Liebe MitbĂŒrgerinnen und MitbĂŒrger
Ich stehe hier beim Stadtweier meiner Wohngemeinde Wil.
Diese Ostschweizer Stadt hat nicht nur fĂŒr mich persönlich eine besondere Bedeutung, sondern auch fĂŒr unser Land. Im Hof zu Wil beschlossen 1647 die 13 Alten Orte der Eidgenossenschaft die erste Wehrordnung der Schweiz, das sogenannte Defensionale von Wil.
Dieser Vertrag gilt als Geburtsurkunde der Schweizer Armee und der bewaffneten NeutralitĂ€t der Schweiz. Er entstand gegen Ende des 30-jĂ€hrigen Kriegs, als die konfessionellen Spannungen auch in der Schweiz hoch waren und an der Rheingrenze gleichzeitig ein Ăberschwappen des Kriegsgeschehens auf eidgenössisches Territorium drohte.
FĂŒr unser Land besteht heute zum GlĂŒck keine unmittelbare militĂ€rische Gefahr. Aber wieder herrschen Kriege in Europa und im Nahen Osten, deren Folgen uns betreffen und herausfordern.
Ich kann noch einen zweiten Vergleich zur Zeit des 30-jÀhrigen Kriegs ziehen:
In seinem barocken Schelmenroman «Simplicissimus» schildert der deutsche Schriftsteller von Grimmelshausen die Schweiz als friedliche Insel inmitten der europĂ€ischen Kriegswirren, als, ich zitiere, «ein irdischâ Paradies», in dem «keine Furcht vor dem Feind [war], keine Sorg vor der PlĂŒnderung und keine Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren».
Betrachten wir uns nicht auch heute noch als Insel der GlĂŒckseligen inmitten einer Welt von bewaffneten Konflikten, Handelskriegen, zunehmender Demokratieskepsis und hoch verschuldeten Staaten?
Liebe MitbĂŒrgerinnen und MitbĂŒrger
Ja, es geht der Schweiz gut â im Vergleich mit vielen anderen LĂ€ndern, auch in Europa, sogar sehr gut.
Das haben wir vor allem unser politischen Kultur, unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung und unserem genossenschaftlichen Gemeinsinn zu verdanken.
Doch unser Wohlstand, unsere Freiheit, unsere politischen und sozialen Errungenschaften sind nicht selbstverstÀndlich und schon gar nicht garantiert.
Im Sinne der vielzitierten Willensnation mĂŒssen wir all dies wollen und uns dafĂŒr engagieren â im Privatleben, im Beruf, in der Gemeinschaft oder in der Politik.
Ich bin ĂŒberzeugt, dass wir gute Voraussetzungen haben, die Erfolgsgeschichte unseres Landes weiterzuschreiben.
Indem wir Sorge tragen zu unseren Institutionen und zu unserer politischen Kultur. Sie stehen fĂŒr Werte wie Mitsprache, Konkordanz Vielfalt, SolidaritĂ€t und SubsidiaritĂ€t.
Und indem wir unser freiheitliches System beibehalten, das den Menschen und Unternehmen einerseits Raum fĂŒr Entfaltung lĂ€sst und ihnen andererseits auch die Verantwortung fĂŒr ihre Handlungen ĂŒbertrĂ€gt.
«Jeder ist seines GlĂŒckes Schmied», sagt der Volksmund.
Wer sich anstrengt und Leistungsbereitschaft zeigt, soll auch heute noch ein gutes Leben fĂŒhren können. Auch wenn es zum Erfolg nebst Geschick manchmal auch noch etwas GlĂŒck braucht.
Wie am Ende des 30-jÀhrigen Kriegs, als die Eidgenossenschaft militÀrisch fast vollstÀndig verschont blieb und im WestfÀlischen Frieden von 1648 erstmals völkerrechtliche SouverÀnitÀt zugesprochen erhielt.
Das Geschick unserer Vorfahren â und das nötige QuĂ€ntchen GlĂŒck â haben die Schweiz zu dem gemacht, was sie heute ist.
Am heutigen Nationalfeiertag sollten wir daher mit Stolz, aber auch mit einer gewissen Demut auf unser Land schauen.
Und mit der Zuversicht, dass wir auch weiterhin unseres GlĂŒckes Schmied sein können.
Ich wĂŒnsche Ihnen einen schönen 1. August.