Integration

Mit “Elefanten in Garten”, von Prizren nach Bern

Meral Kureyshi ist Schriftstellerin kosovarischer Herkunft und türkischer Muttersprache. Sie war eine der fünf Kandidierenden für den bedeutendsten Literaturpreis der Schweiz 2015

Sie kam mit ihren Eltern aus Kosova in die Schweiz. Das war 1992, im Alter von neun Jahren. Damals war für das feinfühlige kleine Mädchen aus Prizren in der Schweiz alles neu und fremd. “Ich war die einzige ausländische Schülerin in der Schule, in die ich kam. Und als neues ‚Phänomen‘ in der näheren Umgebung wurde ich natürlich als etwas Exotisches angeschaut”, sagt Meral Kureyshi, Schriftstellerin kosovarischer Herkunft und türkischer Muttersprache und eine der fünf Kandidierenden für den bedeutendsten Literaturpreis der Schweiz 2015. Ihr erster Roman “Elefanten im Garten”, gleichzeitig ihr erstes veröffentlichtes Werk, ist eine erstklassige Überraschung in der Schweizer Literaturwelt. Durch die Nominierung für den Schweizer Buchpreis wurde Meral zur vielbegehrten Person der deutschschweizerischen Medien, die mit grossem Interesse alles Wissenswerte über die Neuentdeckung in der hiesigen Literaturwelt in Erfahrung bringen wollen.

Auf unsere Bitte nach einem Interview für albinfo.ch – ihrem ersten für ein albanischsprachiges Medium – ging Meral Kureyshi sehr gerne ein und bedauerte, kein Albanisch zu können.

Albinfo.ch: Sie kamen als Neunjährige in die Schweiz, in eine Welt, die von jener Kosovos oder Prizrens völlig verschieden war. Was empfanden Sie damals, hatten Sie das Gefühl, fremd zu sein und nicht in diese Umgebung zu gehören? 

Meral Kureyshi: Wir waren die einzigen Ausländer in der Schule und natürlich war es etwas mühsam, dass ich aus einer anderen Umgebung kam und die Sprache der andern um mich herum nicht verstand. Das allein schon isolierte. Zudem erinnere ich mich, dass die Eltern meiner Klassenkameradinnen diese nicht sehr gerne mit mir spielen liessen. Doch mit der Zeit schwanden die Barrieren, die Beziehungen normalisierten sich und ich wurde Teil der Gemeinschaft, in der Klasse und in der Schule. Aber die Unterschiede existierten weiter. Zum Beispiel hatten meine Klassenkameraden, wenn sie aus den Ferien, die sie im Ausland verbracht hatten, zurückkehrten, jeweils allerlei Interessantes zu erzählen. Während wir, die wir die Schweiz weder verlassen durften noch die Mittel dazu gehabt hätten, uns schlecht fühlten. So waren mein Bruder und ich gezwungen, Geschichten zu erfinden, uns interessante Erlebnisse, die nicht stattgefunden hatten, auszudenken, damit wir auch dazugehörten.

Prizren als Schmelztiegel der Sprachen und Kulturen

Da hat auch die Erzählung “Elefanten im Garten” ihren Ursprung?

Ja, das kann man so sagen. Ich erzählte meinen Klassenkameraden, dass wir in der Stadt, aus der ich komme, einen grossen Garten mit Elefanten hatten. Auf diese Weise hatten auch ich und mein Bruder etwas zu erzählen.

Ich denke, in einer solch speziellen Situation muss etwas Ungewohntes herauskommen. Aber etwas anderes ist es dann, was du daraus machst, was du aus einer solchen Situation gewinnst. In meinem Fall lässt sich sagen, dass sich als Resultat aus jener Situation meine Begabung zum Schreiben entwickelte.

 Wie nahe ist Ihnen das Leben ihrer Kindheit in Prizren, wie stark tragen Sie dieses in sich?

