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Beunruhigende Haltungen, die sich aus der Leugnung von Völkermord entwickeln

Eine konstruktive Diskussion über Entwicklungen in Europa und auf dem Balkan, wie sie aus der Leugnung von Völkermorden hervorgehen, fand an der von albinfo.ch an der Universität Lausanne im Rahmen der Begleitaktivitäten zur Ausstellung Besa organisierten Konferenz statt

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In einem vollen Vorlesungssaal fand am Donnerstag vor einer Woche die von albinfo.ch organisierte Konferenz zum Thema “Das Leugnen von Völkermord und sich daraus entwickelnde Tendenzen in Europa, der Schweiz und der Balkanregion” statt. Vier Hauptredner diskutierten unter der Moderation von Michel Zendali (Journalist beim Westschweizer Radio und Fernsehen): Jean-Yves Camus, Fachmann für Nationalismus und Extremismus in Europa, Philippe Bender, Historiker und politischer Analyst, Jacques Ehrenfreund, Professor an der Universität Lausanne, und Yves Laplace, Schriftsteller und Dramaturg.

Vor einem wachen, engagierten, vorwiegend studentischen, städtischen Publikum gingen die Redner auf je eigene Weise und mit Blick auf die politische Aktualität in der Schweiz, Europa und den Balkanländern auf Geschichte und Aktualität von Fällen der Leugnung von Genozid ein. Über zwei Stunden dauerte die lebhafte Diskussion. Im Licht der aktuellen Geschehnisse erstaunt es nicht, festzustellen, wie notwendig eine solche Diskussion offenbar ist.

Unterschied zwischen Leugnung von Völkermord (Negationismus) und Revisionismus

 

Jean-Yves Camus
Jean-Yves Camus

In seiner einführenden Ansprache setzte Jean-Yves Camus gleich zu Anfang den theoretischen Rahmen fest, indem er das Leugnen eines Genozids (Negationismus) vom Revisionismus unterschied. Die Leugnung eines Völkermords bedeutet, “die materielle Realität eines Genozids zu leugnen”. Anders gesagt, urteilen sogenannte Negationisten im Fall des Völkermords an den Juden durch Nazi-Deutschland, dass dieser “ganz einfach nie geschah, eine Lüge ist”. „Das führt zu einer materiellen Frage: Wenn es keine Vernichtung der Juden gab, wohin gingen sie dann?” fragt Camus. Zur Rechtfertigung dieser Geschichtsleugnung dient das Argument, dass es keine “Absicht zur Vernichtung der Juden” gegeben habe, erklärt Camus. Genozidleugnung findet sich auch betreffend den durch die Regierung der Jungtürken des Osmanischen Reichs während des Ersten Weltkriegs verübten Völkermord an den Armeniern.

Zu den Revisionisten erklärt Camus: “Revisionisten sind jene, die die Zahl der Opfer herabsetzen, oder schlichtweg die Verantwortung für das Geschehene bestreiten. Im Fall des Völkermords an den Armeniern geht es sehr selten um eine direkte Leugnung, indessen wird das Geschehen häufig anders qualifiziert: ‚Es gab Massaker, aber keinen Völkermord‘ (ein solcher setzt einen Vorsatz und den Willen zur Ausrottung eines Volkes nach einem methodischen Plan voraus).” Die Revisionisten würden also sagen, dass es nicht eine Million Opfer, sondern vielleicht 200’000 gegeben habe. Aber zudem würden sie behaupten, dass diese Massaker nicht das Resultat eines abgesprochenen Plans der Regierung der Jungtürken gewesen seien. Tatsächlich habe es sich um einen Gegenschlag der Türken gehandelt, die von den Armeniern angegriffen worden seien. Im Falle Deutschlands, unterstreicht Camus, sei für die Revisionisten das Auslösen von Kampfhandlungen nur eine Form von Präventionskrieg gewesen. “Die Intentionalität, eine Bedingung sine qua non des Genozids, verschwindet auf diese Weise.”

Die leugnenden, negationistischen oder revisionistischen Thesen zum Völkermord an den Juden oder den Armeniern vermochten laut Camus zu gegebener Zeit Zweifel an der Wirklichkeit der Tatsachen säen, aber heute ist dies kaum mehr stark der Fall. Zu was haben sich denn nun diese leugnenden Haltungen gewandelt?

