Integration

Ahmeti: Es ist keine Lösung, Kosova zu verlassen. Wir müssen uns mit den Missständen auseinandersetzen

Letzten Freitag fand in Köniz bei Bern der vierte Jahrestag der Internetplattform albinfo.ch statt. Aus diesem Anlass kam es auch zu einem Podiumsgespräch über den Beitrag der Diaspora zur Entwicklung in Kosova. Speziell geladener Gast war Shpend Ahmeti, der Bürgermeister von Prishtina.

Die letzten Jahre ergaben keine Perspektive, die es der Bevölkerung Kosovos ermöglichen würde, in fünf bis zehn Jahren für sich ein Leben in einem normalen Zustand zu sehen. Wie rechtfertigen wir die Tatsache, dass es auch heute, im Jahr 2014, so viele Albaner in jenen Staat zieht, den sie so fürchteten, Serbien, um danach jemanden zu bezahlen, der sie Richtung Westen bringt. Und der Staat hat nicht einmal eine Strategie dagegen.

Die Tatsache, dass 50% der Bevölkerung Kosovas jünger als 25 Jahre alt sind, ist wirklich ein aussergewöhnliches Potenzial, doch im Augenblick ist es zu einer aussergewöhnlichen Last für Kosova geworden, angesichts einer Situation, wo diese jungen Leute keine Perspektive in ihrem Land sehen. Solcher Art waren die Überlegungen, die Prishtinas Bürgermeister Shpend Ahmeti vor einem grossen, erlesenen Publikum an der Konferenz der Plattform albinfo.ch anlässlich von deren vierten Jahrestag in Köniz bei Bern anstellte.

Als besonderer Gast des Abends stand der Funktionär, der aus den Reihen der Bewegung Vetvendosje (Selbstbestimmung) kommt, während des ganzen Abends im Zentrum der Aufmerksamkeit, auch wenn neben ihm noch sechs weitere Personen auf dem Podium waren. Unter diesen waren SP-Nationalrat Andreas Gross, Ueli Leuenberger, Nationalrat und ehemaliger Präsident der Grünen Partei, Léonard Bender von der FDP/PLR, und Sarah Gretler, die frühere Präsidentin des Vereins albinfo.ch.

Das Thema des Abends war, was für einen Beitrag junge Politiker aus der Diaspora in ihren Herkunftsländern leisten könnten. Sich dazu zu äussern, waren vier junge albanische Politiker aus verschiedenen Parteien eingeladen. Es waren dies Qëndresa Sadriu, SP-Gemeinderätin von Glattbrugg, Përparim Avdyli, FDP-Kandidat für den Zürcher Kantonsrat, Llesh Duhanaj, Präsident des Forums der Christlichdemokratischen Kosovaren innerhalb der CVP, und Blerim Bunjaku, EVP-Kandidat für den Zürcher Kantonsrat und den Nationalrat.

Natürlich überschattete die Anwesenheit des speziellen Gastes aus Prishtina etwas die Teilnahme an der Diskussion der erwähnten Politiker. Diese konnten jedoch dennoch ihre eigenen Beiträge geben.

Auf die Frage des Moderators, wie die jungen albanischen Politiker sich eine Wirkung ihrer Arbeit in der Schweiz auch zu Gunsten Kosovos vorstellen könnten, antworteten diese unterschiedlich.

Avdyli betonte, es sei normal, dass von ihnen erwartet werde, zur Entwicklung der Demokratie in ihren Herkunftsländern beizutragen, doch gebe es Probleme mit der Korruptionsmentalität, die dort entstanden sei, und gewisse Dinge seien schwierig durchzuführen.

Llesh Duhanaj sprach davon, wie notwendig es sei, die in der Schweiz gewonnen Erfahrungen nach Kosova zu bringen, hob aber die Probleme hervor, die sich dabei stellten. Er äusserte auch sein Bedauern, dass keine Vertreter der Regierung am Podium teilnähmen, die sich den Fragen und der Kritik stellen müssten. Denn, wie er betonte, sei Shpend Ahmeti von einer Partei, die auf nationaler Ebene der Opposition angehöre.