Natürlich habe ich sehr lebendige Erinnerungen aus der Kindheit, aus einer Wirklichkeit, die sich klar unterscheidet von jener, die ich sehe, wenn ich Prizren besuche. Damals war es ein Schmelztiegel der Sprachen und Kulturen, türkisch, albanisch, serbisch. Jeder konnte die Sprache des andern, beziehungsweise alle konnten jede der drei Sprachen, wie wenn es ihre eigene wäre. Meine Mutter zum Beispiel sagt, wenn sie nach ihrer Muttersprache gefragt wird: ‚Türkisch, Albanisch und Serbisch.‘

Prizren ist immer noch schön. Doch aus der Kindheit behalten wir uns eine schöne Wirklichkeit, die wir in unserem Kopf idealisieren. Wenn wir uns diese dann, so wie es bei mir war, nach dreizehn Jahren Fernbleiben anschauen, erleben wir eine gewisse Desillusionierung.

“Für das Schreiben des Romans brauchte ich zehn Jahre”

Es heisst, Ihre Nominierung für den Schweizer Buchpreis sei eine Überraschung gewesen. Sie befassten sich Ihr ganzes Leben lang mit Schreiben, daher die Frage: Wie überraschend war er tatsächlich für Sie?

Ich kann sagen, dass er wirklich eine grosse Überraschung war. Ich hatte überhaupt nicht mit so etwas gerechnet. Ich sage das ehrlich, denn dieses Jahr kamen in der Schweiz so viele gute Bücher heraus. Es konkurrierten über neunzig verschiedene Bücher, alle sind gut und ich erwartete nicht, unter den fünf Auserwählten zu sein. Sicher erwarte ich auch nicht, dass ich gewinnen werde; viel mehr, und das sage ich ehrlich, wünsche ich das auch gar nicht. Ich denke, ich habe genug gewonnen allein damit, dass ich unter die fünf Ausgewählten gekommen bin. Das genügt mir. Mit dem ersten Buch, wie in meinem Fall, denke ich, ist ein so hoher Preis nicht zu gewinnen. Vergessen wir nicht, bis zu diesem Buch habe ich gar nichts Literarisches veröffentlicht. Ich habe nur den einen oder andern journalistischen Text publiziert, obwohl ich laufend Literatur schrieb. Doch für mich ist nicht der Preis wichtig, wichtig ist, dass die Leute das Buch lesen. Für das Schreiben des Romans brauchte ich zehn Jahre.

Sie gründeten ein „Lyrikatelier“ in Bern. Was passiert in diesem Atelier?

Dieses Atelier besuchen Junge, Kinder und Erwachsene, die eine Leidenschaft für Literatur haben. Hier wird über Texte gesprochen, werden Texte bearbeitet, wir tauschen uns aus, feilen und arbeiten an den literarischen Versuchen der Besucher. Es gibt hier auch Ausländerinnen, die Gruppen sind gemischt. Mit ihnen versuchen wir, die Texte, die sie in ihren Muttersprachen verfassten, gemeinsam ins Deutsche zu intepretieren.

Kann man in der Schweiz von der Literatur leben?

Nein, vor allem nicht in meinem Fall. Die Arbeit, von welcher ich zurzeit lebe, ist die Leitung des erwähnten Ateliers. Natürlich haben mit dem Bekanntwerden in jüngster Zeit Lesungen und ähnliche Aktivitäten zugenommen, so dass es da auch ein wenig materielle Anreize gibt, aber nicht in dem Mass, dass du davon leben könntest.

Wenn Sie bis zur Publikation eines neuen Romans noch einmal zehn Jahre warten, dann scheint die Perspektive nicht sehr erfreulich …

Nein, nein (lacht), den nächsten Roman werde ich viel schneller als den ersten veröffentlichen. Er wird bald bereit sein.

Haben Sie Bezug zu Kosova, dem Land Ihrer Geburt? Oder sind Sie informiert, was dort läuft, vor allem in kultureller Hinsicht?

