Themen

Festrede «150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn durch eine Frau»

Nur sechs Jahre nach der Erstbesteigung des Matterhorns durch Edward Whymper bezwang am 22. Juli 1871 die erste Frau, Lucy Walker, z’Horu

Festrede von Bundesrätin Viola Amherd, Chefin des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), anlässlich des 150-Jahre-Jubiläums der Erstbesteigung des Matterhorns durch eine Frau, Zermatt, Donnerstag, 22. Juli.

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Frau Präsidentin
Liebe Zermatterinnen und Zermatter
Liebe Gäste

Ich bin gerne nach Zermatt gekommen, um mit Ihnen «150 Jahre Matterhorn-Erstbesteigung durch eine Frau» zu feiern und danke Ihnen für die Einladung.

Jedes Mal fasziniert mich der Anblick des Matterhorns aufs Neue. Seine Form ist einzigartig und beeindruckend.

Z’Horu zog und zieht Bergsteigerinnen und Bergsteiger aus allen Ländern an. Einmal oben zu stehen, den Aufstieg geschafft zu haben und dann auch heil wieder unten anzukommen, müssen unvergessliche Momente sein!

Nur sechs Jahre nach der Erstbesteigung des Matterhorns durch Edward Whymper bezwang am 22. Juli 1871 die erste Frau, Lucy Walker, z’Horu.

Wollten Frauen Berge besteigen, Sport betreiben oder in der Politik mitreden, mussten sie mit Vorurteilen kämpfen.

Ärzte und sogenannte Fachleute behaupteten zum Beispiel, der «zarte weibliche Körper» werde hässlich und unästhetisch. Bergsteigerinnen wurden als «Mannweib», «wildes Bergweib» und «ungepflegte Zottelhexe mit nachlässiger Gewandung» beschrieben.

Auch der Frauensport galt vor rund 100 Jahren als unsittlich und verpönt.

Eine amerikanische Ärztin sagte damals, Frauen bekämen durch ihre Tätigkeiten im Haushalt ausreichend körperliche Bewegung…

Und die Argumente gegen die Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen vor 50 Jahren: Frauen, die politisieren, verlieren ihre Weiblichkeit oder, Politik sei zu schmutzig für die Frau. Sie könne ihre Meinung indirekt über ihren Mann einbringen… Frage: Was macht der Mann dann mit seiner Meinung?

Bergsteigerinnen, Sportlerinnen und Politikerinnen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich durchgesetzt. Sie erbringen grossartige Leistungen und übernehmen Verantwortung.

Wie sagt es doch Julie Deane, Gründerin und CEO der Cambridge Satchel Company: «Es ist gut zu wissen, dass Du eigentlich alles machen kannst. Du musst nur damit anfangen.»

Lucy Walker hat angefangen. Sie litt an Rheuma und konnte kaum gehen.

Ein Arzt riet dann: «Miss Walker has to walk!»

Lucy Walker war, gemäss einem Bericht im Deutschlandfunk, 22 Jahre alt, als sie erstmals Vater und Bruder in die Alpen begleitete. Zuerst wanderte sie, während die Männer auf die Berge stiegen. Vom Ehrgeiz gepackt, begann sie ebenfalls zu klettern und war nicht mehr zu bremsen.

In seinem Buch «Auf den Spuren grosser Alpinisten» schreibt Ed Douglas: «Sie unternahm 98 Expeditionen, nur drei misslangen. Oft war sie die erste Frau auf dem Gipfel. Sie schaffte die Erstbesteigung des Balmhorns und die vierte des Eigers, Letztere mithilfe von Champagner und Biskuittorte gegen ihre chronische Höhenkrankheit.»

In streng viktorianischer Garderobe bestieg sie vor 150 Jahren das Matterhorn. Sie trug dabei einen bodenlangen Rock, da das Tragen von Hosen den Frauen verboten war.

Anstatt die grossartige Leistung von Lucy Walker anzuerkennen, reagierte die Öffentlichkeit empört.