Haltungen der Leugnung des Holocausts und anderer Genozide wandeln sich zu neuen beunruhigenden Tendenzen

Nach Jean-Yves Camus hätten sich die holocaustleugnenden Ideen nicht ausgebreitet, wäre diese These nur in Neonazimilieus propagiert worden. “Tatsächlich kam es in bestimmten Fällen zu einer Verbindung zwischen der politisch eher extrem rechts positionierten Leugnung des Holocaust (Negationismus) und einer Form von radikalem Antizionismus, der von der Ultralinken kam und gemäss welchem in der Geschichte prinzipiell kein jüdischer Ausnahmefall existieren konnte.” Diese Verbindung habe zum Auftauchen gewisser Haltungen geführt, Stichwörter wären etwa “Nazifizierung von Israel und seiner Armee; Interpretation des Schicksals der Palästinenser; akzeptierter Antisemitismus“.

Haltungen, die den Holocaust leugnen, sind im Wandel begriffen, es gibt keine neuen Generationen von Negationisten mehr, sagt Camus. “Es wird keine Leugner der materiellen Realität des Genozids mehr geben. Es wird Leute geben, für die Antisemitismus eine annehmbare Haltung ist. Das ist es, was beunruhigt. Wir haben es nicht mehr mit der Verneinung der Tatsache zu tun, sondern mit einem Denkschema, das darin besteht, zu sagen: ‚Ja, es hat tatsächlich einen Genozid gegeben. Doch wir sind der Betonung dieser Tatsache überdrüssig.‘ ” Camus stellt fest, dass die Propaganda der Holocaustleugnung sich im Internet zu einer offen eingestandenen und vollständig akzeptierten antisemitischen Propaganda entwickelt.

Professor Jacques Ehrenfreund ist der Meinung, dass wir es mit einer neuen, extrem gefährlichen Transformation zu tun haben. Bis anhin betraf die Leugnung des Holocaust das Feststellen von Tatsachen, und der Revisionismus das Feststellen ihres Ausmasses, doch heute lässt sich nach Ehrenfreund anderes beobachten. “Es entwickelt sich ein konkurrierender Diskurs, der die Pädagogik der Shoah, die Weitervermittlung der Erfahrung der Shoah, die sich seit den 80er-Jahren etablierte, hinterrücks angreift. Nach der Bewusstwerdung in den 70er-Jahren (also dreissig Jahre später) der Einzigartigkeit des Verbrechens, das die Nazi am jüdischen Volk verübt hatten, entstand eine Pädagogik, die sagt, die Erfahrung der Shoah muss weitervermittelt werden, denn es ist die Weitergabe der Erinnerung, die es ermöglicht, einen Schutzwall zu errichten, der die Juden gegen den Antisemitismus verteidigt, und der die demokratischen europäischen Gesellschaften gegen das Auftreten von antidemokratischen Taten schützt.”

 

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Jacques Ehrenfreund

Ehrenfreund meint, dass heute im Zusammenhang mit diesem Schutzwall Stimmen zu hören seien, die die Juden beschuldigten, von eben dieser Einzigartigkeit der Shoah zu profitieren und in gewisser Weise Vorteile daraus zu ziehen. Zu diesen Stimmen gehörten etwa die Dieudonnisten, obwohl daran zu erinnern sei, dass Dieudonné nicht der erste gewesen sei. Den Fachmann erschreckt, dass die Erinnerungspädagogik uns eine Maginot-Linie errichtet habe, an der die Angriffe von völlig unerwarteter Seite erfolgen, von einer Seite, wo die Maginot-Linie keinen Schutz bietet.

Ehrenfreund, der sich ausführlich mit dem kollektiven Gedächtnis beschäftigt hat, betont, das Gewicht der Schuld sei so schwer, dass, um sie zu tragen, den Juden wieder “eine Bösartigkeit zugeschrieben werden muss, die identisch mit derjenigen der Nazis ist”. Die Frage der Leugnung des Holocaust stellt sich kaum mehr, weil die Historiker so viel Arbeit zur Dokumentation der Tatsachen geleistet haben, dass es schwer fällt, zu leugnen, was geschehen ist. Doch Ehrenfreund unterstreicht: ” Nichtsdestotrotz wird diese Maginot-Linie umgangen, indem es heute heisst, immer gehe es nur ums jüdische Unglück, und das sei unerträglich. Diese Umkehrung erwischt die Erinnerungspädagogik auf dem falschen Fuss. Diese Entwicklung kommt vollkommen unerwartet, und sie ist es, die uns meiner Meinung nach heute beschäftigen sollte.”

Genügen Gesetze zur Bekämpfung der Leugnung von Völkermord und Rassismus?