Blerim Bunjaku sagte, er habe mit Kosova mehr Erfahrungen als Geschäftsmann denn als Politiker gemacht. Auch er betonte die Probleme, die sich allen stellen, die ihre Erfahrungen aus dem Westen nach Kosova zu bringen versuchen.

Als Shpend Ahmeti über das von ihm geleitete Gemeinwesen Prishtina sprach, erwähnte er auch die Korruption, auf die er dort stiess. “Seit Beginn meines Mandats reichten wir 70 Klagen wegen Missbrauchs in der Gemeinde ein. Danach erreichten uns hunderte Glückwunschmeldungen von Leuten, die den Kampf gegen die Korruption und für Gerechtigkeit unterstützen”, sagte er.

Im Weiteren kritisierte er auch die Arbeit der Internationalen bezüglich Kosovo. ” Für sie war in den letzten fünf Jahren der Dialog Kosovo-Serbien das Wichtigste, während alles andere im Namen der Stabilität ignoriert wurde”, sagte Ahmeti. Letztere nannte er jedoch eine zerbrechliche Stabilität zwischen zwei abnormalen Staaten. “Serbien ist ein abnormaler Staat, weil es sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, während Kosovo gleichfalls ein abnormaler Staat ist, weil es sich nicht mit dem Heute und der galoppierenden Korruption auseinandersetzt”, sagte Shpend Ahmeti. Er bezeichnete die Korruption als Krebsgeschwür der kosovarischen Gesellschaft und sagte gleichzeitig: “Wer versucht, etwas zu ändern, bekommt viele Probleme.” In diesem Zusammenhang erwähnte er, dass mehrmals Drohungen gegen ihn ergingen. Trotzdem sagte der Vetvendosje-Politiker: “Die Lösung besteht nicht darin, nach Europa auszureisen und ins Asyl zu fliehen, sondern in Kosovo zu bleiben, sich den Missständen zu stellen und ein wirtschaftliches Programm zu schaffen, dass Hoffnung gibt, um dort zu bleiben.

Dann wandte er sich auch an die Diaspora. “Es gibt einen Generationenunterschied bei euch. Die erste Generation ist immer noch mit einem Bein in Kosova und mit dem andern in der Schweiz. Hingegen hegt die zweite Generation, hier geboren, klarere Absichten, sich ins hiesige gesellschaftliche und politische System zu integrieren. Es ist gut, wenn sich ihre Angehörigen in verschiedenen Parteien engagieren, denn so entsteht eine möglichst breite albanische Präsenz in den betreffenden Parteien.” Ahmeti erwähnte auch die bürokratischen und andern Probleme, mit welchen sich Emigranten, um an Wahlen in Kosova teilzunehmen, herumschlagen müssen.

Im Zusammenhang mit der Nutzung von Erfahrungen junger Leute aus der Schweiz erwähnte er den Fall eines Architekten, den die Gemeinde Prishtina anstellte. “Heute macht er viele wertvolle Projekte für die Stadt und er unterscheidet sich sehr von den langjährigen dortigen Mitarbeitern. Der Vorteil von Engagements aus Diasporakreisen ist, dass ihr gesehen habt, wie ein normaler Staat funktionieren kann und dass ihr diese Erfahrungen auch in Kosovo anwenden könnt.”

Andreas Gross ist SP-Nationalrat mit langjähriger Erfahrung und Präsident der sozialdemokratischen Fraktion in der parlamentarischen Versammlung des Europarats. Zudem ist er auch bekannt, weil er vor über 30 Jahren zu den Mitbegründern der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) gehörte. Gross, eine im schweizerischen und europäischen politischen Leben  gewichtige Persönlichkeit, ist auch frischgewählter Präsident des Vereins albinfo.ch.

In seiner gehaltvollen Rede gab Andreas Gross eine Lektion in Demokratie und darüber, was unter diesem Konzept in Ländern, die mit der Demokratie erste Schritte machen, verstanden wird.

“Wir brauchen mehr Mut in unseren Beziehungen zu Freunden als in Beziehungen zu Leuten, die nicht unsere Freunde sind. Deshalb müssen wir, wie überall, auch in jenen Ländern, wo Albaner leben, den Mut haben, uns der katastrophalen Situation dort zu stellen”, sagte Gross, wobei er sich konkret auf die Situation in Kosova bezog.

