Musik

Rame Lahaj und die Fondacioni Rame Lahaj, eine Weltstimme im Dienst einer nationalen Mission

Rame Lahaj spricht über seinen Weg zu den renommiertesten internationalen Bühnen sowie über die Fondacioni Rame Lahaj als langfristige Mission im Dienst der Kunst und der jungen albanischen Generationen

Anlässlich des achtzehnten Jahrestages der Unabhängigkeit des Kosovo bringt dieses exklusive Interview ein vertieftes Gespräch mit dem renommierten Tenor Rame Lahaj, einer der repräsentativsten Persönlichkeiten der albanischen Kunst auf den internationalen Opernbühnen. In einem Gespräch, das über die persönliche Biografie hinausgeht und in die Dimension kultureller Verantwortung eintaucht, spricht Lahaj über seinen Weg von einer durch Krieg und Mangel geprägten Realität zu den renommiertesten Bühnen der Welt, über Identität als kreativen Kern sowie über die Fondacioni Rame Lahaj als langfristige Mission im Dienst der Kunst und der jungen albanischen Generationen.

albinfo.ch: Wie definieren Sie Ihren künstlerischen Weg von einem gesellschaftlichen Umfeld, das von Krieg und Entbehrung geprägt war, hin zu den elitärsten Institutionen der internationalen Oper?

Rame Lahaj: Mein künstlerischer Weg ist untrennbar mit dem Kontext verbunden, in dem ich aufgewachsen, erzogen und geprägt wurde. Ich bin in einer kleinen Provinz Ende der 90er Jahre unter sehr eingeschränkten Lebensbedingungen aufgewachsen, und der Mangel war die Kraft und der wichtigste Motor für alles, was danach kam. In jener Zeit schienen viele Dinge beinahe unmöglich, nicht nur sie zu verwirklichen, sondern sie überhaupt zu träumen. Gerade in diesem Kontrast zwischen Unmöglichkeit und dem starken Wunsch, das Leben, den Beruf und mich selbst zu entdecken, habe ich die Grundlagen meiner künstlerischen Persönlichkeit aufgebaut. Mein Weg war nicht geradlinig, sondern ein langer Prozess von Auseinandersetzungen, Opfern und Selbstdisziplin, der mich schrittweise zu den elitärsten Institutionen der internationalen Oper geführt hat.

albinfo.ch: In welchem Ausmaß hat Ihre albanische kulturelle Identität die Gestaltung Ihrer Interpretationsästhetik und die internationale Rezeption Ihrer Kunst beeinflusst?

Rame Lahaj: Meine albanische kulturelle Identität war niemals ein künstlich hinzugefügtes Element meiner Kunst. Ich bin mit Volksliedern, folkloristischen, patriotischen und Liebesliedern aufgewachsen, ehrlichen Ausdrucksformen, die nicht aus großen europäischen Schulen stammten, sondern aus gelebter Erfahrung. Diese Authentizität hat meine Interpretationsästhetik tief geprägt. Als ich mich dem anspruchsvollen Opernrepertoire stellte, wirkte dieses kulturelle Gepäck als innerer Reichtum und verlieh meiner Interpretation eine Aufrichtigkeit und emotionale Färbung, die das internationale Publikum als Originalität wahrnimmt.

albinfo.ch: Gibt es einen paradigmatischen Moment in Ihrer Karriere, in dem sich persönliche Anerkennung in kollektive kulturelle Repräsentation verwandelte?

Rame Lahaj: Ich würde keinen einzelnen Moment hervorheben. Von Anfang an existierten zwei Säulen nebeneinander, meine persönliche Entwicklung und die Repräsentation der nationalen Identität. Überall, wo ich auftrat, ging es nicht nur um künstlerische Qualität, sondern auch darum, wie die albanische Kultur vertreten wurde. Das war keine bewusst geplante Strategie, sondern ein tief in mir verankerter Zustand.

albinfo.ch: Wie bewahren Sie Ihre künstlerische Autonomie und ästhetische Integrität in einem globalen System, in dem institutionelle Standards und Konkurrenz maßgeblich sind?

Rame Lahaj: Ich bin überzeugt, dass ein Künstler nur dann einzigartig ist, wenn er seine eigene Originalität kompromisslos einbringt. In einem globalen System, in dem die Gefahr der Vereinheitlichung groß ist, erfordert die Bewahrung künstlerischer Autonomie Bewusstsein und Mut. Ich habe nie das Bedürfnis verspürt, mich gezwungen an Trends oder äußere Regeln anzupassen. Mein Lebensweg, mein innerer Reichtum und meine berufliche Disziplin haben meinen eigenen Standard geschaffen und mir ermöglicht, meine ästhetische Integrität auch in sehr wettbewerbsintensiven Umfeldern zu bewahren.

albinfo.ch: Wer ist Rame Lahaj außerhalb der Bühne im Alltag?

Rame Lahaj: Außerhalb der Bühne bin ich ein einfacher und reflektierter Mensch, ohne das Bedürfnis, eine öffentliche Fassade aufzubauen. Respekt vor der Arbeit, vor den Menschen und vor Disziplin gehört zu meiner Erziehung. Ich habe nie gehandelt, um eine künstliche Immunität zu schaffen oder mich über eine Position zu beweisen. Alles, was ich aufgebaut habe, ist aus der Liebe zur Entwicklung und aus dem Wunsch entstanden, mein Land würdevoll zu vertreten.

albinfo.ch: Wenn Sie auf Ihren Lebens und künstlerischen Weg zurückblicken, welche Momente haben Sie am tiefsten geprägt?