 

Philippe Bender
Philippe Bender

Philippe Bender, Historiker, ist der Ansicht, es komme auf die Fähigkeit jedes Einzelnen an, als kultiviertes Wesen die eigenen und fremden Überzeugungen, aber auch die eigene Kultur und jene der andern, mit der nötigen Distanz zu betrachten. “Es muss unterschieden werden zwischen Handlungen, die, wenn übertrieben wird, juristisch beurteilt werden müssen, und solchen von Spinnern, die irrationale Einstellungen gegenüber Juden oder anderen Minderheiten haben. Es muss auch zwischen der Kultur und dem politischen System unterschieden werden.” Will man gegen Völkermordleugnung und Revisionismus kämpfen, meint Bender: Nur die Kultur vermag sie zu bekämpfen. Jeder Mensch sollte unter allen Umständen von einer humanistischen Kultur geprägt sein, in welcher jeder Mensch gleich viel wert wie alle Menschen ist, jede Nation gleich viel wert wie alle Nationen ist. Ohne Kultur ist die Gesellschaft der Gnade aller politischen und ökonomischen Thesen ausgeliefert.”

Für den Schriftsteller und Intellektuellen Yves Laplace genügt die Kultur leider nicht, um einen Schutzwall gegen das Abdriften in Rassismus zu errichten, wie das Beispiel Deutschlands gut zeigt. Laplace zitiert das Beispiel von Radovan Karadžić, Psychiater und Kunstliebhaber, und zweifach wegen Kriegsverbrechen und Völkermord angeklagt: für die Orchestrierung der Belagerung von Sarajevo und für das Massaker von Srebrenica. Wie wir sehen, genügt eine Verbindung mit dem Lob der Kultur als Indiz für Zivilisation bei weitem nicht.

Gilt Voltaires Diktum im Falle von Revisionisten und Völkermordleugnern?

 

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Yves Laplace

Das Denken kann sich nicht entfalten, wenn die Meinungsfreiheit bedroht ist. Nach Ansicht von Yves Laplace ist es fraglich, ob es der Meinungsfreiheit entspreche, wenn eine bestimmte Stellungnahme zu einer Diskussion über Fragen der wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit führt. “Ich schliesse mich Voltaire an (der sagte: ‚Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.‘; die Red.) und verfechte das Recht auf freie Meinungsäusserung mit voller Überzeugung. Es graut mir vor dem Begriff des Meinungsverbrechens. Meiner Meinung nach betreten wir vom Moment an, wo wir völkermordleugnende oder revisionistische Meinungen mit einem juristischen Arsenal zu strafbaren Handlungen machen, ein heikles Terrain. Das Problem ist die Frage, ob ‘Tod den Juden’ denn immer noch eine Meinung darstelle. Und ob die möglicherweise subtileren Formen, in welchen sich ‘Tod den Juden’ äussern kann, etwa in Essays, in Kursen, Romanen, immer noch einfach in den Bereich der Ausübung der Meinungsäusserungsfreiheit fallen. Ich denke nicht. So konnte der Gesetzgeber, in der Schweiz wie anderswo, wahrscheinlich schweren Herzens nicht anders als mit den Mitteln des Strafrechts gegen genozidleugnende und revisionistische Äusserungen vorgehen.”

Laplace zitiert in diesem Zusammenhang das Beispiel von Peter Handke, über den er sagt: “Er gehört zu jenen Schriftstellern, die sich am meisten Gedanken über die Verantwortung des sprachlichen Ausdrucks und des Schreibens im 20ten Jahrhundert gemacht haben. Doch ebendieser Schriftsteller schloss sich mit dem ganzen ihm eigenen sprachhandwerklichen Geschick und seinem literarischen Talent jenen Sichtweisen an, die dazu neigten, die einem Genozid gleichkommende Dimension des Massakers, das in Srebrenica im Juli 1995 stattfand, im besten Fall zu minimieren, im schlimmsten Fall gänzlich abzustreiten. Das erschütterte mich.” Wie konnte es so weit kommen? Laplace widmete dieser Frage mehr als zweihundert Seiten in einem Buch, das demnächst unter dem Titel Reprise (De Sarajevo à Srebrenica vingt ans plus tard – Reprise. Von Sarajevo nach Srebrenica zwanzig Jahre später) erscheinen wird. Das Werk stellt eine Art Exerzitium in verwundeter Bewunderung für den Autor Handke dar, in welchem daran erinnert wird, dass – in den Worten von Laplace – dieser grosse Schriftsteller mit seinem Gang ans Grab von Milosevic, wo er dessen Grabrede hielt, tatsächlich bis an die Grenze seiner Verirrung ging. “Demnach würde ich sagen, ja, Peter Handke ist ein Revisionist, entsprechend der  Definition von Camus”, sagte Laplace.

 


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