbron Gashi beobachtet eine Entwicklung hin zu einer offeneren und stärker reflektierten Identität. Verbesserte Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten hätten eine Generation hervorgebracht, die ihr Potenzial bewusster ausschöpfe. Gleichzeitig bleibe die Verbindung zu den Wurzeln eine dauerhafte Aufgabe. „Ich denke, die zweite Generation formt ein neues Albanertum, offener und moderner“, sagt er. Entscheidend bleibe der Erhalt von Sprache und Kultur. Seine Erfahrung fasst er prägnant zusammen als: „zwischen zwei Welten zu leben und das Beste aus beiden zu nehmen.“
Im medizinischen Bereich bestätigt auch Kaltrina Zahiti diese Entwicklung. Die zweite Generation baue in der Schweiz schrittweise eine stärker integrierte Identität auf, in der Sprache, Tradition und Herkunft Teil des kulturellen Selbstverständnisses blieben, während sich die Einbindung in die Schweizer Gesellschaft vertiefe.
Eine ähnliche Beobachtung macht die Bankfachfrau Vildane Rexhepi. Die zweite Generation sei stark zielorientiert und zeichne sich durch Ausdauer im Umgang mit Herausforderungen aus. Zugleich zeige sich, dass beruflicher Erfolg und kulturelle Zugehörigkeit kein Widerspruch seien. Die Präsenz von Albanerinnen und Albanern in unterschiedlichen Berufsfeldern schaffe eine natürliche Verbindung zwischen zwei kulturellen Räumen, „die Schönheit einer albanischen Identität mit schweizerischen Attributen“.
Auch in Kunst und Kultur wird diese Entwicklung sichtbar. Der Sänger Elion Krasniqi beschreibt sie knapp: „Albaner in der Schweiz zu sein bedeutet, zwischen zwei Welten zu leben, die Herkunft zu bewahren und sich mit Würde zu integrieren.“ Das Model Cendrine Berisha formuliert es ähnlich: Es sei eine Generation, die Tradition und Moderne in Balance halte, „mit Bewusstsein und Ambition“, und die zugleich „stolz auf die Wurzeln und entschlossen in die Zukunft“ blicke.
In diesen Perspektiven erscheint die neue Generation der Diaspora nicht als eine, die Identität zwischen zwei Kulturen aufteilt, sondern als eine, die diese Räume miteinander verbindet. Das „neue Albanertum“ ersetzt die Tradition nicht, sondern erweitert sie – und macht sie offener, selbstverständlicher und sichtbarer in einer globalisierten Gegenwart.
E-Diaspora
-
Schweiz
Privileg oder Herausforderung? Eine Generation zwischen Wurzeln und neuen Horizonten Wenn die Wurzeln albanisch sprechen und die Zukunft in der Schweiz aufgebaut wird, entsteht eine besondere... -
Die Fussballerin aus dem Kosovo Modesta Uka gewinnt den österreichischen Frauen Cup -
Die Moderatorin des Eurovision glänzte in Kreationen von Designern aus dem Kosovo -
Londër
Erza Doda wird zum Mitglied des Gemeinderats in Redbridge, London, gewählt -
Sabahet Meta: “Kino Kosova” ist ein Raum des Dialogs durch den Film
Leben in der Schweiz
-
Sabahet Meta: “Kino Kosova” ist ein Raum des Dialogs durch den Film "Das Ziel war es, einen nachhaltigen Raum für die Förderung des kosovarischen und albanischen Films zu... -
“Kino Kosova” eröffnete mit ausverkauften Sälen und Geschichten, die den Kosovo auf die Leinwand brachten -
Die Schweiz glänzt beim Eurovision 2026: Veronica Fusaro liefert mit “Alice” einen starken Auftritt -
“Eine Generation zwischen Wurzeln und Integration”, das Schwerpunktthema der neuen Ausgabe von albinfo.ch -
Das Netzwerk der Unternehmen der albanischen Diaspora in der Schweiz wird die Wirtschaftskammern des Kosovo, Albaniens und Nordmazedoniens zusammenbringen













