Meinungen
Orientalische Misogynie
Die schändlichen Ereignisse während der Neujahrsfeiern in Köln, aber auch in Zürich, bei welchen Dutzende Frauen in ihrem Intimbereich missbraucht wurden und sexuelle Gewalt durch männliche Flüchtlinge erlitten, wecken zunehmend Polemiken und Revolten, mit welchen dem Staat, der seine Türen Millionen syrischen und anderen Flüchtlingen öffnete, die Anerkennung verweigert wird. Die zurückgebliebenen, archaischen Verhaltensweisen verursachen grossen Schaden, denn sie führen in der öffentlichen Wahrnehmung zur Vermischung unschuldiger Flüchtlingsfamilien mit Gesetzesbrechern. Sie schwächen auch deutlich die Stellung der fortschrittlichen Kräfte in den westlichen, Vielfalt gegenüber offenen Ländern, und sind Wasser auf die Mühle der Populisten und Fremdenfeinde, wie etwa der Pegida. Letztere nimmt diese Vorfälle zum Vorwand, um die Öffentlichkeit weiterhin gegen die muslimische Präsenz in Deutschland zu mobilisieren, und um die traditionellen Parteien und die Werte einer offenen Gesellschaft, auf welche das heutige Deutschland aufgebaut ist, weiter zu schwächen.
Unabhängig von der Instrumentalisierung dieser Ereignisse durch politische Bewegungen der extremen Rechten hinterlässt das kollektive Benehmen dieser Horden in Köln einen bitteren Geschmack für alle und zeigt deutlich Probleme in den Beziehungen zur Frau und der Wahrnehmung der Frau auf. Generell ist bei essentialistischer Betrachtung menschlicher Verhaltensphänomene Vorsicht angebracht, denn diese kategorisiert die Menschen nach ihrer kulturellen oder religiösen Herkunft, und sieht über ihre Individualität hinweg. Die Ereignisse in Köln lassen jedoch erkennen, dass zwischen Individuen aus Ländern, in welchen die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sich seit Jahrhunderten nicht weiter-, sondern im Gegenteil rückwärtsentwickelten, und einer Gesellschaft mit sehr weit fortgeschrittener Geschlechtergleichstellung tatsächlich Wertekonflikte entstehen.
Auch wenn die Dinge sich ändern und Kulturen nicht statisch sind, sondern sich entwickeln, also sich dem Umfeld entsprechend verändern, ist die Frau in der geographischen Sphäre der Länder des Orients, insbesondere dort wo der traditionelle religiöse Einfluss stark und die allgemeine Emanzipation stehengeblieben ist, klar diskriminiert, materiell und politisch vom Willen der Männer abhängig, und wird oft als ein Objekt (lies: sexuelles) im Dienst des Mannes (lies: um seine männlichen Begierden zu stillen) und zur Reproduktion betrachtet. Andrerseits sind männliche Jugendliche und Männer (wie auch Frauen, glaube ich) in dieser Hinsicht extrem enttäuscht, weil der Partner und ihr Sexualleben von der Familie, vom Umfeld, von den Traditionen, die einem völlig asymmetrischen Mann-Frau-Verhältnis entspringen, diktiert werden.
All diese Konstellationen, die die natürlichen menschlichen Bedürfnisse bremsen und sie mittels traditioneller familiärer Mechanismen kanalisieren, führen zu Heuchelei und einer Zerstörung des inneren Gleichgewichts bei den Jungen in schwindelerregendem Mass. Im Moment, wo nun die Individuen aus den strukturellen Zwängen und Verwicklungen der Herkunftsgesellschaften mit ihrer starken sozialen Kontrolle heraustreten, enthemmen sie sich, weil sie meinen, auf diese Weise die Freiheit zu finden, die sie nie genossen haben und stürzen sich darauf, ihren Hunger mit frauenfeindlichem Benehmen zu stillen.
Das Traurigste ist, dass sich solche Phänomene auch in albanischen Gefilden zeigen, besonders in Makedonien, doch auch in einigen Gegenden in Kosova, die immer stärker unter den Einfluss einer frauenfeindlichen Kultur geraten, wie sie sich innerhalb strenger politisch-religiöser Rahmenbedingungen, aber auch ausserhalb solcher entwickelt, als abgestandener Folklorekitsch. So fällt auf, wie Frauen in den albanischen Medien dargestellt werden, sozusagen nackt, vulgär und mit Gesten, die einen erröten lassen. Der Rückschritt unserer, der albanischen, Gesellschaft, und die Frauenfeindlichkeit sind demnach das Resultat zweier Kräfte: des konservativen politisch-religiösen Einflusses, und jener von ausserhalb, des Zitterns der orientalischen Hüften.
Diese Einschätzung verurteilt keineswegs die Herkunftskulturen und sucht die Gründe der Konflikte nicht nur in der kulturellen Dimension. Im Gegenteil, urteilen wir im Sinne des berühmten Orientalisten Edward Saïd, der sein Werk dem Kulturrelativismus gewidmet hatte, so widerspiegelt dieses zurückgebliebene Verhalten eben gerade die Abkehr orientalisch beeinflusster Gesellschaften vom Weg der kulturellen Moderne, vor allem seit der Zerstörung der halbdespotischen laizistischen Regimes und der Wiederherstellung einer strengen religiösen Kontrolle der sozialen und individuellen Beziehungen. Das Ausmass an Stagnation dieser Gesellschaften, darunter zum Teil auch der albanischen, in Bildung und allgemeinem Fortschritt, begünstigt lediglich die orientalische Misogynie.
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