Ja, auf jeden Fall habe ich Beziehungen und Kontakte, zumal dort auch meine Verwandten leben und ich Kosova ungefähr einmal im Jahr besuche. Doch da meine Familie und alle Freunde in der Schweiz sind, weiss ich nicht, inwiefern ich sagen könnte, Kosova sei meine Heimat – im Sinn des Begriffs „Heimat“ der deutschen Sprache – , und ob ich dort leben könnte.

Von den kulturellen Entwicklungen hingegen kann ich sagen, dass ich solide Kenntnisse habe. Es macht mir grösste Freude, das Filmfestival „Dokufest“ in Prizren mitzuverfolgen, ein sehr fortschrittliches Festival, das ich schon recht oft besucht habe. Ich habe dort viele Menschen kennengelernt. Es ist sehr schön, wie die Stadt davon belebt wird, wie sie mit dem Festival lebt, und es ist eindrücklich, wie viele Menschen der Welt Prizren und Kosova dank des Dokufests kennen.

Auch über das kulturelle Leben in Prishtina habe ich einen Überblick. Ich habe den Eindruck, dass in dieser Stadt alles in Bewegung ist, Neues passiert, das dortige Kulturleben ist recht dynamisch. Es kommen junge Menschen, angezogen von der Kultur und der Kunst, öffnen Ateliers und Galerien, alles ist sehr attraktiv. Leider kann ich kein Albanisch, doch die meisten dort können Englisch, so dass wir uns problemlos verständigen. Wenn ich sage, dort passiert so viel, dann denke ich andererseits an Belgrad, wo es ebenfalls viele künstlerische Aktivitäten gibt, doch herrscht dort eine etwas düsterere Atmosphäre, irgendwie lustlos. Da ist Prishtina ganz anders, hier haben wir eine Art Erwachen, einen kulturellen Aufbruch …

Eine grosse Bewunderin von Kadare

Wissen Sie etwas über albanische Literatur?

Auf jeden Fall. Ich kann Ihnen sogar sagen, dass ich eine grosse Bewunderin Ismail Kadares bin. Er ist ein grosser Schriftsteller und ich denke, Kadare hätte den Nobelpreis bekommen sollen (das Interview fand am 8. Oktober statt, dem Tag, als der Nobelpreis der weissrussischen Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch zugesprochen wurde).Von Kadare lese ich nicht nur die Romane, sondern ich habe ihn auch mehrere Male persönlich gesehen und gehört bei seinen Lesungen in der Schweiz. Das letzte Mal war er in Fribourg, wo er mich besonders beeindruckte.

Sie kamen jung als Ausländerin hierher. Können Sie etwas zur Integration der Ausländer in der Schweiz sagen: War sie damals schwieriger oder jetzt?

Ich denke, dass die Integration ein Problem war, und es auch immer noch ist und bleibt. Ich finde es sehr wichtig, dass die Menschen sich dort, wo sie leben, mit der Realität verbinden, die Sprache des Landes lernen etc. Integration ist auch eine Konfrontation, sie geschieht dann, wenn du mit jemandem bist, der nicht gleich wie du denkt, der nicht gleich wie du spricht etc. Es gibt jedoch viele Menschen (unter der ausländischen Bevölkerung), die dies nicht tun und nur innerhalb ihres eigenen familiären und kulturellen Kreises bleiben. Das ist selbstverständlich keine Integration, da es zu keiner Konfrontation zwischen dem Unterschiedlichen kommt.

Haben Sie politische Interessen?

Auf jeden Fall. Tatsächlich ist das politische Interesse für mich ein zusätzliches Motiv, endlich zu versuchen, den Schweizer Pass zu bekommen. Ich denke, dass es auf der Welt Veränderungen gibt, angesichts der neuen Migrationsbewegungen -ein Phänomen, das für mich ein dritter Weltkrieg ist. Dieses Kommen von Völkern wird sich auch in der Wirklichkeit verschiedener Staaten reflektieren, und auch die Schweiz kann nicht ausserhalb dieser Veränderungen bleiben. Wenn es mir gut geht, möchte ich nichts riskieren, das meine Situation verschlechtern könnte. Und wo Angst ist, gibt es keine Integration.

(Fotos: Matthias Günther)


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