Rame Lahaj: Meine Prägung ist nicht mit einem einzigen Höhepunkt verbunden, sondern mit einer Kontinuität von Erfahrungen. Die Kindheit Ende der 90er Jahre, das Trauma des Krieges, die Konfrontation mit schwierigen sozialen Realitäten und später die beruflichen Herausforderungen in internationalen Umfeldern haben sich natürlich miteinander verwoben. Gerade diese schwierigen Phasen haben eine Persönlichkeit geformt, die heute im Frieden mit sich selbst lebt und das Leben als einen fortlaufenden Entwicklungsprozess versteht.

Rame Lahaj, FB

albinfo.ch: Wie interpretieren Sie heute die Situation im Jahr 2019 mit dem geplanten Konzert in Skopje?

Rame Lahaj: Heute sehe ich diese Situation mit professioneller Klarheit. Es handelte sich nicht um einen institutionellen Boykott, sondern um die Folge von Unprofessionalität einiger Personen, die versuchten, eine kulturelle Initiative zu destabilisieren. In einem sensiblen gesellschaftlichen Kontext beruhte meine Reaktion auf einem klaren Prinzip, null Toleranz gegenüber mangelnder professioneller Disziplin. Das Konzert fand schließlich statt, wenn auch in einem anderen Format, und zeigte, dass Kunst nicht von destruktiven Energien aufgehalten werden darf.

albinfo.ch: Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Ihrer Kunst und der albanischen Diaspora, insbesondere in der Schweiz?

Rame Lahaj: Die albanische Diaspora gehört zu den aufrichtigsten und sensibelsten Publika. Über Jahrzehnte war sie Musikformen ausgesetzt, die nicht immer authentisch waren. Durch Konzerte und Festivals habe ich versucht, einen Dialog zwischen urbaner klassischer Musik und albanischem Lied zu schaffen. Die Diaspora ist offen für neue Erfahrungen, solange sie Respekt und Aufrichtigkeit in dem spürt, was ihr angeboten wird.

albinfo.ch: Denken Sie, dass Sie sich künftig institutionell für die Unterstützung junger albanischer Talente engagieren werden?

Rame Lahaj: Dieses Engagement wird bereits durch die Fondacioni Rame Lahaj umgesetzt, die junge Talente unterstützt und Brücken zwischen lokalen und internationalen Künstlern schafft. Die Stiftung ist nicht nur ein kulturelles Projekt, sondern eine langfristige Mission, um eine nachhaltigere künstlerische Infrastruktur aufzubauen und eine institutionelle Lücke zu schließen, die in unserer kulturellen Realität noch besteht.

albinfo.ch: Abschließend, wer ist Rame Lahaj heute und was ist Ihre Botschaft an die jungen albanischen Generationen?

Rame Lahaj: Wir leben in einer Zeit voller digitalem Lärm und Frustration, die uns oft dazu bringt, Bildung und Opferbereitschaft aufzugeben. Ich glaube, dass der Mensch sich selbst nur durch Arbeit, Studium und kontinuierliche Selbstreflexion findet. Das ist meine Botschaft an die jungen albanischen Generationen, im In und Ausland, gebt diesen Prozess nicht auf, denn nur so entsteht eine klare Vision für das Leben, den Beruf und den Beitrag zur Gemeinschaft. Da dieses Interview auf albinfo.ch erscheint, einer Plattform der albanischen Diaspora, möchte ich die Leser, insbesondere jene in der Schweiz und in der Diaspora, einladen, an den Aktivitäten der Fondacioni Rame Lahaj im Juli teilzunehmen. Das Programm umfasst Festivals, Konzerte, Masterclasses, Workshops und Bildungsprojekte für alle Generationen und schafft Räume, in denen Musik, Wissen und Erfahrung auf natürliche Weise zusammenwirken. Durch diese Aktivitäten wollen wir nachhaltige Brücken zwischen dem Kosovo, der Diaspora und dem europäischen Kulturraum bauen und Kultur als eine der beständigsten Formen der Verbindung und Repräsentation positionieren. Vielen Dank.

Dieses Gespräch zeigt Rame Lahaj als eine Persönlichkeit, die durch einen kontinuierlichen Prozess von Arbeit und Erfahrung geprägt wurde, aufgebaut auf Disziplin, Engagement und einem klaren Bewusstsein für die Verantwortung, die Kunst im öffentlichen Raum trägt. Sein Bericht verdeutlicht, dass künstlerische Tätigkeit und Bühnenpräsenz integrale Bestandteile eines umfassenderen Prozesses kultureller Repräsentation und einer bewussten Beziehung zur Gesellschaft sind.

Im Kontext des achtzehnten Jahrestages der Unabhängigkeit des Kosovo behandelt dieses Interview Kultur als ein wesentliches Element gesellschaftlichen Aufbaus und öffentlicher Repräsentation. Lahajs Engagement durch die Fondacioni Rame Lahaj steht für eine klare Ausrichtung auf die Schaffung nachhaltiger Unterstützungsmechanismen für junge Generationen und verschiebt den Schwerpunkt von individueller Leistung hin zu institutioneller Verantwortung. In diesem Rahmen wird Kunst als eine Tätigkeit mit langfristiger Funktion verstanden, eng verbunden mit Bildung, kulturellem Erbe und der Konsolidierung einer nachhaltigen Zukunftsvision.

Die Diaspora, eines der aufrichtigsten Publika

Die albanische Diaspora ist eines der aufrichtigsten und sensibelsten Publika. Über Jahrzehnte war sie Musikformen ausgesetzt, die nicht immer authentisch waren. Durch Konzerte und Festivals habe ich versucht, einen Dialog zwischen urbaner klassischer Musik und albanischem Lied zu schaffen. Die Diaspora ist offen für neue Impulse, solange sie Respekt und Aufrichtigkeit in dem erkennt, was ihr angeboten wird.