Er schilderte seine Erfahrungen als Leiter von Organisationen, die als Wahlbeobachter im Balkan waren. Gross sagte, er habe in dieser Eigenschaft die jungen Demokratien “in den fünf Ländern, wo Albaner leben”, kennengelernt. „In diesen wie in allen balkanischen und aus dem Kommunismus hervorgegangenen Ländern werden Wahlen als ein ‚Kampf auf Leben und Tod‘ erlebt. Doch der Kern der Demokratie besteht nicht darin. Demokratie ist ein lebenslanger Lernprozess im Bemühen, Perfektion zu erreichen. Die Demokratie ist nur ein Teilen der Macht. Niemand in der Demokratie hat die Macht als Einziger. Leider sind in den balkanischen und gerade in den albanischen Ländern Beziehungen zum Staat historisch nur als Beziehungen zu einer Diktatur bekannt. Die Wahl auf einen politischen Posten darf nicht als Gelegenheit zur Bereicherung gesehen werden, und Wirtschaft und Politik müssen voneinander getrennt sein. In den Ländern, von welchen wir sprechen, ist das Gegenteil der Fall“, sagte Gross.

Im weiteren Verlauf des Abends gab es einen reichhaltigen Apéro, der dem gegenseitigen Kennenlernen und Meinungsaustausch diente.

Nebst den Personen auf dem Podium nahmen an dem Abend auch mehrere Gäste aus Politik, Sport und Kunst teil. Anwesend waren der Botschafter von Kosovo in Bern, Naim Malaj, der beratende Minister ebendieser Botschaft, Mustafa Xhemajli, der Generalkonsul in Genf, Ramadan Avdiu, der stellvertretende Botschafter Makedoniens Rafet Dauti, die Konsulin Albaniens, Oliverta Radomi, der Ehrenkonsul Albaniens in der Schweiz, Edwin Rüegg, die stellvertretende Leiterin des kosovarischen Kulturzentrums in Zürich, etc. Auch da waren der bekannte ehemalige Kommandant der UÇK und Abgeordnete der Bewegung Vetvendosje, Rexhep Selimi, und Shemsi Syla, hoher Offizier der UÇK und der Verteidigungstruppen Kosovas (TMK). Anwesend waren auch der europäische Boxmeister Arnold Gjergjaj und Saranda Maliqi, die bei den Miss Schweiz Wahlen 2014 den dritten Platz erreicht hatte, etc.

Ahmeti: Serbien und Kosova sind “abnormale Staaten”

“Für die Internationalen war der Dialog Kosovo-Serbien in den letzten fünf Jahren das Wichtigste, während alles andere im Namen der Stabilität ignoriert wurde”, sagte Ahmeti. Letztere nannte er jedoch eine zerbrechliche Stabilität zwischen zwei abnormalen Staaten. “Serbien ist ein abnormaler Staat, weil es sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, während Kosovo gleichfalls ein abnormaler Staat ist, weil es sich nicht mit dem Heute und der galoppierenden Korruption auseinandersetzt”, sagte Shpend Ahmeti.

Gross: Wahlen im Balkan werden als Kampf auf Leben und Tod erlebt

„Im ganzen Balkan und den aus dem Kommunismus hervorgegangenen Ländern werden Wahlen als ein ‚Kampf auf Leben und Tod‘ erlebt. Doch der Kern der Demokratie besteht nicht darin. Demokratie ist ein lebenslanger Lernprozess im Bemühen, Perfektion zu erreichen. Die Demokratie ist nur ein Teilen der Macht. Niemand in der Demokratie hat die Macht als Einziger. Leider kennt man in den balkanischen und gerade in den albanischen Ländern historisch Beziehungen zum Staat nur als Beziehungen zu einer Diktatur. Die Wahl auf einen politischen Posten darf nicht als Gelegenheit zur Bereicherung gesehen werden, und Wirtschaft und  Politik müssen voneinander getrennt sein. In den Ländern, von welchen wir sprechen, ist das Gegenteil der Fall“, sagte Gross.