In Begleitung fremder Männer, der Bergführer, gefährliche Gipfel zu erklimmen, geziemte sich nicht für eine Frau. Lucy Walker katapultierte sich ins gesellschaftliche Abseits.

Es ist deshalb kein Zufall, dass es weder von Lucy Walker noch von anderen frühen Bergsteigerinnen eigene Tourenberichte gibt.

In ihrem Buch «Erste am Seil» schreibt Caroline Fink: «Einerseits fürchteten sie um ihren Ruf als Damen, andererseits verweigerten Zeitschriften Publikationen von Frauen.»

Wie sieht es denn heute aus mit der Berichterstattung über Bergsteigerinnen, Sportlerinnen und Politikerinnen? Erhalten sie gleich viel Platz in den Medien wie ihre Kollegen?

Ich würde die Frage so beantworten: Es gibt noch viel Luft nach oben!

Ich freue mich, dass Zermatt die Matterhorn-Erstbesteigung durch eine Frau gebührend feiert. Lucy Walker und ihre Kolleginnen haben damals Grossartiges geleistet und verdienen unseren Respekt.

Sie haben sich nicht von gesellschaftlichen Konventionen abhalten lassen. Sie gingen mutig ihren Weg – ganz nach einem Zitat von Ella Fitzgerald: «Lass dich nicht davon abbringen, was du unbedingt tun willst. Wenn Liebe und Inspiration vorhanden sind, kann nichts schiefgehen.»

Ich finde es grossartig, dass das Matterhorn Museum die Erstbesteigung durch Lucy Walker und das 50-jährige Jubiläum des Frauenstimm- und Wahlrechts in der Schweiz aufnimmt und sich mit der Rolle der Frauen in der Zermatter Geschichte und Gegenwart befasst.

Vieles hat sich in den vergangenen 150 beziehungsweise 50 Jahren verändert.

Immer mehr Frauen besteigen Berge, sind Bergführerinnen und seit November 2020 präsidiert Rita Christen als erste Frau den Schweizer Bergführerverband!

Gemäss der neuesten Studie des Bundesamtes für Sport, dem Baspo, treiben erstmals gleich viele Frauen Sport wie Männer.

Im vergangenen Jahr wurde die Bewegung «Helvetia rennt» gegründet, mit dem Ziel, dass Schweizerinnen auf allen Stufen im Schweizer Sport mitreden und mitbestimmen sollen.

Seit 1971 wurde auch in der Gleichstellungspolitik und bei der Frauenvertretung in politischen Ämtern einiges erreicht.

Der Frauenanteil im Nationalrat beträgt nach den Wahlen 2019 42 Prozent und im Ständerat 26.1 Prozent.

Gemeindepräsidentinnen, Gemeinderätinnen und Grossrätinnen sind keine Seltenheit mehr.

Zermatt ist ein gutes Beispiel: Vier Frauen im siebenköpfigen Gemeinderat: Gemeindepräsidentin, Vizepräsidentin und zwei Gemeinderätinnen. Dazu haben Sie eine Grossrätin und eine Suppleantin!

Und, auch im Bundesrat sitzen drei Frauen.

Ich bin überzeugt, dass für die Wirtschaft, den Sport, die Politik und auch für die Armee das Gleiche gilt: Gemischte Teams sind erfolgreicher!

In Zermatt gibt es auch dafür zahlreiche Beispiele: Was wären Hotels, Geschäfte und Bauernbetriebe ohne das Engagement der Frauen. Sie führen seit Jahren erfolgreich Betriebe, zusammen mit ihren Partnern.

Gehen wir die Herausforderungen gemeinsam an, engagiert, mutig und lustvoll!

Ich schliesse mit einem Zitat von Astrid Lindgren gesagt: «Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!»

Ich wünsche Ihnen eine eindrückliche Feier, einen interessanten Rundgang im Museum und bereichernde Begegnungen und Gespräche!


Interessante Neuigkeiten aus dem Internet