Integration

Gemeinsam gegen Rassismus: Merita Shabanis Plädoyer für eine offene Bildung

Um Vorurteile abzubauen und sich gegen rassistische Äusserungen und Handlungen zu wehren, ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler benennen können, was sie erleben

Die internationale Woche gegen Rassismus steht bevor und verschiedene Akteure aus der Schweiz engagieren sich für das Thema, darunter auch Merita Shabani, Bildungsschaffende und stv. Chefredakteurin von baba news. In einem Interview mit Albinfo erläutert sie ihre Rolle bei einer Podiumsdiskussion in Bern zum Thema Antirassismus an Schulen und betont die Bedeutung einer gemeinsamen Beteiligung von Eltern, Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern.

Könnten Sie uns etwas über Ihren schulischen Werdegang erzählen und wie Sie zur baba academy gekommen sind?

Mein schulischer Werdegang verlief ähnlich wie bei vielen anderen Menschen. Ich habe meine Oberstufe in Bern abgeschlossen, was man unschwer an meinem Dialekt hören kann. Nach der Sekundarschule besuchte ich die Wirtschaftsmittelschule ebenfalls in Bern, schloss dann die Berufsmittelschule (BMS) ab und absolvierte ein Praktikum. Später folgte ein Sprachaufenthalt in San Francisco, bevor ich mein Wirtschaftsstudium in Fribourg begann.

Das Studium habe ich dann doch nicht abgeschlossen. Ich bin am Mathematikmodul gescheitert. Meinen Traumberuf übe ich heute dennoch aus. Ich habe bei baba news als Protagonistin angefangen. Das heisst, ich war zu Beginn viel vor der Kamera. Später übernahm ich immer mehr Aufgaben und merkte, dass das genau das ist, was ich auch wirklich machen möchte. Heute bin ich stellvertretende Chefredaktorin bei baba news. Ich mache Interviews, schneide Videos, halte Workshops und Referate.

Welche Bedeutung hat die Aktionswoche gegen Rassismus in Bern für Ihre Arbeit und welche Botschaft steckt dahinter?

Wir wollen gesellschaftliche Glaubenssätze, die in der Schweiz stark verankert sind, offen und direkt zur Diskussion stellen. Ein Beispiel dafür ist der Glaube an eine meritokratische Gesellschaft, in der man alles erreichen kann, wenn man nur hart genug an sich arbeite und es auch wirklich wolle. Statistiken* zeigen jedoch eine andere Realität: Der soziale und berufliche Aufstieg ist für viele Schülerinnen und Schüler in der Schweiz aufgrund von Faktoren wie dem Bildungs- und Berufsstand ihrer Eltern, ihrem Geschlecht oder ihren fremd klingenden Familiennamen erschwert.

Es ist sehr wichtig, genau hinzuschauen, die Problematik beim Namen zu nennen und Wege aufzuzeigen, wie Chancengerechtigkeit für alle Schülerinnen und Schüler geschaffen werden kann und rassismusbedingte Bildungsungleichheiten konstruktiv und erfolgreich angegangen werden können. Es geht nicht darum, dass alle Schülerinnen und Schüler den akademischen Weg einschlagen müssen, sondern darum, denjenigen, die es möchten, ihre Chance und vor allem ihre Zeit nicht zu rauben.

Andererseits möchten wir auch auf den finanziellen Aspekt dieser Arbeit aufmerksam machen. Denn die damit einhergehende Arbeit bedarf verschiedener Ressourcen, spezialisiertem Know-how und Menschen, die sich täglich für einen gerechteren Bildungszugang einsetzen. Und das alles kostet Geld. Oft ist aber die Erwartungshaltung, dass solche Arbeit ganz selbstverständlich und gratis getätigt werden sollte, am besten von den Betroffenen selbst. Dieses Narrativ möchten wir an der Podiumsdiskussion ebenfalls aufgreifen und besprechen.

Bildung ist etwas Zentrales, und wir müssen uns gemeinsam als Gesellschaft, Institution, Eltern, Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler gegen Rassismus engagieren, damit diese Chancengerechtigkeit gewährleistet wird. Es reicht nicht zu sagen, dass man nicht rassistisch ist oder rassistisch handelt. Wir sind alle rassistisch sozialisiert und müssen deshalb das Thema aktiv angehen. Damit alle Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz die gleichen Voraussetzungen erhalten mitzuwirken. Sei es in Bezug auf Bildung oder gesellschaftliche Teilhabe.

Welche Rolle spielt die Sprache im Kontext von Rassismus und wie kann sie dazu beitragen, Vorurteile abzubauen?

Im Kontext von Rassismus spielt Sprache eine überaus wichtige Rolle, da sie sowohl zur Verbreitung von Vorurteilen und Diskriminierung als auch zur Aufklärung und Sensibilisierung beitragen kann. Um Vorurteile abzubauen und sich gegen rassistische Äusserungen und Handlungen zu wehren, ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler benennen können, was sie erleben. Im Rahmen unserer baba academy bieten wir zum einen Workshops für Lehrpersonen an zum Thema «Unbewusste Vorurteile und wie sich diese auf die Chancengleichheit auswirken» und zum anderen bieten wir für Schülerinnen und Schüler den Workshop Stop-Hate-Speech an.

Hier lernen wir, dass es verschiedene Formen von Diskriminierung gibt, wie wir Hate-Speech erkennen, was implizite Botschaften sind, wer über wen spricht und welche Auswirkungen das haben kann und schliesslich, was man gegen Hate-Speech tun kann.

Zudem möchten wir sie empowern, in dem wir aufzeigen, dass sie sich beispielsweise gegen Rassismus wehren können und nicht alles erdulden müssen. Eine offene Kommunikation und das Ansprechen von Diskriminierung sind daher sehr wichtig, um gezielt gegen Diskriminierung vorzugehen und sie zu beseitigen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass Eltern, Lehrpersonen, Schulsozialarbeiter:innen und andere Bezugspersonen den Schülerinnen und Schülern zuhören und ihre Wahrnehmung ernst nehmen. Denn spricht man ihnen diese Wahrnehmung ab, verlieren sie irgendwann die Fähigkeit sich selbst zu vertrauen.

Quellenangabe zur Podiumsdiskussion:

https://www.bern.ch/themen/auslanderinnen-und-auslander/integration-und-migration/diskriminierung-und-rassismus/bern-gegen-rassismus/programm-2023/montag-25.03

*Statistische Quellenangaben:

In einem Bericht des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) aus dem Jahr 2018 wurde festgestellt, dass die Bildungsmobilität in der Schweiz geringer ist als in anderen Ländern. Insbesondere Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsstand haben es schwerer, sozial aufzusteigen. Der Bericht ist hier verfügbar: https://www.snf.ch/de/die-snf/ueber-uns/newsroom/Seiten/news-180620-medienmitteilung-bildungsmobilitaet.aspx

Eine Studie der Eidgenössischen Hochschule für Technik (ETH) aus dem Jahr 2020 ergab, dass der Bildungserfolg in der Schweiz stark von der sozialen Herkunft abhängt. Die Studie zeigt auch, dass Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit fremd klingenden Familiennamen oft benachteiligt sind. Die Studie ist hier verfügbar: https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2020/05/soziale-herkunft-bildungserfolg-schweiz.html

(Von: Driter Gjukaj)


 Weitere aus Integration